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Tierwohl-Label reicht nicht

Für tiergerechtere Haltungsformen brauchen die Landwirte mehr Geld. Die Verbraucher werden aber nicht einfach mehr zahlen.
Angelika Dauermann, Agrarwissenschaftlerin

Angelika Dauermann, Agrarwissenschaftlerin
Angelika Dauermann, Agrarwissenschaftlerin

Für tiergerechtere Haltungsformen brauchen die Landwirtinnen und Landwirte mehr Geld. Das ist undiskutabel. Stallumbauten, ein höherer Arbeitsaufwand und Zertifizierungen verursachen massive Mehrkosten. Befragungsergebnisse suggerierten in den vergangenen Monaten immer wieder, dass eine Bereitschaft für die Übernahme der Mehrkosten für Fleisch aus artgerechter Nutztierhaltung bei den Konsumenten vorhanden sei.

Der aktuelle Ernährungsreport des Bundesministeriums (BMEL) führt so zum Beispiel an, dass jeder zweite Deutsche 20 bis 50 Prozent mehr für ein Kilo Fleisch ausgeben würde, wenn es aus besonders tierfreundliche Landwirtschaft stammt.

Schnell wird der Landwirtschaft im Zuge dieser Ergebnisse mitgeteilt, dass es am Angebot hapere. Ein Realverkaufsexperiment der Hochschule Osnabrück in der Region Minden-Hannover zeigt jetzt allerdings eine deutliche Diskrepanz des realen Kaufverhaltens zu den Befragungsergebnissen. Für die Studie wurde zwischen dem 15. Oktober und 15. Dezember 2018 das tatsächliche Kaufverhalten von Verbrauchern in 18 Edeka-Märkten untersucht. Dabei wurden Schweinefleischprodukte im mittleren Preissegment als Tierwohlware mit Tierwohl-Siegel neu positioniert. Von den Testprodukten wurden im neunwöchigen Testzeitraum in den Testmärkten zusammen 18301 Produkte verkauft.

Die statistische Auswertung der realen Verkäufe führte zur Auskunft, dass etwa 16 Prozent der Einzelhandelskunden bereit waren, während der Testverkaufsphase das neue Edeka-Fleischprodukt des mittleren Preissegments zu kaufen. Weitere elf Prozent der Käufe waren zudem der Bio-Premiummarke zuzuordnen. In Summe blieben damit trotz verfügbarer Tierwohlprodukte im Mittelpreissegment 73 Prozent der Kunden dieser Produktsparte bei der günstigsten Variante.

Die Ergebnisse der Studie legen daher nahe, dass die Realität beim tatsächlichen Kaufverhalten differenzierter und komplexer ist. Pauschale Aussagen zu Mehrpreisbereitschaften sind daher kritisch zu betrachten. Die Agrarpolitik muss sich in dieser Konsequenz darauf einstellen, dass mit der schlichten Einführung eines Tierwohl-Labels noch nicht das Nadelöhr zur Glückseligkeit der deutschen Nutztierhaltung gefunden ist.

Die Autorin ist Wissenschaftlerin im Fachbereich Agrar- und Lebensmittelmarketing der Hochschule Osnabrück.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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