mz_logo

Außenansicht
Samstag, 21. Juli 2018 31° 2

Soziales

„Armut“ – ein relativer Begriff

Statistische Zahlen sagen längst nicht alles über das wirkliche Armutsrisiko aus. Deutschland steht im EU-Vergleich gut da.
Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.
Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

München.Kürzlich veröffentlichte die europäische Statistikbehörde Eurostat eine Zahl, die aufhorchen ließ: Das Armutsrisiko für Arbeitslose liegt in Deutschland bei 70,8 Prozent und damit deutlich höher als in anderen Ländern der EU. Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Der vermeintlich schlechte Wert für Deutschland liegt hauptsächlich an der Definition der Armutsgefährdung. Als „arm“ gelten nach der Statistik Personen, die weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens zur Verfügung haben. Das Medianeinkommen in Deutschland liegt aber selbst nach den Berechnungen von Eurostat mit 21 275 Euro höher als in den meisten anderen EU-Ländern. In Spanien beispielsweise liegt der Wert bei 13 600 Euro, in Italien bei 16 200, in den Ländern Mittel- und Osteuropas noch deutlich niedriger. Das bedeutet: Wer nach der obigen Definition in Deutschland als arm gilt, verfügt damit immer noch über ein wesentlich höheres Einkommen als vergleichbare Personen in den meisten anderen EU-Ländern.

Tatsache ist auch, dass ein arbeitsloser Single in Deutschland im Schnitt 416 Euro bezieht und zusätzliche Sachleistungen für Wohnen und gegebenenfalls Mehrbedarf, zum Beispiel im Falle von Krankheit, erhält. Dieses Paket liegt deutlich über den Leistungen, die im europäischen Schnitt angeboten werden. Insbesondere werden in anderen EU-Ländern weniger Sachleistungen gewährt. Mit Blick auf die Sozialausgaben insgesamt liegt Deutschland im EU-weiten Vergleich im oberen Drittel. Die Bundesrepublik verwendet derzeit 29,1 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Aufgaben aus dem Bereich der sozialen Sicherung. Nicht weniger als 19 der 27 anderen EU-Länder weisen geringere Quoten auf. Die Meldung von Eurostat zeichnet auch insgesamt ein völlig falsches Bild der wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland.

Unser bewährtes System der sozialen Marktwirtschaft ist ein Garant dafür, dass es der großen Mehrheit der Menschen in Deutschland gut geht. Allein schon angesichts der geringen Zahl an Arbeitslosen ist die Armutsgefährdung in Deutschland geringer als in den meisten europäischen Ländern. Die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt lässt viele Menschen am Aufschwung teilhaben: 78 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter gehen einer Beschäftigung nach. Die Erwerbstätigkeit liegt mit 44,6 Millionen deutschlandweit auf einem Rekordniveau. Die Jugendarbeitslosigkeit ist gerade in Bayern kaum messbar, selbst die Langzeitarbeitslosigkeit ist im Freistaat zuletzt stark zurückgegangen – im Zeitraum von Februar 2017 bis Februar 2018 um 12,1 Prozent. Beschäftigung ist und bleibt die beste Armutsprävention.

Der Autor ist Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht