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Qualität contra Geschäftssinn

Krankschreibung per WhatsApp – was praktisch klingt, birgt Risiken für Mediziner und Patienten, meint unsere Gast-Autorin.
Dr. Silke Lüder, Allgemeinärztin

Dr. Silke Lüder ist ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Hamburg und Stellvertretende Bundesvorsitzende Freie Ärzteschaft.
Dr. Silke Lüder ist ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Hamburg und Stellvertretende Bundesvorsitzende Freie Ärzteschaft.

Seit einigen Monaten verkauft ein geschäftstüchtiger Rechtsanwalt für neun Euro Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen per WhatsApp. Wer so einen „AU-Schein“ haben will, füllt ein Online-Formular aus, wo zum Beispiel gefragt wird: Haben Sie Fieber? – Ja, nein oder weiß nicht. Hatten Sie in den letzten drei Tagen Körperkontakt zu einem an Erkältung Erkrankten? Und natürlich wird auch gefragt: Wie wollen Sie zahlen, per Kreditkarte oder PayPal? Dann unterschreibt ein unbekannter Mediziner den AU-Schein und schickt ihn über WhatsApp oder per Post an den Patienten. Ohne Kontakt mit dem Patienten, ohne weitere Untersuchungen, einfach nur mit Hilfe eines ausgefüllten Online-Fragebogens.

Zudem ist nicht wirklich klar, wer sich als Patient ausgibt. Denn das Übermitteln von persönlichen Daten oder das Einscannen der Versichertenkarte reichen als Identitätsnachweis keineswegs aus. Aber: Man muss nicht zum Arzt gehen, nicht im Wartezimmer sitzen – sehr bequem, oder?

Aus Sicht der Ärzte ist diese Art der „Krankschreibung“ problematisch. Berufsrechtlich gesehen dürfen Ärzte nur im Einzelfall und bei besonderer Aufklärung des Patienten über die eindeutig verminderte Behandlungsqualität einen ihnen unbekannten Patienten aus der Ferne behandeln. Und auch nur dann, wenn die Behandlung dem anerkannten medizinischen Standard in Deutschland entspricht. Dazu gehören auch jede Beratung und jedes Stellen einer Diagnose. Und was ist, wenn der „WhatsApp-Arzt“ eine Lungenentzündung übersieht? Oder ein schweres Asthma, das sich gar nicht so selten hinter einer vom Patienten selbsteingeschätzten Erkältung verbirgt? Als Allgemeinärztin mache ich fast täglich diese Erfahrung.

Nur wenn alle Möglichkeiten der verbalen, nonverbalen, körperlichen und technischen Untersuchung genutzt werden, lässt sich gute Medizin machen, können die richtigen Diagnosen gestellt werden. Das geht nur im persönlichen Kontakt. Hier stehen Bequemlichkeit und Geschäftstüchtigkeit gegen Qualität in der Medizin.

Viele rechtliche Regeln und der Datenschutz sprechen gegen diese „9-Euro-AU“, schließlich landen WhatsApp-Daten auf Servern in den USA. Der Arbeitgeber muss diese AU auch nicht anerkennen. Aber das Wichtigste: Die verminderte Behandlungsqualität führt zu Fehldiagnosen und gefährdet die Patienten. Wollen wir das?

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung der Autorin wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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