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Das lebendige Band der Geschichte

Eine Nation gründet sich auf Erinnerungen. Aber was findet Eingang ins kollektive Gedächtnis? Fragen an die Historikerin Dr. Sabine Moller.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Der 1. Weltkrieg hat seinen Platz in der deutschen Erinnerungskultur noch nicht gefunden. Das könnte sich ändern, wenn der Blick 100 Jahre zurück Orientierung für die Gegenwart und Zukunft verspricht. Foto: dpa
  • Dr. Sabine Moller ist Historikerin an der Humboldt-Universität in Berlin. Foto: Jeanne dePolo

Regensburg.Erinnern und Vergessen – wie hängt das zusammen?

Dr. Sabine Moller: Der französische Schriftsteller Ernest Renan hat Ende des 19. Jahrhunderts etwas auf den Punkt gebracht, das heute noch von Bedeutung ist: „Wesentlich für eine Nation ist, dass alle Mitglieder viel gemeinsam haben – und dass sie alle Vieles vergessen haben.“ Er geht von der identitätsstiftenden Kraft des Gedächtnisses aus. Wichtig für die Gemeinschaft in einer Nation ist nicht die Blutsverwandtschaft, sondern die gemeinsame Erinnerung. Gleichzeitig erkennt er richtig, dass zum Erinnern auch das Vergessen gehört. Dieser Gedanke ist in den letzten Jahrzehnten etwas aus dem Blick geraten. Es wurde die Erinnerung beschworen und das Vergessen überwiegend negativ betrachtet. Heute ist uns deutlicher bewusst, dass das eine nicht ohne das andere denkbar ist. Erinnern und Vergessen gehören untrennbar zusammen. Und Erinnerung ist – wie unsere Wahrnehmung im Allgemeinen – immer eine Auswahl. Das gilt auf individueller Ebene genauso wie auf kollektiver Ebene. Wir können nicht alles wahrnehmen und wir können nicht alles erinnern. Aufmerksamkeit ist ein kreativer Akt, das heißt, wir wählen aus, was wir erinnern, um uns in unserer gegenwärtigen Welt zurechtzufinden. Wir müssen uns immer aus der Perspektive der Gegenwart entscheiden, was relevant ist und was nicht.

Warum nahm und nimmt der 1. Weltkrieg in der deutschen Erinnerungskultur im Vergleich zum 2. Weltkrieg und zum Holocaust weniger Raum ein?

Der 1. Weltkrieg hat für die Deutschen nicht so eine Rolle gespielt wie für andere westeuropäische Nationen – etwa Belgien, Frankreich, Großbritannien. Das liegt zum einen daran, dass Letztere den Schrecken des Krieges viel unmittelbarer im eigenen Land erlebt haben und weil für sie die Opferzahlen im 1. Weltkrieg viel größer waren. Aus deutscher Perspektive ist der 2. Weltkrieg der tiefergreifende Einschnitt, der mit dem Bombenkrieg und dem Holocaust, dem Kalten Krieg anschließend und der deutschen Teilung verbunden ist. Der 1. Weltkrieg wird davon überlagert. Er galt immer nur als Vorspiel für den 2., während er in anderen westeuropäischen Nationen der „große Krieg“ war. Das hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Heute ist die Rede von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ auch im Alltagsdiskurs anzutreffen. Trotzdem hat der 1. Weltkrieg bisher keinen zentralen Platz in der deutschen Erinnerungskultur gefunden.

Wie bildet sich ein kollektives Gedächtnis?

Bei einem kollektiven Gedächtnis handelt es sich nicht um ein Kollektivgedächtnis im Sinne einer Kollektivpsyche. So war das von Maurice Halbwachs, der den Begriff in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt hat, nie gemeint. Es geht um die sozialen Bedingungen des Erinnerns, also darum, dass man sich immer in sozialen Kontexten erinnert. Er stellte dabei das Familiengedächtnis heraus, als Beispiel für das kommunikative Alltagsgedächtnis, das auf regelmäßigen Gesprächen, gemeinsamen Lebensformen und geteilten Erfahrungen beruht. Früher war es auch immer die räumliche Nähe, aber das hat sich in der Gegenwart relativiert. Es können auch Berufskollegen sein, Nachbarschaften, religiöse Gemeinschaften. Das Alltagsgedächtnis kann bis zu vier Generationen oder etwa 100 Jahre umfassen. Ich kann mich noch an die Erzählungen meiner Urgroßmutter erinnern, aber weiter reicht das lebendige Band der Geschichte nicht.

Und was folgt danach?

Will man Erinnerungen über einen längeren Zeitraum konservieren, braucht man dazu Spezialisten oder Institutionen. An diesem Punkt sind wir gerade, was den 1. Weltkrieg anbelangt. Gegenwärtig geben viele Menschen Briefe und Fotos an das digitale Archiv Europeana ab. Solche spezialisierten Gedächtnisträger wollen die Erinnerung der Vorfahren vor dem Vergessen bewahren. Ob das funktionieren wird, kann man jetzt noch nicht sagen, das hängt auch von der Pflege und Nutzung der digitalen Archive ab.

Wodurch wird gesteuert, was im kollektiven Gedächtnis bewahrt wird?

Unsere Fragen richten sich immer aus der Perspektive der Gegenwart an die Vergangenheit. Die Primärerfahrung ist die wichtigste Quelle, danach Zeitzeugen und Familienerinnerungen. Das Alltagsgedächtnis spricht sich von alleine, nebenbei – etwa bei Kaffee und Kuchen herum. Weitere wichtige Quellen sind Massenmedien und insbesondere Spielfilme, weil sie Vergangenheit scheinbar absichtslos vermitteln. Der Geschichtsunterricht ist nur eine kleine Insel in diesem machtvollen Strom der Erinnerungen und Bilder. Aber eine wichtige Insel, die nicht vernachlässigt werden darf.

Können Erinnerungswellen wie in einem Gedenkjahr den 1. Weltkrieg neu und besser im kollektiven Gedächtnis verankern?

Es verändert sich im Moment sicherlich etwas. Es gibt neue Bücher, neue Studien, digitale Archive – es tun sich zahlreiche neue Quellen für die künftigen Erinnerungen auf. Ob sich dadurch aber tatsächlich qualitativ etwas verändern wird, lässt sich im Moment schwer sagen. Das hat wesentlich damit zu tun, wie sich die politische Situation verändern wird, ob es das Bedürfnis oder die Notwendigkeit gibt, stärker auf den 1. Weltkrieg zu schauen. Vielleicht bringt uns ein allgemeines Krisenbewusstsein dazu, den 1. Weltkrieg oder die Machtübernahme durch Hitler vor der Frage zu betrachten: Was bringt Gesellschaften zum Kippen, was ist da eigentlich passiert? Wir schauen zurück, weil wir uns davon Orientierung für die Gegenwart und die Zukunft versprechen.

Bewegen sich die Erinnerungen der Sieger und Besiegten in Europa aufeinander zu?

Das ist prinzipiell möglich. Es gibt – mit aller Vorsicht formuliert – momentan schon die Tendenz, mehr die transkulturellen und verbindenden Elemente der Kriegserfahrung herauszustellen. Das Leid war ja in allen Ländern vorhanden. Gleichzeitig bleiben vor allem Kriegserinnerungen immer offen für eine politische Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken.

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