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Ziel: das Erinnern an die Nazigräuel

Die Universität Regensburg erhält ein Zentrum für Erinnerungskultur – als Teil des neuen Zehn-Jahres-Konzepts der Regierung
Von Christine Schröpf und Marco Hadem

 „Arbeit macht frei“ steht an einem Tor zum ehemaligen Konzentrationslager. Die bayerischen Gedenkstätten für die Gräueltaten der Nationalsozialisten sollen in den kommenden Jahren umfassend überarbeitet und teilweise auch erweitert werden. Foto: Andreas Gebert/dpa
„Arbeit macht frei“ steht an einem Tor zum ehemaligen Konzentrationslager. Die bayerischen Gedenkstätten für die Gräueltaten der Nationalsozialisten sollen in den kommenden Jahren umfassend überarbeitet und teilweise auch erweitert werden. Foto: Andreas Gebert/dpa

München.Das bayerische Kabinett hat am Dienstag ein weitreichendes Zehn-Jahres-Konzept zur Stärkung der Erinnerungskultur im gesamten Freistaat beschlossen. Die Gedenkstätten für die Gräueltaten der Nationalsozialisten sollen umfassend überarbeitet und teilweise auch erweitert werden. Das betrifft nicht nur die Gedenkstätte in Dachau, wo weitere historisch bedeutsame Bauten miteinbezogen werden sollen, sondern eine Vielzahl so genannter Opferorte. Aus ostbayerischerischer Sicht von besonderer Bedeutung ist, dass an der Universität Regensburg ein neues Zentrum für vergleichende Erinnerungskultur angesiedelt wird, das interdisziplinär arbeiten soll. Uni-Präsident Udo Hebel sprach von einem wichtigen Signal, gerade angesicht der gegenwärtigen politischen Entwicklungen. Man sei nun in der Lage, der gesellschaftlichen Verantwortung noch stärker nachzukommen „und die wissenschaftliche Arbeit zu intensivieren“.

Ein Wachturm des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg. Zu den Plänen gehört, dass möglichst rasch auch das Gelände des Steinbruchs in die Gedenkstätte mit einbezogen wird. Foto: Timm Schamberger/dpaArchiv
Ein Wachturm des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg. Zu den Plänen gehört, dass möglichst rasch auch das Gelände des Steinbruchs in die Gedenkstätte mit einbezogen wird. Foto: Timm Schamberger/dpaArchiv

Verstärkt wird durch das neue Zentrum auch die Kooperation der Universität Regensburg mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, mit der man bereits zahlreiche gemeinsame Projekte angestoßen hat. Der Leiter der Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, sprach am Dienstag von einem „epochalen Tag“ für die Erinnerungskultur. Die bayerische Regierung habe mit ihrem einstimmigen Beschluss eine Perspektive für die kommenden zehn Jahre gegeben. Auch der Direktor der Stiftung bayerische Gedenkstätten, der CSU-Landtagsabgeordnete Karl Freller, sieht einen „epochalen Durchbruch“ für die Opferorte. „An diesen Orten der Mahnung mit der klaren Botschaft ,Nie wieder‘ können die nationalsozialistischen Massenverbrechen weltweit begreifbar gemacht werden.“

Neues Uni-Zentrum ab 2021?

„Spätestens 2021 soll das Zentrum für Erinnerungskultur an der Uni an den Start gehen“, sagte Skriebeleit – und verriet auf Nachfrage, dass er zu den Gründungsdirektoren zählen wird. Das interdisziplinäre Institut wird auch in Flossenbürg einen Stützpunkt haben. Gedacht ist laut Freller an Stipendiaten- und Forschungsräume sowie ein Übernachtungshaus. Durch den Kabinettsbeschluss soll zudem forciert werden, dass der nahe Steinbruch, in dem früher Häftlinge schuften mussten und der heute von einem Unternehmen betrieben wird, möglichst zügig Teil der Gedenkstätte wird. Ende 2024 läuft der Pachtvertrag aus. Spätestens dann müsse es soweit sein, sagt Skriebeleit. „Wir werden sehen, was schon früher möglich ist.“ Noch in dieser Woche will er deswegen mit den „Immobilien Bayern“, die die landeseigenen Liegenschaften verwalten, über nächste Schritte sprechen.

Der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, nannte die Entscheidung der bayerischen Regierung „epochal“. Foto: Armin Weigel/dpa
Der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, nannte die Entscheidung der bayerischen Regierung „epochal“. Foto: Armin Weigel/dpa

Das Echo aus den Landtagsfraktionen auf den Beschluss der Staatsregierung fällt positiv aus. „Ich finde es gut, dass die Gedenkstätte in Flossenbürg aufgewertet wird“, sagt der Regensburger Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol. „Wenn hier Forschung stattfindet, auch vor Ort, unterfüttert das wissenschaftlich noch einmal die Gedenkstättenarbeit.“ Für die Regensburger Freie-Wähler-Abgeordnete Kerstin Radler, Mitglied in der interfraktionellen Arbeitsgemeinschaft „Erinnerungskultur des Landtags“, kommt das Konzept der Regierung genau zur richtigen Zeit, „um rechtsextremistischen und antisemitischen Tendenzen unserer Gesellschaft nachhaltig entgegenzuwirken.“ Sie ist gerade von einem Besuch in Israel zurückgekehrt. „Die Gespräche mit den Holocaust-Überlebenden in Israel sprechen für sich, viele gibt es ja nicht mehr.“ Der Regensburger Freie-Wähler-Abgeordnete Tobias Gotthardt hebt die Einbeziehung des Steinbruchs von Flossenbürg hervor. „Für mich ist klar: Ein derart wichtiger Ort, der die Erinnerung an schreckliche Geschehnisse wachhält und jeden Tag aufs Neue wachrüttelt, muss elementarer Bestandteil unserer Gedenk- und Erinnerungskultur sein.“ Die Regensburger SPD-Abgeordnete Margit Wild begrüßt das Konzept des Freistaats, sie mahnt nur, auch die kleineren Erinnerungsorte nicht aus dem Blick zu verlieren. „Dachau oder Flossenbürg müssen die Menschen bewusst besuchen. Die kleinen Erinnerungsorte – und seien es nur eine Gedenktafel oder ein Denkmal – kommen hingegen sozusagen zu den Menschen.“

„Es steht generell eine Zäsur an, weil uns die Zeitzeugen langsam verloren gehen.“

Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler)

Das bayerische Gesamtkonzept fällt in das Ressort von Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Es umfasst neben den Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg auch weniger bekannte ehemalige KZ-Außenlager wie Mühldorf und Landsberg/Kaufering. Das Stärken der Erinnerungskultur sei wichtig, sagt er. „Es steht generell eine Zäsur an, weil uns die Zeitzeugen langsam verloren gehen.“ Ein konkreter Kostenrahmen für die verschiedenen Projekte sei noch nicht absehbar – in einer ersten Schätzung spricht er aber von rund 200 Millionen Euro.

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