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Außenansicht

Der Weg zu mehr Teilhabe

Ab Januar beginnt für Menschen mit Handicap eine neue, autonome Zeit. Trotzdem warnt unser Experte vor möglichen Gefahren.
Von Ulrich Lilie, Evangelischer Theologe

Regensburg.Die Hilfe für Behinderte steht im kommenden Jahr vor einem grundlegenden Wandel: Am 1. Januar 2020 tritt das Bundesteilhabegesetz mit seiner dritten und wichtigsten Stufe in Kraft.

Für Menschen mit Behinderung beginnt damit eine neue Zeit. Sie können wesentlich selbstständiger entscheiden, von wem sie welche Hilfe beziehen wollen: wie sie wohnen, welche Mahlzeiten sie bestellen und wer sie pflegen soll. Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) setzt die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen um. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel: weg von der fürsorglichen Betreuung, hin zur möglichst autonomen Teilhabe am Leben. Die Diakonie unterstützt diesen Schritt. Inklusion – also der Abbau von Barrieren und die Integration in die Gesellschaft – ist ein Ziel, das wir seit Jahrzehnten verfolgen. Die Hilfe für Menschen mit Behinderung soll individuell zugeschnitten, in den Sozialraum integriert und bedarfsgerecht sein – so die Theorie.

Doch am 1. Januar sind noch nicht alle Hürden beseitigt. Das BTHG ist mit vielen komplexen Auflagen verbunden. So wird mit jedem Betroffenen ein „Integrierter Teilhabe-Plan“ erarbeitet. Und wir müssen aufpassen, dass kein neues Bürokratie-Monster entsteht. Menschen, die wissen, wie sie teilhaben wollen, können ihren Plan leicht erarbeiten. Sie können etwa aus einem Heim auf dem Land in eine Wohngruppe in der Stadt ziehen oder individuell einen Pflegedienst beauftragen. Es kostet aber Mut, einen solchen Schritt in die Unabhängigkeit zu gehen. Und dann gibt es mehrfach schwerbehinderte Menschen, die nie gelernt haben, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Auch sie sollen teilhaben, aber es besteht für sie häufig keine Alternative zum Leben in einem geschützten Raum.

Wenn aber in unseren Heimen nur die Bewohner mit den größten Handicaps zurückbleiben, besteht die Gefahr, dass sich Ghettos bilden. Das wäre genau das Gegenteil von dem, was die Behindertenrechtskonvention beabsichtigt. Es bleibt noch viel zu tun. Viele Betroffene haben bis heute keine genaue Vorstellung davon, was auf sie zukommt. Wir werden Menschen mit Behinderung durch die Veränderungen begleiten und ihre Autonomie fördern, wo immer es geht. Und wir werden ein Anwalt für diejenigen sein, die an neue Hürden stoßen. Für sie alle soll 2020 ein gutes neues Jahr werden.

Der Autor ist Präsident der Diakonie Deutschland.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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