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Mehr Zeit fürs Geschichten vorlesen

Nicht nur Kindern, sondern auch Eltern profitieren vom gemeinsamen Geschichten lesen, meint unsere Gastautorin.
Margot Czekal, Sozialpädagogin

Margot Czekal ist Geschäftsführerin Pädagogik beim Landesverband Bayern des Deutschen Kinderschutzbundes.
Margot Czekal ist Geschäftsführerin Pädagogik beim Landesverband Bayern des Deutschen Kinderschutzbundes.

Können Sie sich noch erinnern, wie das war, sich an einem dunklen Winternachmittag auf Großmutters Schoß in ihre Arme zu kuscheln und mit großen Augen und wachsamen Ohren der Geschichte zu lauschen, die sie aus dem alten Märchenbuch vorlas? Gerne erinnere ich mich daran, wenn mein Vater an meinem Bett saß und seine selbst erfundenen Abenteuer-Geschichten erzählte, so spannend, dass meine Schwester und ich darüber vergaßen, einander unter der Bettdecke zu boxen oder zu treten. Und noch heute sehe ich das erwartungsvolle Leuchten in den Augen meiner eigenen Kinder, wenn das abendliche Bettgeh-Ritual endlich bei der Gute-Nacht-Geschichte angekommen war – vorgelesen aus dem alten Märchenbuch (ja, sowas habe ich tatsächlich aus meiner Kindheit mitgenommen) oder erzählt von meinem Mann, der beim Geschichtenerfinden einfach besser war als ich.

Leider ist es für viele Familien heute oft nicht möglich, solche Traditionen zu entwickeln oder fortzuführen. Unser Leben – beruflich wie privat – hat in den letzten Jahren stark Fahrt aufgenommen, ist schneller und hektischer geworden, immer mehr Termine sind auch im Familienleben zu koordinieren; Eltern und Kinder müssen häufig nach dem nach Hause kommen noch allerhand erledigen. Damit alles unter einen Hut gebracht werden kann, müssen immer Alle funktionieren und alle Pläne eingehalten werden. So bleibt oft das vermeintlich „Unwichtige“ auf der Strecke.

Dabei können ein paar ruhige gemeinsame Minuten am Abend oder am Sonntagnachmittag für Eltern und Kinder Positives bewirken. Nicht nur die Kinder können ihre Batterien hierbei aufladen, sogar wir Eltern profitieren davon, für kurze Zeit zur Ruhe zu kommen und unsere Kinder in einem positiven Kontext zu erleben. Nur am Rande möchte ich wissenschaftlichen Erkenntnisse erwähnen, dass Vorlesen und Geschichtenerzählen kleine und jüngere Kinder in ihrer sozialen, emotionalen und intellektuellen Entwicklung fördert und die Bindung zu den Eltern stärkt. Das können wir in jedem Erziehungsratgeber nachlesen. Viel stärker erlebe ich den Effekt, wenn heute am Familientisch mit den längst erwachsenen Kindern manchmal Gespräche beginnen mit: „Weißt du noch, wie du abends die Geschichte ….“. Dann weiß ich, dass wir ein Stück Leben gemeinsam gegangen sind.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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