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Lebewesen wollen leben

Die Mondfinsternis faszinierte. Für jährlich 60 Mio. Mastschweine ist täglich Mondfinsternis. Es liegt an uns, das zu ändern.
Von Viktor Gebhart, Tierschützer

Der Autor ist Geschäftsführer bei der bundesweiten Tierrechtsorganisation Animals United e.V. Foto: Gebhart
Der Autor ist Geschäftsführer bei der bundesweiten Tierrechtsorganisation Animals United e.V. Foto: Gebhart

München.Die gestrige Jahrhundert-Mondfinsternis hat uns fasziniert, wir sind in die Natur, an die frische Sommerluft gegangen und haben uns das Spektakel angesehen. Lora und ihre Leidgenossen kennen den Mond nicht, haben ihn noch nie scheinen, die Sterne noch nie funkeln sehen und frische Luft noch nie schnüffeln dürfen. Sie sind die Realität, sie sind die Lebewesen hinter unseren Schnitzeln. Ihr Alltag: Dahinvegetieren in Schmutz und Enge, ständig geplagt von Krankheitserregern. Gemeinsam mit tausenden anderen in einem Stall in völliger Dunkelheit, nur zu bestimmten Zeiten von Dämmerbeleuchtung unterbrochen. Für sie ist jeden Tag Mond- und Sonnenfinsternis.

Mit vielen weiteren liegt Lora in einer schmutzigen Betonbucht, im eigenen Kot und Urin, die wie ihre kleinen Klauen ab und an durch die Spalten im Boden rutschen. Wirklich bewegen können sie sich nicht, aber das ist gewollt, sollen sie in nur wenigen Monaten 100kg Mastgewicht erreichen. Die vielen Medikamente schlagen auf das Gemüt, ihr Schwanzstummelchen schmerzt und blutet, da die anderen Schweine aus Aggression und Nervosität ständig daran beißen, seit sie ihr ihren schönen Ringelschwanz präventiv ohne Betäubung abgeschnitten haben, begleitet vom Abschleifen ihrer Zähne. Ihre Brüder traf es schlimmer. Lora wird ihre spitzen Schreie nie vergessen. Trotz allem hält sie sich tapfer auf den Beinen, soweit möglich. Ihre Gelenke sind durch die Spaltböden ganz verkrüppelt. Auch die zusätzlich für mehr Koteletts hinzugezüchteten Rippen erschweren ihren Alltag. Ihre Speckschwarte musste weichen, heute ist nur mageres Fleisch gewünscht. Das Verhältnis Organe zu Körper stimmt dadurch nicht mehr. Die Medikamente sollen beruhigen.

Lora würde gerne noch mehr von ihrer Existenz – ein Leben ist es nicht – erzählen, aber die Mondfinsternis ist längst vorbei und der Mensch, der immer in ihren Stall kommt, ist heute früher erschienen und ist gestresst. Vermutlich kommt der nächste Laster, der immer wieder welche von ihnen holt. Wohin die Reise geht, weiß sie nicht, nie ist jemand zurückgekehrt. Sie hofft, sie darf den Mond sehen, die Sterne und die Sonne. Und die frische Sommerluft auf ihrer Haut spüren…

Rund 60 Millionen Schweinen in Deutschland geht es wie Lora. Wir haben die Wahl – jeden Tag am Supermarktregal. Lebewesen wollen leben.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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