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Bayern

Sudetendeutscher Tag in Regensburg

Bis zu 10 000 Sudetendeutsche spüren am Wochenende den Wurzeln nach. Die Rede des tschechischen Botschafters ist ein Signal.
Von Christine Schröpf

Tracht ist bis heute ein wichtiger Part der böhmischen Identität. Foto: Karl-Josef Hildenbrand
Tracht ist bis heute ein wichtiger Part der böhmischen Identität. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Regensburg.Ihr Großvater, sagt Juliane Gröger, träume noch heute von der Vertreibung aus dem Sudetenland. Er sei 14 Jahre alt gewesen, als tschechische Soldaten an die Tür klopften und zu seiner Familie sagten: „In einer Stunde seid ihr weg.“ Auf der Flucht wurde er erst einmal von Mutter und Schwester getrennt und in einem Bauernhof in Bayern einquartiert. Vormittags war er Schüler, am Nachmittag Knecht. Zu Essen bekam er nur, wenn er zuvor gearbeitet hatte. Für die Politik-Studentin Juliane Gröger ist die Familiengeschichte nicht verblasst, sie ist bis heute präsent. Am Wochenende wird die 24-Jährige in Regensburg am 70. Sudetendeutschen Tag teilnehmen und zu Menschen mit Wurzeln in Luditz Kontakt suchen, der früheren Heimat ihres Großvaters. Bis zu 10 000 Menschen werden zu dem traditionellen Pfingsttreffen erwartet, das erstmals in Regensburg stattfindet. Die Teilnehmer werden in bunten Trachten das Stadtbild prägen.

„Wo komme ich her, wer bin ich?“

Juliane Gröger, Regensburger Politik-Studentin. Fotoatelier Wolf
Juliane Gröger, Regensburger Politik-Studentin. Fotoatelier Wolf

Warum die Sudetendeutschen Tage so lange nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch wichtig sind? Auch für die Nachgeborenen in zweiter und dritter Generation ist das keine Frage: „Für mich ist es die Suche nach den Wurzeln. Man fragt sich immer, wo komme ich her und wer bin ich?“ Über drei Millionen Sudetendeutsche waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihren Siedlungsgebieten in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien vertrieben worden – gut die Hälfte blieb im Freistaat Bayern, der für Sudetendeutsche weltweit die Schirmherrschaft übernommen hat. Hier finden deshalb auch die Pfingsttreffen statt, bei denen sich die Besucher ihrer gemeinsamen Kultur vergewissern und Bande von einst am Leben erhalten. Bei der Vertreibung waren auch Dorfgemeinschaften jäh auseinandergerissen worden. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der selbst sudetendeutsche Wurzeln hat, spricht von wichtigen Begegnungen, die eine größere Berechtigung hätten als jedes Klassentreffen. „Das ist das Selbstverständlichste der Welt, dass sich Menschen, die eine gemeinsame Geschichte haben und gemeinsam etwas erlebt haben, einmal im Jahr treffen“, sagt er.

„Für mich ist es die Suche nach den Wurzeln. Man fragt sich immer, wo komme ich her und wer bin ich?“

Juliane Gröger, 24

Das Böhmische – es war auch in Voderholzers Familie omnipräsent. Er habe noch heute den böhmischen Dialekt im Ohr, sagt er. Den katholischen Glauben erlebte er schon als Kind als das alles einende Band. Der Glaube mache auch gegen jede Form von Feindschaft zwischen den Völkern immun. „Die katholische Kirche ist die Nationalismus-Prophylaxe schlechthin“, sagt Voderholzer. Das wird auch eine Botschaft seiner Predigt bei der Messe am Sonntag in der Donau-Arena sein. „Der Glaube ist das kostbarste Erbe. Eine andere Klammer Europas wird nicht halten.“

Bernd Posselt, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Bernd Posselt, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Kopf und Seele des Pfingstreffens ist Bernd Posselt, der Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe und Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ihn hat die Vertreibung seiner Familie 1946 zu einem glühenden Europäer und zu einem Anti-Nationalisten gemacht. „Ich habe in meinem Elternhaus nicht ein böses Wort über die Tschechen gehört, aber viele böse Worte über den Nationalismus“, sagt er. Großvater und Großmutter, Tanten und Onkel waren aus Gablonz vertrieben worden – streiften aber die alte Heimat nie ab. „Ich bin im Grunde in einem nach Westen verschobenen böhmischen Milieu aufgewachsen.“ Dazu zählte auch die Küche – etwa Liwanzen, eine typischen Mehlspeise. Die Großmutter bereitete sie in ihrer Liwanzenpfanne zu, die sie auf der Flucht als eine der wenigen Dinge miteingepackt hatte. Über Posselts Bett hing als Kind auch die Muttergottes von Haindorf. Seit die Grenzen nach Tschechien offen sind, fährt Posselt mindestens einmal im Jahr zur Wallfahrt dorthin. Tief geprägt habe ihn auch die anekdotenreiche böhmische Erzählkunst.

Ostbayern mit sudetendeutschen Wurzeln

  • Rudolf Voderholzer (59):

    Die Großmutter des Regensburger Bischofs kam 1946 mit drei minderjährigen Söhnen im Viehwaggon aus dem Sudetenland an. Der Familie wurde ein Zimmer bei Bauern in Oberbayern zugewiesen. „Sie haben mit nichts anfangen müssen“, sagt Voderholzer.
    Der Großvater der Regensburger Politik-Studentin floh 1946 aus Ratka (Kreis Luditz). Der 14-Jährige wurde in Bayern von seiner Mutter und der Schwester getrennt. „Es wurde sehr lange in der Familie nicht darüber gesprochen. Und dann sehr viel“, sagt sie.

  • Sylvia Stierstorfer (56):

    Die Vertriebenenbeauftragte der bayerischen Regierung hat Wurzeln in Blattnitz. Ihr Großvater war dort Bürgermeister. 1972 begleitete sie ihn bei einem letzten Besuch in die alte Heimat. Man begrüßte ihn dort mit den Worten: „Der Bürgermeister ist zurück“.

  • Franz Odwody (79):

    Er war sechs Jahre als er mit seiner Mutter vertrieben wurde. Im Viehwagen ging es los. Die Erinnerung ist bruchstückhaft. „Ich habe fürchterlichen Hunger gehabt.“ Die Reise endete im Landkreis Regensburg, der für Franz Odwody zur geliebten zweiten Heimat wurde.

Die Annäherung zwischen Böhmen und Bayern – für Posselt ist es eine Lebensaufgabe. Der CSU-Mann zog hinter den Kulissen die Fäden, als der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer 2010 als erster bayerischer Regierungschef nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell Tschechien besuchte. Beim Sudetendeutschen Tag in Regensburg ist Seehofer – inzwischen Bundesinnenminister – nun als Vertreter der Bundesregierung zu Gast. Seehofer habe für die bayerisch-tschechischen Beziehungen „wirklich Pionierhaftes und Bewundernswertes geleistet“, sagt Posselt. 2013 war er dafür mit dem Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft gewürdigt worden – der Festakt zählt immer zu den Höhepunkt des Sudetendeutschen Tages.

Preisträger 2019 ist Charlotte Knobloch. Die Ausreichung sei ein bewusstes Signal, sagt Posselt. „Charlotte Knobloch ist eine große, jüdische Europäerin, die immer sehr solidarisch mit den Sudetendeutschen verbunden war.“ Sie habe wie kaum jemand anderer mit unbedingtem Mut und Klarheit Front gegen den Nationalismus gemacht. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern war erst Anfang des Jahres nach einer Holocaust-Rede im Landtag scharfen Anfeindungen ausgesetzt. Die AfD hatte noch während der Rede den Plenarsaal verlassen, nachdem Knobloch der Partei bescheinigte, die Verbrechen der Nationalsozialisten zu verharmlosen und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu zu unterhalten. Worte, die Posselts Zustimmung finden. Die AfD, die beim Pfingstreffen einen Stand aufschlagen wollte, erhielt von ihm eine Absage. „Die haben bei unserem Sudetendeutschen Tag nichts verloren.“

Posselt hat einen Traum

Ein Bild aus dem vergangenen Jahr: Mitglieder verschiedener Sudetendeutschen Landsmannschaften bereiteten sich auf den gemeinsamen Einzug in die Festhalle vor. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Ein Bild aus dem vergangenen Jahr: Mitglieder verschiedener Sudetendeutschen Landsmannschaften bereiteten sich auf den gemeinsamen Einzug in die Festhalle vor. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Das Pfingsttreffen erstreckt sich über drei Tage: Auftakt ist am Freitag um 11Uhr mit einem Donau-Moldau-Fest auf dem Haidplatz. Am Samstag ab 19 Uhr geht in der Donau-Arena ein großer Volkstumsabend mit Volkstanzfest über die Bühne. Ministerpräsident Markus Söder kommt am Sonntag zur traditionellen Hauptkundgebung.

Regensburg als erstmaliger Veranstaltungsort wurde von Posselt mit Bedacht gewählt. Die völkerverbindende Rolle des Donauraums müsse gerade jetzt gestärkt werden, wo Europa in der Gefahr sei, wieder auseinanderzudriften. „Es war meine Idee. Ich wollte es unbedingt einmal in Regensburg haben.“

„Wir wünschen uns, auch einmal einen Sudetendeutschen Tag in Böhmen veranstalten zu können.“

Bernd Posselt

Die Donaumetropole war nach dem Krieg für viele Vertriebene erste Anlaufstation, sie ist auch Patenstadt der Sudetendeutschen. Im Landkreis entstand nach dem Krieg mit Neutraubling eine von fünf bayerischen Vertriebenenstädten. Doch das ist es nicht allein. Regensburg liegt auch schlicht näher an Böhmen als die bisherigen Veranstaltungsorte Nürnberg oder Augsburg.

Posselt hat einen Traum. „Wir wünschen uns, auch einmal einen Sudetendeutschen Tag in Böhmen veranstalten zu können.“ Ein heikles Thema, doch er glaubt, dass die Zeit in zwei, drei Jahren reif sein könnte. „Es gibt immer mehr Menschen in Böhmen, die die Idee für gut halten.“ Ein wichtiges Signal ist für ihn, dass der Botschafter Tschechiens in Deutschland, Tomas Jan Podivinsky, am Sonntag bei der Hauptkundgebung eine offizielle Rede halten wird. „Das gab es noch nie“, sagt er.

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