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Außenansicht

Wir sind Notre Dame

Trauer über Brand: Notre Dame in Paris ist die große ältere Schwester der gotischen Kathedrale von Regensburg.
Von Bischof Rudolf Voderholzer

Bischof Rudolf Voderholzer
Bischof Rudolf Voderholzer

Regensburg.Die Karwoche begann mit einer Hiobsbotschaft. Die Kathedrale von Paris, Maria, Unserer Lieben Frau („Notre Dame“) geweiht, ist ausgebrannt. Mit Entsetzen und Trauer haben wir miterlebt, wie in nur wenigen Stunden ein jahrhundertealter Dachstuhl und viel brennbares Inventar ein Raub der Flammen wurden. Zum Glück konnten die Reliquien und wertvolle Kunstwerke in Sicherheit gebracht und die beiden Glockentürme gerettet werden.

Notre-Dame in Paris ist die große ältere Schwester der gotischen Kathedrale von Regensburg. Die Gotik, der im 13. Jahrhundert neue Baustil, trat von St. Denis bei Paris seinen Siegeszug an. Über Metz, Trier und Marburg fasste die Gotik auch in Deutschland Fuß und entwickelte sich zu einem gesamteuropäischen Baustil. Wände aus Glas, Spitzbogen, Fialen und oft in schwindelnde Höhen hinaufstrebende Türme sind Ausdruck für die Selbstüberschreitung des Menschen auf Gott hin. In umgekehrter Bewegung erniedrigt sich Gott in der Menschwerdung seines Sohnes, errichtet sein Zelt auf Erden und bleibt gegenwärtig im „tabernaculum“ der Kirche.

„Die Tränen um Notre Dame stärken das Bewusstsein von der christlichen Prägung des Abendlandes und lassen Europa zusammenrücken.“

Bischof Rudolf Voderholzer

Die Glockentürme von Notre Dame sind, ähnlich den Regensburger Türmen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, „stumpf“ geblieben. Der Dachreiter über der Vierung, den wir am Montagabend bei Einbruch der Dunkelheit erst wie eine Fackel in Flammen stehen und dann umstürzen sahen, war erst ab 1844 – wenige Jahre vor den Regensburger Domtürmen, aber in derselben Inspiration – ergänzt worden und überragte die beiden Glockentürme um etliche Meter. Jetzt, da er zusammen mit dem kompletten Dach und der Inneneinrichtung fehlt, sieht man, welche Lücke er hinterlässt. Über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg wird die Wunde beweint, die Fehlstelle beklagt. Welch ein Sinnbild!

In Regensburg feiern wir heuer 150 Jahre Vollendung der Domtürme. Der Blick nach Paris zeigt, wie kostbar und vergänglich ein solches Bauwerk ist. Die Tränen um Notre Dame stärken das Bewusstsein von der christlichen Prägung des Abendlandes und lassen Europa zusammenrücken. Andererseits schärfen sie den Blick auf das Wesentliche und die christliche Osterbotschaft: Nicht irdische Auferstehung aus Ruinen oder menschliche Kunstwerke sind unsere letzte Hoffnung, sondern das ewige Leben bei Gott.

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