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Datenschutz: Anarchie im Internet

Kaum jemand hält sich an die neue Datenschutz-Verordnung – in diesem Staat muss sich jeder Bürger selbst digital verteidigen.
von Christian Bennefeld, Datenschützer

Christian Bennefeld ist Datenschutz-Experte und Mitbegründer von eBlocker.com Foto: Sascha Moll
Christian Bennefeld ist Datenschutz-Experte und Mitbegründer von eBlocker.com Foto: Sascha Moll

Bei „Safer Internet“ denken die meisten an Viren und Cybergangster. Dabei lauert in der Nutzung des Internets eine viel größere Gefahr. Heute ist Safer Internet Day. Motto: „Together for a better internet“. Das Internet kann aber auch nur besser werden. Denn so wie es ist, kann es nicht bleiben. Was sich hinter den Kulissen der vielen bunten Apps und Internetseiten abspielt, ist ein handfester Skandal. Sogenannte Tracker – also professionelle Datensammler – beobachten jeden Mausklick, jede Formular-Eingabe, jeden Scrollvorgang, jede Aktion auf jeder besuchten Seite. Ihr Auftrag lautet, Nutzer auszuspionieren und die gesammelten Daten an Werbe-Scoring-Unternehmen und Datenhändler zu liefern. Diese Informationen, gebündelt in persönlichen Profilen, machen den „gläsernen Surfer“ längst zur Realität. Die darin enthaltenen Geheimnisse würden die meisten wahrscheinlich nicht mal ihrem besten Freund anvertrauen: Krankheiten, politische Meinung, finanzielle Situation und sogar sexuelle Vorlieben.

„Ein Klick müsste also reichen, um sich vor Datenabgriff zu schützen. Nur hält sich kaum jemand an die Vorgaben.“

Wissen Bürger aber, was Unternehmen über sie wissen? Und hilft der Staat, den Datenschutz zu wahren? Klare Antwort: Leider nein. Zwar haben wir gute Datenschutzgesetze. Zum Beispiel die im letzten Jahr in Kraft getretene europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Einer ihrer Kernpunkte: Nutzer müssen explizit ihre Einwilligung zur Verarbeitung der sie betreffenden personenbezogenen Daten abgeben, solange dazu kein berechtigtes Interesse vorliegt. Ein Klick müsste also reichen, um sich vor Datenabgriff zu schützen. Nur hält sich kaum jemand an die Vorgaben.

„Jeder Bürger muss sich selbst digital verteidigen. Für den Staat ein Armutszeugnis.“

Wahrscheinlich kennen Sie die Realität: Üblich sind Schaltflächen wie „Weitere Informationen“, die zu seitenlangen, in für Otto Normalverbraucher unverständlichem Juristendeutsch verfassten Datenschutzerklärungen führen. Solche Vergehen werden nur selten geahndet. Ich war vorsichtig optimistisch, dass die DSGVO dem Verbraucher wirklich hilft, sich gegen Datensammler zu wehren. Tatsächlich ist aber alles gleich schlecht geblieben. Uns bleibt nichts anderes übrig, als Datenschutz selbst in die Hand zu nehmen. Nur fehlt den meisten dazu a) die Kompetenz und b) die Zeit. Zurzeit helfen allein technische Lösungen, die eigenen Daten zu schützen. Jeder Bürger muss sich selbst digital verteidigen. Für den Staat ein Armutszeugnis.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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