MyMz

Aussenansicht

Die Folgen des Massakers

Afghanistan-Experte Dr. Reinhard Erös spricht über den bis heute folgenschwersten Zwischenfall am Hindukusch und die Folgen.
Dr. Reinhard Erös, Afghanistan-Experte

Dr. Reinhard Erös ist ein deutscher Aktivist, Entwicklungshelfer, und Oberarzt a.D. der Bundeswehr. Seit 1998 betreibt er zusammen mit seiner Frau Annette und seinen fünf Kindern die Kinderhilfe Afghanistan. Foto: Reiner
Dr. Reinhard Erös ist ein deutscher Aktivist, Entwicklungshelfer, und Oberarzt a.D. der Bundeswehr. Seit 1998 betreibt er zusammen mit seiner Frau Annette und seinen fünf Kindern die Kinderhilfe Afghanistan. Foto: Reiner

Regensburg.Um Mitternacht vom 4. auf 5. September 2009 kam es am Hindukusch zum bis heute folgenschwersten Zwischenfall. Der deutsche Befehlshaber in der nordafghanischen Stadt Kunduz im Dienstgrad Oberst befahl ein Bombardement auf zwei Tanklaster, die in einer Fluss-Senke steckengeblieben waren. Er befürchtete, die Taliban könnten diese in ein deutsches Feldlager fahren und dort die 40 000 Liter Sprit zur Explosion bringen.

Da bei kurz vorher aufgenommenen Luftaufnahmen mehrere Hundert Menschen, darunter auch Kinder und Frauen, in unmittelbarer Nähe der Tanker zu sehen waren, weigerten sich die Piloten der beiden US-Kampfflugzeuge zunächst, sofort Bomben abzuwerfen. Um unnötig Menschenleben zu gefährden, schlugen sie stattdessen vor, erst im Tiefstflug – wenige Meter über Grund - die beiden Tanker zu überfliegen, damit die Menschenansammlung zu vertreiben und erst dann mit Bomben die Tanker zu zerstören. Der deutsche Oberst lehnte dies ab mit der nicht zutreffenden Begründung, deutsche Soldaten wären „unmittelbar“ bedroht. Bei dem nur drei Sekunden dauernden Bombardement wurden mehr als 100 Menschen zerfetzt oder schwer verwundet, darunter drei unbedeutende Taliban-Kommandeure, aber dutzende Kinder und Frauen. Bis heute sind bei keinem der Angriffe der US-Streitkräfte oder bei den unzähligen Anschlägen der Taliban auch nur annähernd so viele Zivilisten zu Tode gekommen wie bei diesem Massaker.

Wegen wochenlanger Halbwahrheiten und Lügen der Politik bezüglich des Vorfalls und der Verantwortung des deutschen Offiziers mussten schlussendlich der Verteidigungsminister und der Generalinspekteur zurücktreten. Die beiden US-Kampfpiloten, die nur Befehle gegen ihren Willen ausgeführt hatten, wurden vom US-Kommandeur nach dem Vorfall umgehend in die USA zurückgeschickt. Der deutsche Oberst blieb im Amt und wurde zwei Jahre später gar zum Brigadegeneral befördert. Für das bis dahin hohe Ansehen der Bundeswehr bei den Afghanen war diese Beförderung nicht förderlich. Die Stadt Kunduz, einst Zentrum des deutschen militärischen und zivilen Engagements, wurde gestern von den Taliban überrannt. Der Brigadegeneral hat seit einem Jahr als Leiter der Ausbildung bei der Streitkräftebasis in Bonn einen fast zivilen Job.

Weitere „Außenansichten“ lesen Sie hier.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht