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Bayern

Karlspreis für Charlotte Knobloch

Die Sudetendeutschen würdigen mit ihrer höchsten Auszeichnung eine Unbeirrbare. Nicht nur die Sehnsucht nach Heimat verbindet
Von Christine Schröpf

Charlotte Knobloch sieht den Karlspreis als Ansporn. Die Laudatio hielt der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt (l.). Rechts im Bild: der Landesobmann der Sudetendeutschen in Bayern, Steffen Hörtler. Foto: altrofoto.de
Charlotte Knobloch sieht den Karlspreis als Ansporn. Die Laudatio hielt der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt (l.). Rechts im Bild: der Landesobmann der Sudetendeutschen in Bayern, Steffen Hörtler. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Als Charlotte Knobloch zu ihrer Dankesrede ansetzt, herrscht am Freitag im Regensburger Reichssaal bei den ob schwül-heißer Temperaturen ermatteten Gästen mit einem Schlag wieder höchste Aufmerksamkeit. Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, hatte die 86-Jährige soeben mit dem Europäischen Karlspreis ausgezeichnet und in seiner Laudatio ihre Widerstandskraft gegen Nationalismus und Populismus gewürdigt. Worte, die die unbeirrbare Kämpferin als Auftrag versteht, in ihrem Werk nicht innezuhalten. Die Botschaft und die Ziele des Karlspreises seien heute bedeutender als je zuvor, sagt die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie warnt vor gesellschaftlichen und politischen Rückschritten und der Gefahr, dass Parlamente in die Hände derjenigen fallen könnten, „die nur die Fehler der Vergangenheit wiederholen wollen“. Ähnlich hatte sie sich bereits Anfang des Jahres beim Holocaust-Gedenktag im Landtag geäußert. Der AfD bescheinigte sie damals enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu. Eine Rede, die in Posselts Augen Maßstäbe gesetzt hat und die er „mutig“ nennt.

Klare Haltung, klare Worte

Herzliche Umarmung nach der Laudatio: Charlotte Knobloch mit Bernd Posselt Foto: altrofoto.de
Herzliche Umarmung nach der Laudatio: Charlotte Knobloch mit Bernd Posselt Foto: altrofoto.de

Knobloch und die Sudetendeutschen verbindet nicht nur die Abneigung gegen extreme politische Kräfte. Geteilt wird auch eine tiefe Sehnsucht nach Heimat. Wer eine habe, könne sich glücklich schätzen, sagt Knobloch. „Es ist nicht jedem vergönnt.“ Sie selbst hatte den Naziterror versteckt auf einem bayerischen Bauernhof überlebt. Im Reichssaal erzählt sie über die ersten Jahre nach dem Krieg, als ihr die Heimatstadt München plötzlich fremd schien. Auf den Straßen begegneten ihr Täter und Mitläufer. Einheit und Freiheit in Deutschland, ebenso das gute Verhältnis zu Tschechien, wären damals unvorstellbar gewesen, seien heute aber Realität. Doch „bis zur Normalität ist noch ein Weg“, fügt sie hinzu.

Termine

  • Das Programm:

    Die Veranstaltungen sind thematisch breitgefächert und reichen von Fachvorträgen bis zum Volkstanz. Das meiste ist öffentlich – der Eintritt ist für Besucher gratis. Die Teilnehmerzahl des dreitägigen Pfingsttreffen bewegte sich in den Vorjahren bei insgesamt zwischen 5000 und 10 000.

  • Samstag:

    Um 10.30 Uhr beginnt in der Donau-Arena eine Festveranstaltung mit Bundesinnenminister Horst Seehofer. Ab 14.30 Uhr wird in der Haupthalle ein „Böhmisches Dorffest“ gefeiert, um 19 Uhr startet ein Volkstumsabend und um 21 Uhr ein großes Volkstanzfest.

  • Sonntag:

    Ab 11 Uhr findet die Hauptkundgebung statt, zu der Ministerpräsident Markus Söder erwartet wird. Bayern ist Schirmland der Sudetendeutschen weltweit. Es gibt nach Angaben der Landsmannschaft auch Gruppen in Argentinien oder Australien.

„Eine unglaublich beeindruckende Frau“, sagt die Regensburger Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer über die Karlspreis-Trägerin 2019. Knobloch habe nie Dinge schöngeredet. Klare Haltung drücke sich bei ihr in klaren Worten aus. Auch andere, die Knobloch sehr schätzen, sind in den Reichssaal gekommen – darunter die frühere Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Der Karlspreis ist die höchste Auszeichnung der Sudetendeutschen – und erster Höhepunkt des Sudetendeutschen Tages, der noch bis Sonntag dauert. Die Veranstaltung findet heuer erstmals in Regensburg statt. Die Stadt hatte 1951 eine Dauer-Patenschaft für die Sudetendeutschen übernommen – auch als Anerkennung für deren großen Anteil beim Wiederaufbau Regensburgs nach dem Krieg.

Bayern

Sudetendeutscher Tag in Regensburg

Bis zu 10 000 Sudetendeutsche spüren am Wochenende den Wurzeln nach. Die Rede des tschechischen Botschafters ist ein Signal.

Beim traditionellen Pfingsttreffen mit Dutzenden von Veranstaltungen werden viele Gemeinsamkeiten mit Tschechien zelebriert. Trotz der bitteren Vergangenheit: Die Tschechen hatten unter der Knute der Nazis gelitten. Unter Sudetendeutschen sind die Erinnerungen an die Vertreibung aus den Siedlungsgebieten in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien wach. Rund drei Millionen Menschen waren 1946 auf die Flucht gezwungen worden. Bedeutsam ist deshalb, dass beim Festakt am Freitag der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman zu Gast ist, der im Holocaust selbst Familienangehörige verloren hat. Der Großvater wurde im KZ Mauthausen getötet, eine Tante in der Gaskammer des KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Trotzdem ist seine Botschaft versöhnend. „Es gibt weder die Deutschen oder die Juden oder die Tschechen“, sagt er. „Es sind immer konkrete Menschen mit eigener Verantwortung, die sich für ihr Leben und ihre Taten rechtfertigen müssen.“

„Es gibt weder die Deutschen, oder die Juden oder die Tschechen. Es sind immer konkrete Menschen mit eigener Verantwortung, die sich für ihr Leben und ihre Taten rechtfertigen müssen.“

Der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman

Der Karlspreis wird seit den 1950er Jahren verliehen. Frühere Träger waren Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), das Gründungsmitglied der Grünen, Milan Horacek, oder Kardinal Christoph Schönborn. Als heikel gilt inzwischen, dass die Auszeichnung vor rund zehn Jahren an Erika Steinbach ging. Die damalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen ist inzwischen politisch weiter nach Rechts gerutscht und sympathisiert mit der AfD. Posselt hatte dazu bereits am Freitagvormittag bei seiner Auftakt-Pressekonferenz auf Nachfragen Stellung bezogen. Das aktuelle Verhältnis zu Steinbach beschrieb er dort als lose. „Die Frau hat sehr große Verdienste gehabt. Über ihre heutige Tätigkeit will ich nichts sagen.“ Zum Zeitpunkt der Ehrung 2010 sei an Steinbach nichts zu beanstanden gewesen.

AfD ist unerwünscht

Posselt bekräftigte bei der Pressekonferenz, dass er der AfD einen Stand auf dem Sudetendeutschen Tag verweigert habe. Er stütze sich bei seinem Nein auf einen seit Jahren bestehenden Vorstandsbeschluss des Bundesverbandes der Sudetendeutschen. „Wir verlangen von allen, die auf unserem Messegelände etwas veranstalten wollen, eine klare Abgrenzung von Links- und Rechtsextremisten“, sagte er.

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