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Asyl

Der blanke Horror in Mafidonien

Auf dem Weg über den Balkan erleben Flüchtlinge Dramatisches. Mazedonien gilt als gefährlichste Etappe nach Mitteleuropa.
Von Norbert Mappes-Niediek, MZ

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: Wer zu Fuß Richtung Österreich will, folgt in der Regel der Bahnstrecke.
Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: Wer zu Fuß Richtung Österreich will, folgt in der Regel der Bahnstrecke. Foto: dpa

Wien.„Mafidonien“ nennen Flüchtlinge das kleine Land, das sie auf dem Weg nach Westeuropa passieren müssen und von dem die meisten bis dato kaum etwas gehört haben. Ganze 170 Autokilometer liegen zwischen dem griechischen Grenzort Evzoni und Tabanovce an der Grenze zu Serbien. Die Etappe durch Mazedonien gilt als die gefährlichste auf dem Landweg zwischen der Türkei und Österreich. Jetzt bemüht sich das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR um Ordnung.

Zwischen 2000 und 3000 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus Somalia kommen nach Schätzungen inzwischen täglich über die Grenze in das Balkanland mit seinen nur zwei Millionen Einwohnern. In Empfang genommen werden sie in der Grenzstadt Gevgelija von einem regen Schleppermarkt mit vielen Kriminellen aus aller Welt. Angeboten werden Taxis, Fahrräder, Plätze im Zug sowie für die beinahe Mittellosen auch Tipps für Fußreisen.

Hinter den Angeboten stecken oft Betrug und Raubüberfälle. Ein Iraker aus Mossul berichtet, er habe sich mit einer ganzen Gruppe von Landsleuten einem Sudanesen anvertraut, der ihnen einen Lkw-Transfer nach Serbien angeboten habe. Der Mann, mit einer Kalaschnikow bewaffnet, habe ihnen alles abgenommen, sogar die Schuhe, und sie dann gezwungen, sich von Verwandten über Western Union Geld schicken zu lassen. Erst nach einer Woche sei die Gruppe wieder freigekommen. Ein Grieche aus dem Grenzort Polykastro berichtete von einer Gruppe von 34 Menschen, die von Schleppern so schlimm verprügelt wurden, dass elf von ihnen ins Krankenhaus mussten. Weiter gibt es Erzählungen von Flüchtlingen, die 3000 Euro für die Fahrt nach Österreich im Güterwaggon bezahlten, dann aber nach wenigen hundert Metern auf ein Abstellgleis geschoben wurden. Von der Polizei ist zu hören, sie schaue weg und stecke mit den kriminellen Schleppern oft unter einer Decke.

Vier Wege durch Mazedonien

Flüchtlinge versuchen, im mazedonisch-serbischen Grenzort Gevgelija auf einen Zug zu kommen.
Flüchtlinge versuchen, im mazedonisch-serbischen Grenzort Gevgelija auf einen Zug zu kommen. Foto: dpa

Je nach den finanziellen Mitteln, die einer zur Verfügung hat, bieten sich für die Passage durch Mazedonien vier Wege an: das Taxi, der Zug, das Fahrrad und der Fußmarsch. Die nur dreistündige Zugfahrt zur serbischen Grenze ist der billigste und sicherste Weg. Seit dem Wochenende setzen die Staatsbahnen zu den täglich drei Verbindungen weitere drei nur für Flüchtlinge ein. Als die Züge zunächst nur für Syrer offen waren, kam es am Wochenende zu Tumulten und Schlägereien mit solchen, die auf dem Bahnsteig zurückbleiben mussten. Ein 12-jähriger Junge kam ums Leben, als er seinen Kopf aus dem Fenster seines schon fahrenden Zuges streckte und gegen einen Masten prallte.

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: Wer zu Fuß Richtung Österreich will, folgt in der Regel der Bahnstrecke.
Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: Wer zu Fuß Richtung Österreich will, folgt in der Regel der Bahnstrecke. Foto: dpa

Wer zu Fuß geht, folgt in der Regel der Bahnstrecke. Wenn Züge an Engstellen langsam fahren müssen, versuchen Flüchtlinge oft, während der Fahrt aufzuspringen; Mazedoniens Lokomotivführer haben deshalb schon mit Streik gedroht. Immer wieder werden Tote entlang der Geleise gefunden. Zu einem tragischen Unfall kam es im April. Eine Gruppe Afghanen traf auf eine Gruppe Somalier und fürchtete, es handele sich um die Räuber, vor denen sie gewarnt worden waren. Zwischen beiden Gruppen entwickelte sich ein Handgemenge. Dann kam der Zug und erfasste sie. 13 Afghanen und ein Somalier liegen jetzt anonym am Bahndamm bei Veles begraben.

Auf dem Weg nach Norden: Syrische Flüchtlinge an einer Autobahnausfahrt in der Nähe der mazedonischen Hauptstadt Skopje
Auf dem Weg nach Norden: Syrische Flüchtlinge an einer Autobahnausfahrt in der Nähe der mazedonischen Hauptstadt Skopje Foto: dpa

Die Taxi-Passage kostet allein für den mazedonischen Abschnitt 1500 Euro pro Person, das 30-Fache des Normalpreises, und wird zudem von vielen Betrügern angeboten. Sicherer und billiger ist die Fahrt mit dem Fahrrad. Die Route folgt der Autobahn; dort ist wegen Bauarbeiten meistens eine Spur gesperrt, und so ist sie auch für Radler gut befahrbar ist. Räder, meist wacklige ohne Gangschaltung, sind in Gevgelija für 150 Euro zu haben.

Debatte um Grenzzaun in Serbien

Mazedonien blockiert Grenzen

  • Notstand

    Mazedonien hat wegen der angespannten Flüchtlingssituation an seinen Grenzen zu Griechenland und Serbien den Notstand erklärt. Der Druck auf die südliche Grenze und der massive Zustrom illegal einreisender Flüchtlinge aus Griechenland habe dies erforderlich gemacht, teilte das Innenministerium am Donnerstag mit. Der Notstand ebne den Weg für einen Einsatz des Militärs, hieß es in der Mitteilung. Demnach soll die Krisensituation mit verstärkten Kontrollen an den Grenzen bewältigt werden.

  • Blockade

    Zuvor hatte die mazedonische Polizei laut Medienberichten die Grenze zu Griechenland an einer wichtigen Route blockiert und damit Tausende Flüchtlinge festgesetzt. Konkret betroffen war demnach die Hauptverkehrsader zwischen Skopje und der griechischen Hauptstadt Athen. Nur sporadisch sei kleinen Gruppen die Einreise gestattet worden, hieß es. Ziel der Behörden ist es, den Druck auf die mazedonische Grenzstadt Gevgelije zu mindern. Von dort versuchen jeden Tag Hunderte Flüchtlinge, einen der drei Züge in Richtung Serbien zu nehmen. Von dort aus reisen sie zumeist nach West- und Nordeuropa weiter.

Jenseits der Grenze in Serbien ist die Lage relativ entspannt. Wer es bis in die Grenzstadt Presevo geschafft hat, bekommt dort ein Papier ausgestellt, das zum 72-stündigen Aufenthalt in Serbien berechtigt. Die meisten Ankommenden steigen dort oder im Nachbarort Bujanovac in einen Zug und erreichen dann nach sieben Stunden Belgrad, wo viele vor dem Hauptbahnhof im Freien schlafen. Anders als in Mazedonien beantragen in Serbien aber auch viele Flüchtlinge Asyl.

Angeblich soll deren Zahl sich bis Ende des Jahres auf bis zu 100 000 addieren können. Eine rechte Oppositionspartei schlägt vor, Serbien solle es Ungarn gleichtun und an seiner Südgrenze einen Zaun errichten. Aus der Regierung kam umgehend Ablehnung. Serbien solle „Brücken, nicht Zäune“ bauen, sagte ein hoher Politiker der regierenden Fortschrittspartei.

Aktuelle Artikel zur Asyl-Debatte lesen Sie hier. Die Schicksale hinter der Asyl-Problematik haben wir in unserer Serie „Zuflucht“ beleuchtet. Die Artikel daraus lesen Sie hier.

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