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Mauerfall

Ein Satz, der Geschichte geworden ist

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zählt zu den wichtigsten Sätzen der Wendezeit. Es wird Gorbatschow zugeschrieben. Hat er ihn so gesagt?
Von Christof Bock, dpa

Hat er ihn gesagt oder nicht, den Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“: Michail Gorbatschow Foto: dpa

Berlin.Es sind gerade einmal acht Wörter, die für das marode Regime der DDR im Herbst 1989 zum Fanal werden: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Ein Satz, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Er wird Michail Gorbatschow zugeschrieben, dem letzten Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Gorbatschow soll ihn vor 25 Jahren gesagt haben, bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Staatsgründung am 6. und 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin.

Doch stimmt das auch? Stammt der berühmte, von der DDR-Opposition so begierig aufgegriffene Satz tatsächlich vom damaligen Kremlchef? Aufnahmen gibt es nicht, weder auf Tonbändern noch auf Filmen sind die Worte festgehalten. Das wäre wohl auch schwer möglich gewesen. Denn: „Diesen Satz hat Gorbatschow so nicht gesagt“, sagt der frühere Reporter der Deutschen Presse-Agentur, Heinz Joachim Schöttes. Doch wie ist er dann in die Welt gekommen?

Ein Besuch mit Folgen

Rückblende: Es herrscht eine gespenstische Atmosphäre, als Gorbatschow am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin eintrifft. Seit Monaten fliehen DDR-Bürger über Ungarn in den Westen. Und auch viele Ostdeutsche, die bisher geblieben sind, verlieren die Geduld mit den Machthabern. Auf den Straßen gibt es Demonstrationen. Die Riege um Staats- und Parteichef Erich Honecker erhofft sich Rückendeckung von dem Besuch aus Moskau. Die Menschen begrüßen den Gast mit „Gorbi, Gorbi“-Rufen und hoffen auf Tauwetter.

Als Gorbatschow am 6. Oktober in der Berliner Gedenkstätte Neue Wache einen Kranz für die Opfer des Faschismus niederlegt, geschieht etwas Ungewöhnliches. Der Russe lässt die Kamerateams des Ost-Fernsehens links liegen und steuert die westdeutschen Kamerateams an.

„Er kam direkt auf uns zu“, erinnerte sich der frühere „Tagesschau“-Reporter und spätere Redaktionsleiter des ZDF-Politikmagazins „Frontal 21“, Claus Richter, im Jahr 2004 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Auch dpa-Reporter Schöttes beobachtet die Szene. Er bestätigt, was auch Kameraaufnahmen belegen.

Schöttes: „Er sagte vor der Neuen Wache: ,Ich glaube, Gefahren lauern nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.‘“ Ein komplizierter, nicht sehr prägnanter Satz. Und es sind keineswegs die Worte, die später um die Welt gehen werden – auch wenn sich diese Lesart mancherorts bis heute hält.

Und das Originalzitat? Gorbatschow schrieb später in seinen Memoiren, es sei in einem Vier-Augen-Gespräch mit Honecker gefallen. „Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, will der Kremlchef den mächtigsten Mann der DDR ermahnt haben. Was er damals wirklich zu Honecker sagte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

„Eine verschachtelte Konstruktion“

Klar ist jedoch, wann der berühmte Satz in dieser Form zum ersten Mal öffentlich auftaucht: am 7. Oktober gegen 18.30 Uhr, kurz nach dem Vier-Augen-Gespräch von Gorbatschow und Honecker, in zwei Tickermeldungen der Nachrichtenagenturen dpa und Associated Press (AP). Dazu lieferte die dpa den einordnenden Satz: „Beobachter werteten das als indirekten Hinweis, dass auch in der DDR ähnliche Reformen wie in der Sowjetunion im gesellschaftlichen Bereich eingeführt werden sollen.“

Was war passiert? Wie kam der Satz zustande? „Ich weiß, dass ich mit dem AP-Kollegen Jürgen Metkemeyer zusammengestanden habe“, erinnert sich Schöttes. „Wir haben alles versucht, um kontinuierlich zu berichten, und es war sehr schwierig, an Informationen heranzukommen. Offizielle Interviews mit Reportern aus dem Westen gab es ja nicht.“

Die Reporter blieben also in der Nähe des Gorbatschow-Trosses. „Es war irgendwo draußen, wahrscheinlich vor dem Staatsratsgebäude“, schilderte Metkemeyer vor einigen Jahren die Szene. Irgendwann kam der Sprecher von Gorbatschow, Gennadi Gerassimow, heraus und gab ein Statement seines Chefs ab. „Es sind ja immer Übersetzer mit dabei“, erinnert sich Schöttes.

Das Original des Statements sei „eine verschachtelte Konstruktion“ gewesen, sagt Schöttes. Metkemeyer erinnerte sich vor einigen Jahren, der Satz sei entstanden, indem die Journalisten gemeinsam die treffendste Übersetzung gesucht hätten. Schöttes: „Der Kollege Metkemeyer und ich haben unsere Aufzeichnungen abgeglichen und haben uns dann auf diese Interpretation des Gesagten verständigt.“ dpa wies damals darauf hin, dass Gerassimow Gorbatschows Worte lediglich wiedergegeben habe.

Gorbatschow gefiel es gut

Die jungen Reporter – der damalige AP-Mann Metkemeyer ist zu der Zeit 34 Jahre alt, Schöttes 30 – ahnen nicht, welche Wirkung dieser Satz entfalten wird. „Damals war uns bestimmt nicht bewusst, dass es solche Kreise ziehen würde“, sagt Schöttes. Wenige Tage später löschte er das Band mit der Aufzeichnung von Gerassimow, um Platz für neue Interviews zu machen. „Damals gab es ja Entwicklungen im Minutentakt.“

Was Gerassimow tatsächlich gesagt hatte, ist nicht mehr zu klären. Gorbatschow fühlte sich aber offenbar so gut interpretiert, dass er „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ später als eigenen Ausspruch übernahm. An anderer Stelle dankte er wiederum Gerassimow als Erfinder. Der habe das „zu Ende gedacht“.

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