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Ein Friedensvertrag mit Sprengkraft

Der Versailler Vertrag sollte nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Ordnung begründen. Das Abkommen wurde jedoch zum Schoß für den Zweiten Weltkrieg.
Von Harald Raab, MZ

Sein Inhalt hat als „Schand-Diktat“ in ganz Deutschland helle Empörung ausgelöst: Der französische Ministerpräsident Georges Benjamin Clemenceau eröffnet am 28. Juni 1919 im Schloss von Versailles die Sitzung zur Unterzeichnung des Friedensvertrags (Zeichnung von George Scott). Foto: dpa

Regensburg.Frieden und Stabilität sollte der Vertrag von Versailles 1919 den vom vierjährigen Toben des Ersten Weltkriegs geschundenen Völkern Europas bringen. Tatsächlich wurde er zum Steigbügelhalter für den deutschen Nationalsozialismus und damit auch der Schoß, aus dem eine noch fürchterlichere Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen ist: der Zweite Weltkrieg.

Einer, dem schwerlich Sympathie mit dem geschlagenen deutschen Kaiserreich nachgesagt werden kann, fällt ein vernichtendes Urteil. Winston S. Churchill in seinen Memoiren: „Die wirtschaftlichen Bestimmungen waren so bösartig und töricht, dass sie offensichtlich jede Wirkung verloren. Deutschland wurde dazu verurteilt, unsinnig hohe Reparationen zu leisten (...). Niemand in führender Stellung besaß den Geist (...), um den wahlberechtigten Mitbürgern diese grundlegenden brutalen Tatsachen auseinanderzusetzen; auch wäre keinem (...) geglaubt worden.“

Spiegelsaal als Ort der Demütigung

Der Erste Weltkrieg wurde damals als Angriffskrieg des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns, in Waffenbrüderschaft mit dem maroden Osmanischen Reich, begriffen. Entsprechend feindselig war am 28. Juli 1919 bei Unterzeichnung des Friedensvertrags die Stimmung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. Nicht nur den Franzosen war bewusst, dass von diesem Ort aus vor 48 Jahren Deutschlands Großmannssucht ausgegangen ist. Hier proklamierten 1871 die deutschen Sieger ihren Kaiser und diktierten den unterlegenen einen harten Friedensvertrag. Fünf Milliarden Francs mussten die Besiegten den Deutschen bezahlen. Sie taten es mit zusammengebissenen Zähnen bis zum letzten Sous. Obendrein mussten sie Elsass-Lothringen abtreten.

„Bringt die Deutschen herein“, befahl der französische Regierungschef Georges Clemenceau schroff. Geradezu kläglich muteten die beiden Herren an, die mit gesenkten Köpfen in den Prunksaal des Versailler Schlosses kamen. Für die neue deutsche Republik unterschrieben Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell das Papier. Sein Inhalt hat als Schand-Diktat in ganz Deutschland helle Empörung ausgelöst. Nie waren sich Linke und Konservative, Republikaner und Monarchisten so einig gewesen. Die Deutschen hatten ihre eigenen Füllfederhalter mitgebracht, um nicht mit französischer Tinte ihren Namen auf das Dokument setzen zu müssen.

Davor war in Berlin die erste Reichsregierung unter Philipp Scheidemann zerbrochen. Der Ministerpräsident wollte diesen Vertrag nicht unterzeichnen. „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt“, hatte er vor der Verfassungsgebenden Nationalversammlung seiner Haltung Ausdruck verliehen. Die Franzosen aber hatten ein Ultimatum gesetzt und mit dem Einmarsch ihrer Truppen in Deutschland gedroht. Weiter bestand auch die Seeblockade der Royal Navy. Das deutsche Volk hungerte. Der Versailler Vertrag mit seinen harten 400 Artikeln musste von deutscher Seite gebilligt werden, um eine Katastrophe abzuwenden.

Den Deutschen wurde der Krieg in Rechnung gestellt

Nie zuvor war ein derartiger Friedensvertrag unterzeichnet worden. Elsaß-Lothringen musste wieder an Frankreich abgegeben werden, Posen, das Memelland und beinahe ganz Westpreußen gingen an Polen. Das linke Rheinufer wurde von alliierten Truppen besetzt. Knapp 13 Prozent des deutschen Territoriums und ein Zehntel der Bevölkerung gingen verloren. Das Saargebiet wurde dem Völkerbund unterstellt. Die Franzosen durften 15 Jahre lang die Kohlengruben ausbeuten. 75 Prozent der deutschen Erzvorkommen mussten abgetreten werden. Deutschland durfte keine Kolonie behalten. Deutschlands Streitmacht wurde auf 100 000 Soldaten im Heer und 15 000 bei der Marine beschränkt. Panzer, U-Boote, große Kriegsschiffe und Flugzeuge waren nicht gestattet. Die Summe der Reparationen wurde 1921 auf 132 Milliarden Goldmark festgelegt. Allerdings wurde davon bis 1932 nur ein Sechstel bezahlt. Danach wurde die Überweisung der großen Summen eingestellt. Das Geld dafür kam hauptsächlich aus Krediten, die die USA der Weimarer Republik gewährt haben.

Das Zustandekommen der harten Bedingungen kann man nur verstehen, wenn man die Empörung der Franzosen, aber auch der Briten über den von den Deutschen aufgezwungenen Krieg in Rechnung stellt. In der Zeit zwischen 1814 und 1918 lag Paris fünfmal unter dem Geschützfeuer deutscher Kanonen. Im 1. Weltkrieg kamen eineinhalb Millionen Franzosen um. In Frankreich waren 4000 Städte und Ortschaften ein Trümmerhaufen, 20 000 Fabrikanlagen waren unbrauchbar gemacht oder abmontiert worden Bergwerke waren geflutet. Das Deutsche Kaiserreich aber blieb weitgehend unzerstört. In Belgien hat die deutsche Besatzung demonstriert, was all denen passiert, die in ihre Gewalt kommen. Die Industrieanlagen waren fast vollständig nach Deutschland transportiert worden. Belgisches Territorium sollte Deutschland zugeschlagen werden. Frankreich und Großbritannien hatten ihre Kriegslasten durch Kredite finanziert und waren bei Kriegsende hoch verschuldet.

Churchill sprach von der „Tragödie Europas“

Eine Enttäuschung nicht nur für die Deutschen war die Rolle des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson beim Zustandekommen des Versailler Vertrags. In seinem 14-Punkte-Programm hatte er eine Friedenslösung auf der Grundlage der Selbstbestimmung der Völker proklamiert. Dem Machtpoker der Siegermächte war er nicht gewachsen. Um seinen Plan doch noch realisieren zu können, den Völkerbund als Friedensgarant ins Leben zu rufen, machte er laufend Zugeständnisse. So konnte sich Italien Südtirol einverleiben, um eine sichere Landesgrenze am Brenner zu haben. Den Deutschen Böhmens und Mährens wurde nicht gestattet, sich dem deutschen Teil Österreichs anzuschließen. Sie mussten in der neu geschaffenen Tschechoslowakei bleiben.

Der tschechoslowakische Staat, das wiedererstandene Polen, die neuen baltischen Staaten und Finnland waren als Pufferzone zwischen dem bolschewistischen Russland und dem Westen gedacht. Andererseits sollten sie mit Frankreich im Westen Deutschland von zwei Seiten umfassen, um so wiedererwachende deutsche Expansionsgelüste zu dämpfen.

Churchill sprach von einer „Balkanisierung Osteuropas“. Neben den überzogenen Reparationen bezeichnete er die Auflösung Österreich-Ungarns in den auf den Versailler Diktatfrieden folgenden Verträgen von St. Germain und Trianon als die „Tragödie Europas“. Und weiter: „Es gibt keine einzige Völkerschaft des Habsburgischen Reiches, der die Erlangung der Unabhängigkeit nicht die Qualen gebracht hätte, wie sie von den alten Dichtern für die Verdammten der Hölle vorgesehen sind.“

Der verhängnisvolle Artikel 231

Ein verhängnisvoller Sprengsatz steckte im Artikel 231 des Versailler Vertrags. Er stellt die Alleinschuld der Deutschen am Zustandekommen des 1. Weltkriegs fest. Eigentlich war der Passus nur in das Vertragswerk gekommen, weil man damit den Volkszorn in Frankreich befriedigen wollte. Er sollte keine rechtliche Konsequenz haben. In Deutschland aber führte die Aufbürdung der moralischen und faktischen Schuld zur nicht enden wollenden Empörung. Deutschnationale und Nazis hatten damit das Argument, das sie gegen die Demokratie instrumentalisieren konnten.

Marschall Ferdinand Foch, der letzte Oberkommandierende der Alliierten Streitkräfte an der Westfront, sollte mit seiner düsteren Prophezeiung Recht behalten: „Das ist kein Friedensvertrag, das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre.“ 1939 überfiel die Wehrmacht Hitlerdeutschlands Polen und löste damit gezielt den 2. Weltkrieg aus. In diesem Fall wenigstens ist die Kriegsschuld eindeutig. Doch in Versailles wurde die Lunte an das Pulverfass gelegt. Der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuss: „Der Ausgangspunkt des Nationalsozialismus ist nicht München sonder Versailles.“ Ein verhängnisvoller Fehlschluss wäre es allerdings, mit der Missgeburt des Versailler Vertrags die Deutschen zu exkulpieren. Sie allein tragen die Verantwortung. Sie allein haben sich Hitler und seine Kriegspolitik gewählt und sie fast bis zum bitteren Ende unterstützt.

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