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Verzweiflung auf Lesbos

Caroline Willemen ist über das, was sie auf Lesbos gesehen hat, traurig und beschämt – und vor allem wütend.
Caroline Willemen, Teamleiterin bei Ärzte ohne Grenzen

Caroline Willemen (Foto: MSF)
Caroline Willemen (Foto: MSF)

Regensburg.Als Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen, aber auch als Bürgerin Europas macht mich das, was ich auf Lesbos gesehen habe, traurig und beschämt. Vor allem aber macht es mich wütend. Auf Lesbos gab es keine Naturkatastrophe. Dass Menschen unter diesen Umständen leben müssen, ist das Ergebnis einer bewussten Entscheidung der europäischen Staats- und Regierungschefs. Wir, ob humanitäre Helfer oder Freiwillige, sind müde und verzweifelt. Wir behandeln Kinder mit Atemwegsinfektionen und müssen sie in ein Zelt in der Kälte zurückschicken. Wir unterstützen Folteropfer mit posttraumatischen Belastungsstörungen und schicken sie dann in einen Container mit 15 fremden Menschen zurück. Wir helfen hochschwangeren Frauen in dem Wissen, dass sie und ihre Babys drei Tage nach der Geburt in einem Zelt leben werden. Unsere Arbeit ist nie zu Ende.

Wir wissen nicht, was wir verzweifelten Eltern oder ängstlichen Teenagern noch sagen können. Wir stehen ihnen bei, aber an den wahren Gründen ihrer Verzweiflung können wir nichts ändern. Wenn ich an Lesbos denke, denke ich an einen jungen Mann, der gefoltert worden war und schwere psychische Probleme hatte. Sichtlich verängstigt klammerte er sich an seine Bibel und einen kleinen Rucksack. Er sprach kein Wort, aber schließlich gab er mir wie aus dem Nichts eine kleine, zurückhaltende Umarmung. Mit wem spricht er nachts, wenn er einsam und verängstigt ist? Ich denke an eine iranische Mutter mit zwei jugendlichen Töchtern, für die ich trockene Socken, Hosen und Unterwäsche organisierte. Pullover lehnten sie ab, sie wollten ihre eigenen tragen. Ich frage mich, ob sie nachts in ihrem Zelt frieren? Ob sie sich wünschen, einen zusätzlichen Pullover angenommen zu haben?

Ich bin wütend. Was wir sehen, ist nicht neu. Es passiert seit Jahren und es wird immer schlimmer. Ich bin wütend, weil es die Europäische Union, von der ich in der Schule gelernt habe, dass sie auf Menschenrechten und Solidarität basiert, auf den griechischen Inseln nicht gibt. Wenn ich an Lesbos denke, denke ich an die Staats- und Regierungschefs, die genau wissen, was dort geschieht. Sie haben entschieden, den Flüchtlingen nicht einmal den minimalsten Schutz zu gewähren. Und ich frage mich, wie sie nachts schlafen.

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