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Brauchtum

Nockherberg: Fastenprediger teilt aus

Polit-Ikone Barbara Stamm ist für Maxi Schafroth nicht tabu. Im Singspiel wird der neue, sanfte Söder persifliert.
Von Christine Schröpf

Die Nockherberg-Premiere von Maxi Schafroth wurde mit stehenden Applaus quittiert. Foto: Tobias Hase/dpa
Die Nockherberg-Premiere von Maxi Schafroth wurde mit stehenden Applaus quittiert. Foto: Tobias Hase/dpa

München.Das vis-a-vis mit der Politprominenz hatte Maxi Schafroth vorab mit Doubles aus Gemüse geprobt. Für Ministerpräsident Markus Söder musste ein Kohl seinen Kopf hinhalten, für das Grünen-Tandem aus Katharina Schulze und Ludwig Hartmann Süßkartoffel und Bio-Kohl. Am Dienstagabend blickt der neue Fastenprediger nun aus kurzer Distanz zu den echten Politikern herab. Schafroth interpretiert seine Rolle modern, nicht in Mönchskutte, sondern im Trachtenjanker. Er startet scheinbar harmlos als vermeintlicher Heimatminister der Sektion Allgäu, also quasi als schwäbische Version von Albert Füracker, flankiert von einer „Lodenabordnung“ der Westerheimer Blasmusik. „Die linke Correctness hat am Nockherberg heut Pause“, sagt er. Doch dann streift er den Janker ab und feuert Sätze ab, die noch für Gesprächsstoff sorgen könnten, auch wenn der schwäbische Dialekt und seine extrem heitere Performance alles sehr viel weicher und charmanter klingen lässt.

Breitseiten, auch gegen die Kirche

Der CSU empfiehlt er einen Kurzzeit-Parteientausch, um Empathie zu lernen. „Vielleicht als Christsozialer mal statt dem Jakobsweg die Balkanroute rückwärts laufen.“ Innenminister Joachim Herrmann übersetzt er Asylsuchenden so: „A noble man, a first class diplomat or as we say: Der Katholik mit der Lizenz zum Abschieben.“

Den jungenhaften bayerischen Bauminister Hans Reichhart (CSU) warnt er vor Kirchenpersonal. „So kindlich jung. Wenn ich du wäre, würd ich schauen, dass ich nach dem Gottesdienst schnell aus der Kirch‘ raus komm.“ Sozialministerin Kerstin Schreyer nennt er den Beweis, dass konservative und moderne Genderpolitik gut zusammenpassen. „Die bayerische Familie hat drei Geschlechter: Mann, Frau, Thermomix.“ Schafroth kratzt auch an der Grande Dame der bayerischen Politik, der früheren Landtagspräsidentin Barbara Stamm, für die die Landtagswahl 2018 den Abschied bedeutete. Lob richtet er in diesem Fall an die Hausmeister des Parlaments. „Dass ihr die Stamm aus‘m Sitzungssaal rausbracht habt‘s, das war logistisch ja ein Industrieanlangen-Rückbau.“ Das sorgt für leises Raunen im Saal.

Kohl, Süßkartoffel und Bio-Kohl alias Söder, Schulze und Hartmann kommen dagegen vergleichsweise sanft weg: Söder hänselt er wegen unfreiwillig komischer Aktivitäten in sozialen Netzwerken. „Meine kleine Schwester ist 20, die schaut deine Videoclips, die ist begeistert. Die sagt: Maxi, der Söder ist so witzig. Aber ich glaub, er weiß es nicht ...“ Schulze wird wegen ihrer Hyperaktivität verspottet, die ihren Doppelspitzen-Partner alt aussehen lässt. „Du bewegst dich wahrscheinlich im Schlaf noch schneller als der Ludwig Hartmann auf dem Hometrainer.“

Schafroth hatte auf dem Nockherberg die Nachfolge von „Mama Bavaria“ alias Luise Kinseher angetreten. Seine Nockherberg-Premiere wird mit stehendem Applaus quittiert – noch mehr Beifall erhält er, als er nach seiner Fastenpredigt noch einmal ansetzt und ein paar Worte direkt an die AfD richtet, die beim Starkbieranstich nicht im Saal ist. „Ich wünsche mir, dass Licht in eure Herzen kommt“, sagt er.

Hier gibt es Impressionen vom Nockherberg:

Das war der Nockherberg 2019

Seit dem Starkbieranstich 2018 hat sich in der bayerischen Politik viel getan. Im Singspiel rankt sich am Dienstagabend alles um „Das kleine Glück“, das bei genauer Betrachtung nur unverdienter Dusel ist. Der frühere Ministerpräsident Horst Seehofer bekommt nichts davon ab – er irrt als verlorene Seele durch die Staatskanzlei. Sein Terrain ist nun der Wellness-Keller, der auf Anweisung der Regisseure das Flair einer U-Bahn-Toilette verströmt. Christoph Zrenner spielt Seehofer als Abgehalfterten und etwas Depperten im lächerlichen Super-Man-Cape – ein ziemlicher Kontrast zum echten Seehofer, der dieser Tage als Bundesinnenminister durchaus auch fröhliche Momente hat.

Der Bühnen-Seehofer wird von den Anderen so notorisch ignoriert, dass er sich fälschlicherweise unsichtbar wähnt. Eine große Szene hat er doch: Es kommt zur Schlacht mit Angela Merkel. O-Ton Kanzlerin: „Wer ist der Mann, der nach Maulschellen, Backpfeifen und Watschn fleht?“ O-Ton Bundesinnenminister: „Ich lass mich doch nicht von jemandem unterschätzen, den ich selbst zur Kanzlerin gemacht habe.“ Kanzlerinnen-Double Antonia von Romatowski tobt sich in dieser Szene richtig aus – und hat für künftige Nockherberge einen Joker im Ärmel: Sie kann auch Annegret Kramp-Karrenbauer gut.

Eine ausgewählte Schar Politiker, die derzeit an persönlichen Fronten zu kämpfen haben, marschiert nach und nach im Staatskanzleikeller auf. Die Diesel-Krise hat „Autoschmuser“ Andy Scheuer ins Stück katapultiert. Schauspieler Stefan Murr bleibt am Original nah dran. Für ihn ist Scheuer ein Party-Löwe, der sich für den CSU-Kronprinzen hält und zufällig im Ministerbüro des Bundesverkehrsressorts gelandet ist. Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger ist mit Florian Fischer gut besetzt. Lange Stunden in der Maske haben ihm dem Original sehr ähnlich gemacht. Aiwanger kämpft sich im Singspiel ständig aus dem Windschatten Söders. Witze über Polder oder Stromtrassen bleiben ihm erspart.

Markus Söder und sein Dusel: Double Stephan Zinner (l.) hält das unverdiente Glück an der kurzen Leine. Der Schauspieler Gerd Lohmeyer schlüpfte in diese Rolle. Foto: Tobias Hase/dpa
Markus Söder und sein Dusel: Double Stephan Zinner (l.) hält das unverdiente Glück an der kurzen Leine. Der Schauspieler Gerd Lohmeyer schlüpfte in diese Rolle. Foto: Tobias Hase/dpa

Ein wenig Glück bräuchten sie alle. Im tristen Staatskanzlei-Keller wäre es eigentlich zum Greifen nah. Söder hält dort den personifizierten Dusel in einem Spind in Geiselhaft. Der kleingewachsene Schauspieler Gerd Lohmeyer wurde in ein braunes Pelzkostüm gesteckt und demonstriert glaubhaft maximale Widerborstigkeit. Söders Dusel will er am allerwenigsten sein. Doch ihm bleibt der Job, dem neuen starken Mann in Bayern das entscheidende Quantum unverdientes Glück zu garantieren – so wie das bereits nach der vergeigten Landtagswahl geklappt hat. „Mit so einem Wahlergebnis verpasst einem die Partei normal den Gnadenschuss“, weiß der Bühnen-Söder. Der neue Männerfreund Aiwanger entpuppt sich in dieser Situation nicht als Stütze. Er stichelt, dass die CSU mit Parteivize Manfred Weber eine 1A-Alternative zur Verfügung gehabt hätte. „Kompetenter, gscheiter, einfach netter.“

Ich-Ich-Ich ist nun verpönt

Das Double von Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulz (Mitte) spielt sich am Nockherberg in den Mittelpunkt. Foto: Paulaner
Das Double von Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulz (Mitte) spielt sich am Nockherberg in den Mittelpunkt. Foto: Paulaner

Dabei ist der Singspiel-Söder durch zwölf Monate Ministerpräsidentenamt geläutert. Für Schauspieler Stephan Zinner ist es die Rolle seines Lebens. Lässig, vermeintlich treuherzig und doch ein wenig verschlagen schiebt er sich im lila Kunstfaser-Outfit über die Bühne. Man kann nur hoffen, dass Zinners Gedanken an eine Ende seiner Nockherberg-Zeit nur Koketterie sind. Gekonnt persifliert er die Wandlung vom politischen Rabauken zum Meister der Runder Tische. Das Ich-Ich-Ich ist nun verpönt, „Wir-Gefühle“ wurden mühsamst antrainiert. Sie reichen nicht soweit, dass Söder sich den Vornamen seines Koalitions-Buddys Aiwanger merken könnte. Zentrale Szene: Söder berichtet, dass er sich sein übergroßes Ego operativ habe entfernen lassen („größerer Eingriff“, „bösartige Wucherung“). Geschrumpftes Ego? Das würden sich ein paar Freie Wähler auch von ihm selbst wünschen, plaudert Aiwanger aus. Die Überlegungen gingen in seiner Partei in Richtung Transplantation eines deutlich kleineren Spender-Egos aus Furth im Wald.

Der Nockherberg

  • Der Fastenprediger:

    Maxi Schafroth ist preisgekrönter Kabarettist aus dem Allgäu. Seine Spezialität: Spitzen gegen Hochnäsige speziell aus München oder dem Nobelvorort Starnberg. Am Nockherberg trat er bisher nur im Singspiel auf, etwa als „Conchita Wurst“.

  • Die Singspiel-Macher:

    Stefan Betz und Richard Oehmann sind zum zweiten Mal als Regisseure und Autoren des Singspiels am Start. 2018 hatten sie eine bayerische Version des Westerns „Die glorreichen 7“ abgeliefert. Heuer entstammt alles eigener Inspiration.

  • Ostbayern-Faktor:

    Im Singspiel schlüpft Schauspielerin Nikola Norgauer dieses Jahr in die Rolle der SPD-Chefin Andrea Nahles – gleichzeitig sorgt sie auf der Bühne für eine Oberpfälzer Note. Denn aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Norgauer in Regensburg.

  • Das Bühnenbild:

    Geflieste Wände. Leere Flaschen. Ein Bar, in der eine Palmentapete für etwas Südseeflair sorgen muss: Die Bühnenbildnerinnen Evi Stiebler, Cora Wimbauer und Betty Morell haben für das Singspiel vom „Kleinen Glück“ witziges gezaubert.

Weitere starke Figur: Grünen-Politikerin Schulze im Dauer-Power-Modus („Ich könnte Bäume ausreißen, wenn ich nicht bei den Grünen wäre“), das Selfie-Handy quasi mit der Hand verschmolzen. Ein bisschen wie Söder früher – nur in grün und weiblich. Für Schauspielerin Sina Reiß war es eine körperliche Herausforderung wie beim Zirkeltraining. Der SPD widmet sie einen harten Song. „Du bist die Asche, wir der Trend. Bald bist Du unter fünf Prozent.“ Auch Scheuer bekommt was aufs Dach. „Unsere CSU-Verkehrsminister. Ein Leben auf der Standspur. Ist ja auch eine Art Tempolimit.“

„Du bist die Asche, wir der Trend. Bald bist Du unter fünf Prozent.“

Grünen-Landtagsfraktionschefin Katharina Schulze über die SPD

Star des Abends bleibt der Dusel. Lohmeyer wird gejagt und umworben, bis er am Ende aus dem letzten Loch pfeift. Schulze lockt ihn wie eine Sirene, SPD-Chefin Andreas Nahles (Nikola Norgauer) versucht es rau-derb und bietet als Gegenleistung eine „handfeste Depression“. Dabei wäre die kränkelnde Sozialdemokratie besonders auf einen Glücksjoker angewiesen. „Wir sind auf der Reise von der Kacke in die Scheiße“, bringt es Nahles auf den Punkt.

Erste Reaktionen

Das Urteil der Politikprominenz zum Nockherberg 2019 viel überwiegend positiv aus. „Wie immer großes Kino“, sagte Regierungschef Söder. Nur die Passagen über Barbara Stamm in der Fastenpredigt und Horst Seehofer im Singspiel seien einen Tick zu viel gewesen. „Die einzigen beiden Stellen am heutigen Abend“. Der Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter fand den neuen Fastenprediger „sehr witzig“. Inhaltlich habe er aber ganz schön „hingelangt“. Die Spitze gegen Barbara Stamm fand auch Bernreiter hart. Der Appell an die AfD habe gesessen. „Ganz totschweigen kann man sie ja nicht.“

Aiwanger hat Pläne mit Doppelgänger

„Es war ganz nett“, lautet das Urteil des Oberpfälzer CSU-Chef und bayerischen Finanzministers Albert Füracker. Maxi Schafroth war kurz in Fürackers Rolle geschlüpft, flankiert von einer singenden Boygroup. „Wir haben noch keinen Chor im Ministerium“, sagt Füracker. „Aber die Anregung werden wir diskutieren.“

Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger gibt seinem Bühnen-Alter-Ego Bestnoten: „Sehr gut. Endlich habe ich einen Doppelgänger. Ich werde ihn in Länder schicken, in denen man mich noch nicht so gut kennt.“ Er denke dabei an Norddeutschland und Ostdeutschland. Die bayerische Grünen-Chefin Sigi Hagl vergibt an das Singspiel in einem Punkt ein Gütesiegel: Katharina Schulze wurde „hervorragend karikiert“, sagt sie. Die Geschichte sei ansonsten etwas banal gewesen. Auch die „erfrischende“ Fastenpredigt hätte noch mehr Inhalt vertragen. Die bayerische SPD-Vorsitzende Natascha Kohnen verneigt sich vor Fastenprediger Schafroth. Sie habe sich überlegt, während seines Auftritts aufzustehen und Szenen-Applaus zu geben. „Er hat mich wach hinterlassen“, sagt sie.

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