MyMz

Integration

Neues Land, neue Liebe, neue Regeln

In Aufklärungskursen lernen junge Flüchtlinge von Christian Zech, wie sich Mann und Frau in Deutschland respektvoll begegnen.
von Christine Straßer, MZ

Wer sich integrieren will, hat viele Fragen. Auch im Umgang zwischen den Geschlechtern ist vieles neu.
Wer sich integrieren will, hat viele Fragen. Auch im Umgang zwischen den Geschlechtern ist vieles neu. Foto: dpa

Welche Frage stellen Ihnen die jungen Flüchtlinge am häufigsten?

Abseits der Schule und ihrer Wohngruppe haben diese Jungs nicht sehr viele Kontakte zu anderen. Deshalb möchten viele, gerade wenn sie schon etwas älter sind, wissen, wie und wo sie Mädchen kennenlernen können. Mit einer Kollegin führe ich dann vor, wie man auf respektvolle Weise jemand kennenlernen kann und auch wie man später vermittelt, dass man mehr möchte als Freundschaft. Diese Fragen stehen aber erst am Ende des dreiteiligen Workshops. Zuvor ist mir wichtig, dass ich mit den Jugendlichen eine Grundaufklärung mache. Und wir sprechen über Biologie, Werte und Regeln. Umgang mit Pornografie, Selbstbefriedigung und auch die Gesetzeslage ist ein Thema.

Welches Bild haben die Jugendlichen von den Frauen in Deutschland?

Wenn sie hier ankommen, dann haben sie Verschiedenes gehört. Es kursieren viele Mythen. Gerade die Schleuser erzählen ihnen auch, dass es hier sehr freizügig ist. Wobei die Jungs, sobald sie hier sind, sehr schnell lernen, dass das so nicht stimmt. Oft sind die Frauen hier für die Jugendlichen eher ein großes Fragezeichen und die Vielfalt der Möglichkeiten verwirrt sie. Dann erzählen die Jungs untereinander Geschichten und sehen vielleicht einmal etwas im Fernsehen oder machen Beobachtungen, aus denen sie falsche Schlüsse ziehen.

Können Sie Beispiele geben?

Na ja, in seinem Heimatland hat ein Junge gesehen, wie sich eine Frau von einem Einheimischen massieren lässt, während ihr Mann daneben liegt. Für ihn war klar, dass europäische Männer kein Problem haben, wenn andere Männer ihre Frauen anfassen. Anderes Beispiel: Ein junger Mann hat erzählt, dass er in Deutschland an der Bushaltestelle ungefragt von drei angetrunkenen Frauen abgeknutscht wurde. Das war an Fasching. Der Junge hat das gar nicht einordnen können.

Von welchen Problemen erzählen die Jugendlichen denn selbst?

Das reicht von Aussagen der Jungs wie „Die Deutschen mögen uns nicht“ bis hin zu „Wir sprechen die Sprache zu schlecht“. Aber die meisten wissen auch kaum etwas. Die Wissens- und Sprachvermittlung ist meist mein Türöffner. Wenn sie dann noch verstehen, es geht um ihre Fragen, das beinhaltet auch das Recht und Wertvorstellungen, dann lassen sie sich auf den Workshop ein.

Der Workshop

  • Der Leiter

    Der 42-jährige Christian Zech arbeitet als Sozialpädagoge, Familientherapeut und Sexualpädagoge in Ingolstadt. Bevor er Soziale Arbeit studierte, war er als Bankkaufmann tätig. Sein erster Beruf habe dazu beigetragen, dass er seine Arbeit als Dienstleistung für den „Kunden“ auf Augenhöhe verstehe, sagt Zech. Er berät Schwangere, Paare und Männer und er geht an Schulen.

  • Die Grundidee

    Mit der Aufklärung ugendlicher Flüchtlingen beschäftigt sich Zech bereits seit 2013. Er entwickelte einen Workshop, nachdem ihn Kollegen, die Betreuer in Wohngruppen sind, angesprachen, weil er auch Sexualkunde an Schulen macht. Zech überlegte sich einen dreiteiligen Kurs. Basis ist eine sexuelle Grundaufklärung, eine Erläuterung der Gesetzeslage und die Auseinandersetzung mit Werten.

  • Kulturelle Unterschiede

    Den Startschuss für die Arbeit in diese Richtung gab laut Zech ein Kurs mit türkischen Jungs, die hier geboren wurden. Unabhängig davon habe er bemerkt, dass egal, wo er sei, auf einem Gymnasium, Grundschule, Hauptschule, die Jungen, aber auch die Mädchen gewisse Dinge einfach lernen müssen. „Kulturelle Unterschiede gibt es ja auch zwischen Schulen, je nachdem, was dort gelebt wird“, sagt Zech.

  • Vermittlung von Werten

    In der Pubertät geht es darum, Grenzen wahrzunehmen, zu setzen und zu akzeptieren. Schon für deutsche Jugendliche ist das schwer. Zech erzählt über die jungen Flüchtlinge: „Die Jungs kommen von weit, weit her und man würde sich wünschen oder verlangt von ihnen, dass sie sich perfekt benehmen, unsere Werte und unser Verhalten kennen, aber sehr wahrscheinlich hat ihnen das niemand erklärt.“

Welche Ratschläge geben Sie für das Ansprechen von Mädchen?

Ich bespreche mit den Jungs, wie sie rüberkommen. Wenn vier oder fünf Jungs laut in einer fremden Sprache schäkern, dann ein Mädchen ansprechen und recht schnell die Telefonnummer haben wollen, dann wird das kaum klappen. Wenn wir übers Flirten sprechen, mache ich deutlich, dass es um viele kleine Einladung geht. Schaut Dich jemand an? Lächelt Dich jemand an? Dann kannst Du näher kommen.

Sprechen die Jugendlichen, die Sie kennenlernen, respektlos über Frauen?

Ich erlebe eigentlich nicht, dass die Jungs die Frauen weniger schätzen. Mal ein Spruch unter Männern, um meine Reaktion zu testen, aber das „Gegockel“ gibt es in vielen Klassen. Ab und zu höre ich von den Betreuerinnen in den Wohngruppen, dass die Jungs, wenn sie ankommen, noch das Bild haben, dass eine Frau nichts zu sagen hat. Wenn eine Betreuerin sie dann aber zum Kloputzen verdonnert und sie dann auch Kloputzen müssen, merken die Jungs schnell, dass die Frauen hier etwas zu sagen haben.

Und das Beziehungsbild?

Da kommen sie mit den Bildern, die sie von zu Hause kennen. Viele wollen jung heiraten, viele Kinder haben. Die Frau ist für zu Hause zuständig, der Mann ist der Ernährer und vertritt die Familie nach außen. Wobei das nicht unbedingt heißt, dass die Frauen weniger zu sagen haben. Und das kann sich alles ändern, wenn sie hier Erfahrungen machen. Man darf auch nicht vergessen, dass die meisten einen weiten Weg zurückgelegt haben. 90 Prozent wollen ja wirklich hier ankommen. Viele sagen, hier ist Europa, da gelten andere Regeln. Die meisten würden sich total einsetzen – und das machen auch viele –, um hier anzudocken. Es gibt ja Flüchtlinge, die lernen Tag und Nacht die Sprache. Die sind ja integrationswillig. Wenn man sie dann aber drei Jahre in einer Einrichtung sitzen lässt, wo sie wenig verstehen und sich wenig tut, dann kann sich Frust aufbauen und die Jungen wenden sich vielleicht religiösen Angeboten der extremeren Art zu.

Wie reagieren Sie, wenn einer der Jungs sich abwertend über Frauen äußert?

Christian Zech ist Sozialpädagoge, Familientherapuet und Sexualpädagoge. Foto: Zech
Christian Zech ist Sozialpädagoge, Familientherapuet und Sexualpädagoge. Foto: Zech

Im gesamten Kurs geht es immer wieder darum, dass Frauen und Männer gleichwertig sind. Ich erkläre, dass in Deutschland Paare nicht wegen des Geldes oder des Schutzes zusammen sind, sondern wegen des gegenseitigen Wohlbefindens. Für die Jungs heißt das dann, eine Frau wird hier nur mit mir zusammen sein wollen, wenn sie sich wohl fühlt bei mir. In den seltenen krassen Fällen erkläre ich noch mal die Rechtslage, nehme ganz persönlich Stellung und frage nach der Meinung der anderen Teilnehmer.

Was sind typische Ängste, auf die Sie eingehen?

Ein Thema, dass viele beschäftigt, ist Selbstbefriedigung mit alle den Mythen: Blindheit, Kinderlosigkeit... Da gehe ich darauf ein, was sagt der Koran, was sagt mein christlicher Glaube, was sagt das Recht, die Medizin und was ist da draußen alles üblich. Ich versuche, dass sie alle Informationen haben, um ihren Weg zu finden.

Sie haben den Koran angesprochen. Welche Rolle spielt Religion?

Unterschiedlich. Auch wenn man von Werten und Vorurteilen spricht, ist das von Person zu Person ganz unterschiedlich. Am Anfang dachte ich, dass ich viel mehr über die kulturellen Hintergründe wissen müsste. Aber auch bei zwei jungen Afghanen können Sie auf völlig verschiedene Vorstellungen treffen. Da kann es entscheidender sein, ob der Junge aus dem ländlichen Bereich kommt, einer Großstadt oder aus einer sehr traditionellen Familie.

Auf wie viele unbelehrbare Machos treffen Sie denn?

Bei den minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen erlebe ich eher, dass sie meistens sehr respektvoll sind. Dass ihnen die Empathie für das Gegenüber fehlt, sehe ich selten. Da höre ich von in Deutschland geborenen Jugendlichen wesentlich problematischere Aussagen.

Lesen Sie auch: Die Übergriffe auf Frauen in Köln empörten die Republik. Fünf Menschen erzählen, was die Gewalt in ihnen verändert hat.

Das klingt jetzt so, als wäre an allen Schulen und für alle Schüler Nachhilfe in Sachen Sexualität und Gleichberechtigung angebracht?

Als Sexualpädagoge komme ich ja auch an Schulen. Aus meiner Erfahrung heraus wäre es wichtig, dass man zumindest alle zwei Jahre einen altersangepassten Kurs in der Schule halten kann, um die aktuellen Fragen zu beantworten, sie in ihrer Entwicklung unterstützt und dem, was an Pornografie oder generell schlechten Einflüssen in Sachen Sexualität einprasselt, etwas entgegenzusetzen. Was an Übergriffen sozusagen alltäglich im Pausenhof stattfindet, kann gravierend sein.

Es ist also nicht nur ein Flüchtlingsthema...

Wenn wir von den Flüchtlingen erwarten, dass sie sich einwandfrei verhalten, dann sollten wir das auch in unserer Gesellschaft und als jeder einzelne so vorleben. Was ich zusätzlich wichtig finde, ist Mädchen und Frauen beim Thema sexuelle Übergriffe zu sensibilisieren und zu stärken, damit sie sich wehren und Übergriffe anzeigen. Wenn dann noch die Justiz angemessen reagiert, sind wir einen großen Schritt weiter.

Hier geht‘s zu unserem MZ-Spezial rund um das Thema Flüchtlinge!

Mehr Politiknachrichten lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht