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Huml warnt vor zweiter Corona-Welle

Neue Gratis-Tests an Flughäfen und 660 000 zusätzliche Impfdosen für die Grippesaison: Bayern wappnet sich an allen Fronten.
Von Christine Schröpf

Gesundheitsministerium Huml warnt vor Leichtfertigkeit. Foto: altrofoto.de
Gesundheitsministerium Huml warnt vor Leichtfertigkeit. Foto: altrofoto.de Foto: Uwe Moosburger

Regensburg.Der Kampf gegen die Corona-Pandemie ist in Bayern grundsätzlich „Chefsache“ – was bedeutet, dass Regierungschef Markus Söder (CSU) die großen Pflöcke setzt und Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kräftig daran herumrüttelt. Viel Scheinwerferlicht ist in den vergangenen Monaten aber auch auf die zuständige Gesundheitsministerin Melanie Huml gefallen – zuletzt am Dienstagmittag, als Sozialministerin Carolina Trautner bei der Kabinetts-Pressekonferenz eine neue Corona-Kindergartenstrategie der Staatsregierung skizzierte, in die Huml eingebunden ist. Ab September soll Erzieherinnen ein ministerieller Leitfaden bei der Entscheidung helfen, ob Kinder mit leichten Erkältungssymptomen gleich nach Hause geschickt werden müssen oder nicht. Doch lässt sich eine Corona-Schnupfennase tatsächlich treffsicher von einer herkömmlichen Erkältungsschnupfennase unterscheiden? Darf die Verantwortung für Fehleinschätzungen wirklich auf den Schultern von Erzieherinnen lasten? Huml wird mit diesen Fragen am Abend bei einem Termin im Regensburger PresseClub konfrontiert.

Pandemie-Zentrallager

  • Lektionen:

    Die Engpässe bei Schutzmaterial, die es beim Corona-Shutdown im Frühjahr gegeben hatte, sollen sich nicht wiederholen. Selbst in Krankenhäusern waren Schutzmasken knapp gewesen. Der Freistaat richtet deshalb ein Pandemie-Zentrallager ein. Es soll bis Winter mit allem bestückt sein, was für sechs Monate benötigt wird. Zudem sei ein Puffer einkalkuliert, um für unerwartet größere Ausbrüche gerüstet zu sein, so Huml.

  • Vorrat:

    Eingelagert werden sollen etwa 42,6 Millionen OP-Masken, 12,6 Millionen Pflegekittel, zehn Millionen FFP2-Masken und 2,1 Millionen FFP3-Atemschutzmasken, 3,6 Millionen Schutzanzüge, 190 Millionen Infektionshandschuhe und rund 750 000 Augenschutzbrillen vor. In Summe wird der Wert der gelagerten Gegenstände nach Humls Worten am Ende rund 300 Millionen Euro umfassen.

Die CSU-Politikerin bittet um ein wenig Geduld. Derzeit liefen noch Gespräche mit Experten. „Es beschäftigt uns, wie wir es richtig hinkriegen.“ Das regionale Ausbruchsgeschehen werde bei der Bewertung sicher eine Rolle spielen. Kinder mit Fieber gehörten sicher nicht in die Kinderkrippe, aber nicht jedes Kind mit laufender Nase müsse zuhause bleiben, sagt sie. Michael Eibl, Direktor der katholischen Jugendfürsorge im Bistum Regensburg, regt an, dass der Umgang mit Schnupfennasen jeweils landkreisweit einheitlich geregelt wird, abgestimmt auf die Infektionslage vor Ort – um Druck von einzelnen Einrichtungen zu nehmen.

Sehen Sie im Video eine Zusammenfassung von Melanie Humls Besuch im Presseclub. Video: MZ

Väter dürfen in den Kreißsaal

Die 44-jährige Huml, die vor ihrem Wechsel in die Politik selbst als Ärztin tätig war, setzt insgesamt auf Vorsicht, nicht nur in Kinderbetreuungseinrichtungen, sondern auch in Pflege- und Altenheimen oder in Krankenhäusern. Bestehende Spielräume sollten aber ruhig genutzt werden. Sie nennt in Regensburg zwei Beispiele, die den Beginn und das Ende des Lebens markieren: Werdende Väter dürften jederzeit bei der Geburt im Kreißsaal dabei sein. Es werde auch niemand daran gehindert, einen sterbenden Angehörigen in den Tod zu begleiten. Die CSU-Politikerin wirbt um Verständnis dafür, dass in Heimen über viele Wochen hinweg Besuchsverbot geherrscht habe. Damit sei es gelungen die Infektionszahlen nach unten zu drücken, verbunden allerdings mit großen Härten für die Bewohner und ihre Familien. Die Entscheidung dazu sei ihr beim Corona-Krisenmanagement „am schwersten gefallen“, sagt sie. Inzwischen sind Besuche erlaubt, wenn die Einrichtungen Hygienekonzepte vorweisen. Michael Weißmann, Direktor der Caritas in der Diözese Regensburg, verweist aber auf den immensen Arbeitsaufwand, der damit verbunden ist. Huml verspricht, das Thema noch im Juli bei einer Schaltkonferenz mit Wohlfahrtsverbänden zu debattieren.

Betreuung

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Die Ministerin warnt im PresseClub vor einer zweiten Corona-Welle im Freistaat. „Leider halte ich sie für wahrscheinlich.“ Bayern sei in einer Phase, in der man noch nicht „wirklich durchschnaufen“ könne, sagt sie bei der von BR-Journalistin Angelika Schüdel moderierten Veranstaltung. Sorgen bereiten der Gesundheitsministerin speziell Urlaubsheimkehrer. Nachdrücklich rät sie vor Reisen in Risikogebiete wie den USA und Brasilien ab. Aber auch bei allen anderen Zielen sei verantwortungsbewusstes urlauben das Gebot der Stunde. „Ich muss nicht unbedingt in der Karaoke-Bar sitzen und mit anderen Leuten rumgrölen“, sagt sie mit Blick auf Partyexzesse, die sich zuletzt auf dem Ballermann in Mallorca abgespielt hatten.

Pandemie

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Eine neue Teststrategie an bayerischen Flughäfen, die Regierungschef Söder am Wochenende angekündigt hatte, ist auch als Antwort auf partywütige Hochrisiko-Reisenden zu verstehen. Die Gratis-Tests sollen schon in Kürze angeboten werden. Huml verweist auf eine Telefonkonferenz gleich am nächsten Tag mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und allen Landesgesundheitsministern, bei dem das weitere Vorgehen abgestimmt werden soll. Das Votum im bayerischen Kabinett ist bereits für kommenden Dienstag geplant und soll dann zügig umgesetzt werden. Noch aber gibt es für Huml Klärungsbedarf – zum Beispiel in dem Punkt, wie mit Reisenden verfahren werden soll, die per Auto oder Bahn nach Deutschland zurückreisen.

Risiko: Doppelinfektionen

Der Freistaat wappnet sich nach Humls Worten in vielfältiger Weise vor neuen Corona-Ausbrüchen im Herbst und Winter. Fatale Folgen könnte eine gleichzeitige starke normale Grippewellen haben. Es drohten Doppelinfektionen samt stationärer Intensivbehandlungen. Dieses Risiko will Bayern mit dem Kauf von bis zu 660 000 zusätzlichen Grippe-Impfdosen entschärfen. Die europaweit Ausschreibung läuft bereits. Zum Hintergrund: In Nicht-Corona-Zeiten hatten die Ärzte im Freistaat pro Saison rund 1,5 Millionen Impfdosen abgerechnet. Auch im Bundesgesundheitsministerium stellt man sich für den kommenden Winter auf eine erhöhte Nachfrage ein. Ähnlich die Lage im Nachbarland Österreich: Dort will die Hauptstadt Wien ein großes Kontingent an Gratis-Impfportionen bereithalten, um das Gesundheitssystem zu entlasten.

Meinung

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Humls Hoffnungen ruhen auf der raschen Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. An Impfskeptiker schickt sie die Botschaft, dass sie nicht an eine Impfpflicht denkt. Die Sorge sei schon deshalb unbegründet, weil anfangs gar nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehen werde. Die Frage werde vielmehr sein: „Wer darf ihn als erstes bekommen?“

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