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Kultur als Vorbild?

Im Jahr 2020 wird auf 30 Jahre Wiedervereinigung zurückgeblickt. Ein Thema wird selten beachtet: die Denkmalpflege.
Dr. Ursula Schirmer, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Dr. Ursula Schirmer, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Dr. Ursula Schirmer, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Im Jahr 2020 können wir auf 30 Jahre Wiedervereinigung zurückblicken und kritisch Bilanz ziehen. Ein Thema wird dabei selten beachtet: die Denkmalpflege. Dabei hat sie in der Bürgerbewegung der DDR, oft unter dem Dach von zentralen Arbeitskreisen und Interessengemeinschaften des DDR-Kulturbundes, eine wichtige Rolle gespielt. Die Erschütterung über den desolaten Zustand einzelner Baudenkmale oder ganzer Altbauquartiere ging einher mit der Erkenntnis, dass in den alten Städten und Dörfern ein großer historischer und künstlerischer Reichtum erhalten war.

Während im Westen Modernisierungsschübe, Flächensanierungen und der hohe Veränderungsdruck durch wirtschaftliche Prosperität ihren Tribut forderten, mussten in der DDR über Jahrzehnte historische Werte vor Dynamitladungen und Abrissbaggern gerettet werden – ideologisch motivierten exemplarischen Zerstörungen zum Trotz. Dem Glauben an moderne Materialien und Techniken und der Entwicklung neuer Vorgehensweisen bei der Bewahrung kostbarer Bausubstanz auf der einen Seite stand die Praxis kluger Köpfe und geschickter Hände gegenüber. Trotz oder gar wegen der Mangelwirtschaft mussten haupt- und ehrenamtliche Denkmalpfleger sich versierter Handwerker bedienen, die die Kunst der Reparatur hochhielten. Deren Erfahrung im Umgang mit historischen Materialen und Techniken, aus der langjährigen Not des Materialmangels eine Tugend der Denkmalreparatur zu entwickeln, bot später den Konservatoren im Westen wichtige Impulse für das gemeinsame Leitbild einer ressourcenschonenden Denkmalkultur, wie es heute gelebt wird.

Gegenseitiger Respekt und das Lernen voneinander haben die Euphorie der Jahre nach der Wendezeit in der Denkmalpflege überdauert. Im fachlichen Diskurs erhielt die Denkmalpflege nach der Wiedervereinigung vielfältige neue Impulse. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fühlt sich dieser Erfahrung verpflichtet – durfte sie doch wie viele Initiativen vor Ort eine großartige Welle der solidarischen Hilfsbereitschaft bei der Rettung des gemeinsamen kulturellen Erbes erleben. Diese Haltung der Verantwortung und des lernenden Miteinanders könnte beispielgebend für andere Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in der inzwischen dreißigjährigen „Berliner Republik“ sein.


Die Autorin ist Leiterin der Abteilung Bewusstseinsbildung und Pressesprecherin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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