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U18-Wahl

Ist die Jugend reif für die echte Wahl?

An der U18-Wahl haben sich so viele junge Menschen wie noch nie beteiligt. Sie wollen mitbestimmen – und sollen ab 14 wählen dürfen, sagt BJR-Chef Fack.
Von Maria Gruber, MZ

Im U18-MZ-Wahllokal in Schwandorf hat dieser junge Wähler sein Kreuzchen auf dem U18-Stimmzettel gemacht. Bundesweit haben sich fast 200 000 Jugendliche an der Aktion beteiligt – ein Rekord. Foto: Hofmann

Regensburg.Rekordbeteiligung an der U18-Wahl: Fast 200 000 Kinder und Jugendliche haben am Freitag deutschlandweit ihre Stimme abgegeben. Vier Tage lang sammelte das U18-Netzwerk Ergebnisse. Kein einfaches Unterfangen, denn das Interesse an der Kinder- und Jugendwahl war so groß wie nie – zu groß für die U18-Server, die zusammenbrachen.

Am Wahlergebnis hat sich seit dem Zwischenstand am Freitag nicht allzu viel geändert. Doch das ist nicht das einzige Ergebnis der U18-Wahl. Es gibt ein weiteres, sehr erfreuliches: „Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen“, sagt Milena Feingold, Bundeskoordinatorin der U18-Bundestagswahl. „Die zu jeder U18-Wahl steigende Wählerzahl zeigt, dass junge Menschen ihre Meinung sagen und mitbestimmen möchten.“ Angesichts dieser Superlative fragt man sich: Ist die Zeit – oder vielmehr – sind die Jugendlichen etwa reif, sich an den „echten“ Wahlen zu beteiligen?

„Auf junge Menschen hören“

Matthias Fack, Präsident des Bayerischen Jugendrings (BJR), hat auf diese Frage eine ganz klare Antwort: Er fordert, das Wahlalter von 18 auf 14 Jahre zu senken. Der BJR-Chef ist überzeugt: „Erst dann wird die Politik die Inhalte entdecken, die für Jugendliche wichtig sind. Das Wahlrecht ist ein Menschenrecht.“ Für die Argumente der Gegner des Wahlrechts ab 14 hat der BJR-Chef kaum Verständnis. Es seien dieselben, die damals gegen das Frauenwahlrecht vorgebracht worden seien. Es habe geheißen, Frauen wären unfähig, Zusammenhänge zu begreifen und politische Entscheidungen zu treffen, sagt Fack.

„Genauso falsch ist es, zu unterstellen, dass Jugendliche nicht in der Lage sind, bei Wahlen die nötige Ernsthaftigkeit an den Tag zu legen. Wie ernsthaft junge Menschen abstimmen können, sieht man doch an der U18-Wahl.“ Die Politik müsse mehr Vertrauen haben, dass junge Menschen Wissen haben und auf junge Menschen hören. An die Jugend appelliert Fack, den „Hintern hochzukriegen“ und sich nicht einlullen zu lassen von der ewigen Leier, nichts bewegen zu können.

So denkt auch PD Dr. Alexander Straßner, Politikwissenschaftler und Akademischer Oberrat an der Universität Regensburg. Auch er plädiert dafür, Jugendliche früher an die Urnen zu lassen – jedoch erst ab 16 und nur bei Kommunalwahlen, dafür aber bundesweit. Bisher ist das nur in Niedersachsen, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein möglich. „Kommunalwahlen sind besonders geeignet, um jungen Menschen die Politik näherzubringen“, sagt Straßner. Dort könne man im kleinen Kreis Politik kennenlernen. Wenn das Wahlalter gesenkt wird, muss aber auch mehr Sozialkundeunterricht gelehrt werden, ist Straßner überzeugt.

Dieses Fach nehme im Vergleich zu anderen jedoch eine immer geringere Rolle im Lehrplan ein. Eine Entwicklung, die der Politikwissenschaftler „sehr bedenklich“ findet. „Gesellschaften funktionieren nicht (nur) wegen der Kenntnis ökonomischer Prozesse“, sagt Straßner. „Im Sozialkundeunterricht geht es immerhin um den Zusammenhalt der Gesellschaften.“

Dem Eindruck, dass Sozialkundeunterricht reduziert wird, tritt das Kultusministerium entgegen. In der Mittelschule werde – wie zuvor in der Hauptschule – seit Jahren in der fünften und sechsten Klasse Sozialkunde im Kombinationsfach GSE zweistündig angeboten, danach dreistündig. In der Realschule gebe es seit 2001 zweistündigen Sozialkundeunterricht in der zehnten Klasse. „Und im Gymnasium wurde im Zuge des G8 der Sozialkundeunterricht sogar deutlich gestärkt“, sagt Henning Gießen, stellvertretender Ministeriumssprecher. Im Gegensatz zum G9 sei im G8 Sozialkunde in der elften und zwölften Jahrgangsstufe verpflichtend und werde dreistündig in Form des Kombinationsfachs „Geschichte/Sozialkunde“ angeboten. Der Geschichtsunterricht nimmt dabei zwei Stunden ein. In der zehnten Klasse werde zweistündig Sozialkunde/Geschichte gelehrt.

„Mehr Sozialkundeunterricht nötig“

Doch reicht das? Kerstin Stöckel, die als Sozialkundelehrerin am Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasium die U18-Wahl organisiert hat, ist zwiegespalten. Positiv sei, dass Sozialkunde nach der zehnten Klasse nicht mehr abgelegt werden könne. Netto würde Sozialkunde in den Jahrgangsstufen zehn bis zwölf aber nur eine Stunde pro Woche unterrichtet. „Im Grunde sind in der Oberstufe aber zwei Stunden Sozialkunde pro Woche nötig, damit man Themen vertiefen und ausführlich erklären kann“, sagt sie. Zudem gebe es im G8 viel weniger Spielraum für Wahlunterricht. Dabei sei es genau dieser, der besondere Aktionen wie etwa einen Landtags-, einen Synagogenbesuch oder ein Treffen mit Politikern ermögliche. Auch Stöckel selbst ist noch nicht sicher, ob am AMG – wie im vergangen Jahr – eine AG Politik eingerichtet werden kann. Klar ist aber eins: Dass Kerstin Stöckel bei der nächsten U18-Wahl wieder dabei ist. „Denn sie erreicht nicht nur diejenigen, die ohnehin schon an Politik interessiert sind.“ Mit ihrer 10. Klasse hat sie die Aktion nachbesprochen. „Die U18-Wahl hat Spuren hinterlassen. Die Schüler können mit Aktionen wie diesen Demokratie selbst erlernen“ – etwas, wofür im normalen Sozialkundeunterricht eben wenig Zeit sei.

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