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Interview

Angst machen Doleschal nur Gleichgültige

Der 31-Jährige greift bei der Europawahl nach einem Platz in Brüssel. Er appelliert ans konservative Klientel: „Wählen gehen“
Von Christine Schröpf

CSU-Europakandidat Christian Doleschal. Foto: Tino Lex
CSU-Europakandidat Christian Doleschal. Foto: Tino Lex

Regensburg.Die ersten politischen Schritte machte Christian Doleschal mit zwölf Jahren. Damals rückte er in seiner Heimatgemeinde Brand (Lkr. Tirschenreuth) in den Jugendgemeinderat ein. Zwei Jahre später übernahm er den Posten des Jugendbürgermeister – auch sonst ging es zügig bergauf. Mit 19 Jahren war er bereits Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Union. Will man Doleschal politisch verorten, stellt man sich am besten einen Gegenentwurf zu Bundes-Juso-Chef Kevin Kühnert vor, der gerade mit Gedankenspielen über Kollektiven beim Autobauer BMW von sich Schlagzeilen gemacht hat. Zu ihm hat der Oberpfälzer eine klare Meinung. „Ich schätze Kevin Kühnert als linksextrem ein. Mich schockiert, dass sich die bayerische SPD nicht distanziert.“ Aktuell steckt Doleschal mitten im Europawahlkampf. Mit Platz 5 auf der CSU-Liste hat er eine aussichtsreiche Startposition für ein Mandat in Brüssel.

Herr Doleschal, Ihr Wahlkampffoto ist in der ganzen Oberpfalz plakatiert – persönlich sind Sie vielen aber noch unbekannt. Wer ist Christian Doleschal? Was sind Ihre Haupteigenschaften?

Ich bin heimatverliebt, ich bin weltoffen – und lösungsorientiert.

Das müssen Sie jetzt doch genauer erklären.

Heimatverliebt heißt, dass ich für die Heimat unterwegs bin, Heimat gestalten will und auch einen gesunden heimatlichen Patriotismus in mir trage. Weltoffen heißt, dass ich den Blick für andere Kulturen und andere Regionen nicht verliere und die Vielfalt, die Europa zu bieten hat, gerne verstehen will. Lösungsorientiert heißt, dass ich pragmatisch und unideologisch daran arbeite, dass es den Menschen besser geht. Wir erleben ja gerade ideologisch aufgeladene Debatten. Das ist nicht mein Stil.

Sie nennen sich selbst – in dieser Reihenfolge: Europäer, Bayer, Oberpfälzer, Fichtelgebirgler und Brandner, nach ihrem Heimatort bei Tirschenreuth. Was macht den typischen Oberpfälzer aus?

Eine Grundgelassenheit. Der Oberpfälzer ist ein Typ, der nicht gleich auf 180 ist, sondern sich die Dinge anschaut und sortiert. So schätze ich mich auch selbst ein.

Ich schätze Kevin Kühnert als linksextrem ein. Mich schockiert, dass sich die bayerische SPD nicht distanziert.“

Christian Doleschal, CSU-Europakandidat

Sie machen gefühlt ein Leben lang Politik. Schon mit 14 Jahren waren Sie Jugend-Bürgermeister in ihrer Heimatgemeinde. Warum Politik - und nicht etwas Anderes, das auch Spaß macht?

Ich habe die „klassische Dorfkarriere“ hinter mir: Ich war Ministrant. Ich war im Fußballverein aktiv, auch in der katholischen Jugendarbeit, in der Theatergruppe und im Fichtelgebirgsverein. Irgendwann kam der Tag, an dem der Jugendgemeinderat gewählt wurde. Ich war zwölf Jahre und wurde gefragt, ob ich mitmachen will. Zwei Jahre später war ich Jugendbürgermeister. Wir haben Ramadama-Aktionen gemacht oder einen neuen Jugendraum organisiert. Es hat mir Spaß gemacht, mitzugestalten, die Situation in meinem Ort zu verbessern und Verantwortung zu übernehmen.

Wenn Sie heute 14 Jahre alt wären: Würden Sie bei Fridays-for-Future-Demos mitmarschieren?

Ich kann das schwer beantworten. Ich möchte es nicht ausschließen. Meine eigene Motivation mit 14 Jahren war aber, die Situation vor Ort zu verbessern und nicht gleich die ganze Welt zu retten.

Sie zählen bei der Europawahl mit 31 Jahren zu den jungen Kandidaten: Wie prägt das Ihre Politik?

Für uns Junge ist Europa selbstverständlich. Wir erleben in unserem Alltag, in unserem Studium, in unserer Arbeitswelt Europa als Selbstverständlichkeit. Wir können uns ein Leben ohne Europa gar nicht mehr vorstellen. Das ist Motivation und Ansporn, dieses Europa gegen linke und rechte Extreme zu verteidigen. Die Brexit-Abstimmung in Großbritannien und die Trump-Wahl in den USA haben gezeigt, dass wir vor den Wahlen aktiv sein müssen, damit wir nicht hinterher aufwachen und uns fragen müssen: Was ist hier eigentlich passiert?

Zur Person

  • Ausgangslage:

    Christian Doleschal kandidiert auf Platz 5 der CSU-Liste. Die Regierungspartei ist schon jetzt mit fünf Abgeordneten im Europa-Parlament vertreten. Werden in etwa die 40,5 Prozent der vergangenen Wahl erreicht, hat der 31-Jährige gute Chancen auf ein Mandat.

  • Politische Karriere:

    Doleschal war bereit mit 14 Jahren Jugendbürgermeister in seinem Heimatort Brand (Lkr. Tirschenreuth), mit 16 war er Geschäftsführer der Jungen Union Oberpfalz, mit 19 Mitglied im Bundesvorstand der JU, mit 23 Bezirksvorsitzender der JU Oberpfalz. Ende August könnte er zum JU-Landesvorsitzenden aufrücken.

  • Privates und Beruf:

    Doleschal hat in Regensburg und Bayreuth Jura studiert. Er ist verheiratet. Derzeit arbeitet er bei einem Bauunternehmen mit rund 1000 Mitarbeitern als Rechtsanwalt.

Sie nennen die Beziehungen zu Tschechien als Schwerpunkt Ihrer Politik. Für was würden Sie sich im Europaparlament als Erstes einsetzen?

Vor ziemlich genau 15 Jahren ist die Oberpfalz mit dem Fall der Grenze zu Tschechien in das Herz Europas gerückt. Seitdem hat sich vieles positiv entwickelt. Wir brauchen jetzt aber einen neuen Aufschlag, um die Beziehungen weiter zu intensivieren. Auf deutsch-französischer Seite gibt es mit dem Aachener Vertrag ganz neue Ideen. Wir müssen über einen deutsch-tschechischen Staatsvertrag diskutieren.

Was wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte in einem solchen Staatsvertrag?

Es geht darum, die wirtschaftlichen Beziehungen und die Verkehrsinfrastruktur auszubauen. Wichtig ist auch, dass wir die Sprachbarrieren weiter abbauen und in Schulen verstärkt Tschechischunterricht anbieten - zur besseren Wertschätzung und zum besseren Verständnis für das andere Land.

Ihr Opa stammt aus dem Sudetenland. Sie leben im gleichen Haus. Wie hat er Ihr Bild von Tschechien geprägt?

Ich merke in der älteren Generation, dass es eine gewisse Grundskepsis gegenüber tschechischen Mitbürgern gibt. Mein Opa, der vertrieben wurde, hat natürlich eine andere Beziehung zu Tschechien als ich.

Dann prägen eher Sie bei ihm ein neues Bild von Tschechien?

Ja.

Ein zweiter Schwerpunkt Ihrer Politik ist das Thema Wirtschaft: Sie wollen – wie das jetzt auch CSU-Chef und Ministerpräsident Markus Söder proklamiert hat – Ökologie und Wachstum versöhnen. Was heißt das für Sie genau?

Ich glaube, dass es inzwischen gesellschaftlich breit akzeptiert ist, dass wir mit unseren Ressourcen sparsam umgehen müssen. Aber ich glaube, es braucht dabei einen marktwirtschaftlichen Ansatz und keine planwirtschaftlichen Instrumente. Eine Verbotskultur oder Steuererhöhungen - das ist der klassische linke Reflex. Wir müssen technologische Ansätze finden. Schauen wir, dass unsere Technologien so gut sind, dass wir ressourcenschonend unterwegs sind und unsere Maschinen auch ein Exportschlager für andere Regionen sind.

Im Bund wird gerade zum Klimaschutz über eine C02 Steuer debattiert. Was sagen Sie dazu?

Ich habe mir noch keine abschließende Meinung gebildet. Ich befürchte: Das Versprechen, dass es am Ende aufkommensneutral sein wird - also ohne zusätzliche Belastungen für Bürger - wird nicht einzuhalten sein. Deshalb bin ich eher skeptisch. Ich finde den Ansatz, es über einen Emissionshandel zu lösen, charmanter.

Sie sind Chef der JU Oberpfalz. Im gegensätzlichen politischen Spektrum macht gerade der Bundesvorsitzende der Jusos, Kevin Kühnert, Schlagzeilen: In einem Gedankenspiel lässt er Konzerne wie BMW per Kollektiv von Beschäftigten führen. Eine überlegenswerte Utopie?

Es ist brandgefährlich, was Herr Kühnert betreibt. Es war von ihm kalkuliert angelegt, jetzt wieder mit dem Sozialismus um die Ecke zu kommen. Da geht es nicht um einen jungen Kerl, der einmal über das Ziel hinausgeschossen ist. Ich schätze Kevin Kühnert als linksextrem ein. Mich schockiert, dass sich die bayerische SPD nicht distanziert. Wir müssen aufpassen, dass hier nicht die ersten linken Testballons unterwegs sind. Rot-Rot-Grün hat im Bund ja in Umfragen aktuell schon wieder 45 Prozent.

Parteien

Die Euphorie im Weber-Stammland

2500 Anhänger hat Manfred Weber schon vor dem ersten Wort erobert. Der Spitzenkandidat bleibt in Niederbayern „der Mane“.

Hinter dem Kühnert-Vorstoß steckt im Kern großes Unbehagen darüber, dass Wohlstand ungleich verteilt ist. Teilen Sie dieses Unbehagen?

Sicher gibt es berechtigte Diskussionen darüber, wie Wohlstand sich zu verteilen hat. Wichtig ist, dass alle partizipieren können. Ich halte aber nichts davon, durch eine Gleichmacherei alle gleich arm zu machen. Kühnerts Ideen funktionieren einfach nicht.

Kevin Kühnert will auch, dass jeder maximal die Wohnung besitzen darf, in der er wohnt. Für Wohnungen sollen am besten Genossenschaften zuständig sein. Was können Sie dem Vorstoß in Zeiten von Wohnungsmangel abgewinnen?

Hinter dem Vorstoß von Juso-Bundeschef Kevin Kühnert steckt aus Sicht von Christian Doleschal Kalkül. Foto: Michael Kappeler/dpa
Hinter dem Vorstoß von Juso-Bundeschef Kevin Kühnert steckt aus Sicht von Christian Doleschal Kalkül. Foto: Michael Kappeler/dpa

Durch den Vorstoß von Kühnert wird keine einzige Wohnung neu geschaffen. Das ist wieder einer dieser ideologischen Ansätze, die Nullkommanull zu einer Lösung beitragen. Wenn wir Wohnungsmangel in Deutschland beheben wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir mehr Wohnungen für junge Menschen und junge Familien, aber auch für Rentner herbekommen. Wir müssen die Diskussion aushalten, dass wir Fläche verbauen müssen, wenn wir kostengünstigen Wohnraum schaffen. Wir müssen die Diskussion führen, ob unsere Energievorschriften immer zu 100 Prozent erfüllt sein müssen oder ob es pragmatischere Wege gibt. Wir müssen uns überlegen, wie wir Landwirte dazu bewegen, Flächen für Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Bei der Europawahl haben Sie auf der CSU-Liste Platz Fünf – was als aussichtsreich gilt. Wie besorgt sind Sie angesichts einer neuen Umfrage, die der CSU Verluste vorhersagt?

Ich bin zuversichtlich, dass wir mindestens fünf Mandate holen. Ich spüre bei Veranstaltungen, dass sich die CSU im Vergleich zur Landtagswahl stabilisiert hat. Was uns trägt, ist auch unser Spitzenkandidat Manfred Weber. Egal wo ich unterwegs bin: Er hat hohe Beliebtheit und hohe Akzeptanz. Wir haben erstmals die Chance, mit ihm den EU-Kommissionspräsidenten zu stellen.

Warum sind die CSU-Umfragewerte dann nicht höher?

Das liegt am Bundes-Trend, von dem wir uns in Bayern nicht ganz abkoppeln können. Die GroKo läuft noch immer nicht, wie sie laufen soll. Es gibt auch einen ersten „AKK-Abnutzungseffekt“. Aber ich glaube, dass der Weber-Effekt uns noch das eine oder andere Prozentpünktchen bringen wird. Die entscheidende Frage wird sein, ob es uns als bürgerlicher Mitte gelingt, unsere Wähler zu mobilisieren. Meine Angst bleibt, dass die linken und rechten Ränder vielleicht mobilisierter und motivierter unterwegs sind. Deshalb mein dringender Appell: Wählen gehen.

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