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Bundestagswahl 2017
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Politik

Eine Wahl, über die man reden muss

Geschockt von der Stärke der AfD sind die Parteien nach der Wahl. Ein Projekt an Bad Kötztings Förderschule zeigte den Trend.
Von Roman Hiendlmaier

Gesprächsbedarf hatten die Teilnehmer am Schulprojekt „Juniorwahl“ am SFZ. Das dortige Ergebnis wiederholte sich am Sonntag weitgehend.Foto: fsc

Bad Kötzting.Nachdenklich saßen am Donnerstagmittag vergangene Woche Veronika Nerud und Bianca Straßberger im Lehrerzimmer des Sonderpädagogischen Förderzentrums zusammen. Vor der Leiterin und der Sozialpädagogin lag ein Stapel Wahlzettel, das Ergebnis einer Projektarbeit. „Bei diesem Projekt namens Juniorwahl geht es eigentlich ausschließlich darum, Jugendliche zur Wahl zu motivieren,“ sagt Veronika Nerud. Das Ergebnis dieser Wahl sei eigentlich zweitrangig.

Bis zur Auszählung der Schüler-Stimmen war das Projekt, für das Nerud ihre Schule im Frühjahr beworben hatte, reibungslos verlaufen. Wochenlang war vor den Schulferien mit den Schülern das Thema Wahlen und die Vorgänge drumherum im Unterricht besprochen wurden.

Vorgeschmack aufs Wahlergebnis

Die Organisatoren der Juniorwahl, ein vom Bundestag geförderter Verein aus Berlin, schickten auch rechtzeitig Wahlbenachrichtigungen, Wahlurne und Stimmzettel – zeitlich und materiell sehr nahe an der echten Bundestagswahl. Die Idee: Die Lehrer sollen die Unterrichtsstunden halten, die Schüler den Wahlakt organisieren. Das Konzept ging auch auf, sagt die Schulleiterin.

Ihr wie auch der Bianca Straßburger blieb im Laufe der Projektarbeit aber nicht das eine oder andere Gespräch unter den 34 teilnehmenden Jugendlichen aus den Jahrgangsstufen sieben bis neun verborgen. Es wurde gelobt, kritisiert, „und es gab, nicht zu überhören, eine Reihe von Schülern, die Angela Merkel nicht mehr als Bundeskanzlerin haben wollten.“

Diese Meinungsäußerungen schwarz auf weiß hatten die beiden Projekt-Verantwortlichen dann am Donnerstag, als die Schüler ihre Meinung auch bei der Projektwahl vertraten: Mit zehn die meisten Stimmen der 34 Schüler erhielt die SPD, gefolgt von sieben Kreuzchen, die Schüler bei der AfD gemacht haben. Prozentual sind das 21 Prozent, wurde fürs Ergebnis der Projektstudie festgehalten.

Erst danach folgen mit je fünf Stimmen die CSU und die Grünen. Die Parteien FDP und Linke erhielten je zwei Stimmen, die Freien Wähler sogar nur eine.

Drei Tage später waren die Mienen ähnlich betreten bei den Verantwortlichen, als am Sonntagabend in Bad Kötzting und der Region die Stimmen der tatsächlichen Bundestagswahl ausgezählt wurden.

Zwar blieb bei den etablierten Parteien vieles beim Alten, und die SPD schaffte auch (natürlich) nirgends, doppelt soviele Stimmen wie die CSU zu erhalten. Aber der Grund für die Sorgenfalten auf der Stirn von Veronika Nerud und Bianca Straßburger wurde vom Projekt ins reale Leben projiziert: In den meisten Städten und Gemeinden des Landkreises pendelte die AfD um die 20-Prozent-Marke, lag in einigen Regionen sogar deutlich darüber.

„Ich hielt das nicht für möglich“

Am Montag nun rang man nach dem Votum in Bad Kötzting und der Region auch im SFZ um Fassung: „Ehrlich gesagt, hätte ich das nicht für möglich gehalten,“ sagt die Schulleiterin. Natürlich seien Schüler ein Spielgelbild der Gesellschaft, die von dieser geprägt würden, so Veronika Nerud. „Unser Schulprojekt spiegelte ja nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Stimmung in der Gesellschaft wieder. Dass diese Stimmung aber offenbar für weite Teile der gesamten Bevölkerung gilt, macht mich traurig und betroffen“, so Veronika Nerud.

Über das weitere Prozedere in der Schule und die Auswirkungen auf den Unterricht habe sie sich noch keine Gedanken gemacht, dafür sei der Zeitraum auch viel zu kurz gewesen. Was für sie jedoch feststehe, sei, dass es mit Schnellschüssen und Patentrezepten nicht getan sei. „So eine Entwicklung gehört in Ruhe aufgearbeitet und gemeinsam nach Lösungen gesucht.“

In jeden Fall bestärkt hätten sie die Wahlergebnisse, „dass bei uns an der Schule die moderate Diskussion und die sachliche Auseinandersetzung weiter gefördert werden.“

Reaktionen

FW-Ortsvorsitzender Robert Riedl


FW-Ortsvorsitzender Robert Riedl: „Mein demokratisches Herz hat geblutet, als ich den Berg der Stimmzettel für die AfD wachsen sah. Großartig überrascht hat das Wahlergebnis ihn aber nicht. Die Stimmen für die AfD sind die Folge, dass sich die Bürger mit ihren Problemen alleingelassen fühlen. Mit dem Ergebnis der Freien Wähler lokal bin ich zufrieden und für die Landtagswahl 2018 zuversichtlich.“

Carola Höcherl-Neubauer (CSU)

Carola Höcherl-Neubauer (CSU): „Die CDU/CSU hat wieder den Regierungsauftrag der Wähler erhalten. Es gilt, das gemeinsame Wahl- und Regierungsprogramm in den nächsten vier Jahren auch umzusetzen. Das Ergebnis der Wahl ist meiner Ansicht nach in großen Teilen als Protestwahl zu sehen. Hier muss aufgearbeitet werden, um den Bürgern Lösungen für ihre Probleme anzubieten.“

Veronika Nerud (l.)

Veronika Nerud: „Die Entwicklung gehört in Ruhe aufgearbeitet und gemeinsam nach Lösungen gesucht.“ In jeden Fall bestärkt haben die Schulleiterin des SZF die Wahlergebnisse, „dass bei uns an der Schule die moderate Diskussion und die sachliche Auseinandersetzung weiter gefördert werden.“

Bürgermeister Markus Hofmann

Bürgermeister Markus Hofmann: „Ich kann die Überraschung nicht verstehen. Jeder, der das Ohr am Bürger hatte, musste mit diesem Ergebnis rechnen. Was mich enttäuscht: Die Verärgerung der Bürger ging zulasten der anderen Parteien. – Man hätte ja nicht Rechts wählen müssen.“

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