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Bayern braucht Stromtrassen

Die Staatsregierung hält den Freistaat in Energiefragen für eine Insel. Das gefährdet die wirtschaftliche Entwicklung.
Von Matthias Jena

Matthias Jena ist Vorsitzender des DGB Bayern.
Matthias Jena ist Vorsitzender des DGB Bayern. Foto: Kerstin Groh

Bevor der Strom aus der Steckdose kommt, muss er erstens produziert und zweitens zur Steckdose transportiert werden. Die Bayerische Staatsregierung blockiert zurzeit beides. Das könnte schon bald eine völlige Selbstverständlichkeit gefährden: nämlich eine verlässliche und bezahlbare Stromversorgung für die Bürger, für die Industrie und für energieintensive Dienstleistungen in Bayern.

Wie schwerwiegend die Folgen einer Stromknappheit wären, ist nicht abzusehen. Aber schon jetzt zeigen sich erste negative Effekte. Die Gewerkschaften beobachten mit großer Besorgnis, dass die bayerischen Unternehmen aufgrund fehlender politischer Entscheidungen bei der Energiewende Investitionen verzögern und damit auch Innovationen zurückfahren. Die politische Untätigkeit gefährdet also Arbeitsplätze. Im schlimmsten Fall droht ein Bruch des deutschen Strommarkts und Bayern eine Insel-Lösung mit erhöhten Stromkosten.

Verfolgt man das Verhalten der Bayerischen Staatsregierung, kann man den Eindruck bekommen, die Verantwortlichen halten Bayern in Energiefragen für eine Insel ohne Kontakt zur Außenwelt. Doch jeder Insulaner weiß: Was nicht von draußen kommt, muss ich selbst herstellen.

Allerdings hat die Staatsregierung gerade die Windkraft in Bayern begraben. Am Freitag hat die MZ in ihrer Online-Ausgabe berichtet, dass Windkraft wegen der verschärften Abstandsregelung für Windräder kein Thema mehr in Bayern ist. Stattdessen fließen die Investitionen für neue Windräder in andere Bundesländer.

Für Bayern als zukunftsorientierten Wirtschaftsstandort ist das nicht gut. Es wäre aber nur halb so schlimm, wenn der saubere Windstrom aus den Windparks an Nord- und Ostsee zuverlässig und in großen Mengen nach Bayern transportiert würde. Genau das verhindert die Staatsregierung, indem sie den Bau neuer Stromtrassen nach Bayern blockiert.

Dabei sind zwei Aspekte besonders eigentümlich. Erstens muss man kein Experte sein, um zu erkennen, dass künftig viel mehr Strom auf neuen Trassen nach Bayern fließen muss. Denn bis 2022 sollen alle bayerischen Atomkraftwerke abgeschaltet werden, die bisher über 50 Prozent des bayerischen Strombedarfs produziert haben. An diesem Samstag geht das AKW Grafenrheinfeld endgültig vom Netz. Die Stromlücke in Bayern wächst also Schritt für Schritt und wird 2022 satte 40 Terawattstunden betragen, das ist eine Vier mit 13 Nullen. Der Bau beziehungsweise Ausbau von Übertragungsnetzen für diese gigantische zusätzliche Strommenge nach Bayern ist unumgänglich.

Zweitens irritieren Vorschläge der Staatsregierung wie jener, dass die Stromtrasse nach Bayern durch Hessen und Baden-Württemberg führen und erst im letzten Moment nach Bayern abbiegen soll. Nach dem Motto: Wir nehmen den Strom, ihr kriegt die hässlichen Leitungen. Das gleiche Muster zeigt die Staatsregierung aktuell auch beim Atommüll: Wir haben zwar einen Großteil davon produziert, wollen aber auf keinen Fall irgendetwas davon bei uns zwischenlagern.

Mit so einer engstirnigen, opportunistischen Herangehensweise gefährden Seehofer & Co. die gesamte Energiewende in Bayern. Sie kann nur mit einem länderübergreifenden Energiekonzept gelingen. Dafür müssen alle Akteure konstruktiv zusammenarbeiten.

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