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Politik
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Psychologie

Merkel will die Deutschen „anstupsen“

Das Kanzleramt will die Bürger zu vernünftigerem Verhalten Bewegen – mit einer Methode, die in Männer-Pissoirs ganz besonders gut funktioniert.
Von Kristina Dunz, dpa

Schubser in die richtige Richtung? Angela Merkel will das Verhalten der Deutschen beeinflussen – mit Anreizen statt Diktaten. Foto: dpa

Berlin.Wie können Jugendliche vom Koma-Saufen abgehalten werden? Mit welchen Mitteln kann das Finanzamt Steuersünder zu mehr Ehrlichkeit bewegen? Wieso isolieren Hausbesitzer nicht ihre Dächer, wenn das langfristig billiger ist als ein hoher Energieverbrauch? Um Verhaltensweisen zu ändern, bedarf es manchmal eines „Nugde“, zu Deutsch: Stups. Darum kümmert sich jetzt das Kanzleramt.

Auch diese Welle ist aus Amerika herübergeschwappt. In Großbritannien wird die Strategie schon seit Jahren angewandt. Dänemark hat den Impuls aufgenommen, und 2013 fand die Idee Eingang in den schwarz-roten Koalitionsvertrag.

Nun sucht die Regierungszentrale drei neue Fachkräfte, die hervorragende psychologische, soziologische und verhaltensökonomische Kenntnisse mitbringen und durch vertiefte Situationsanalyse alternative Lösungsansätze für ein „wirksameres Regieren“ entwickeln sollen. Handelt es sich beim Stupsen – dem „Nudging“ – um Esoterik? Nein, es geht um Wissenschaft.

Bürger sollen Sinn und Verantwortung erkennen

Richard Thaler und Cass Sunstein, US-Experten für Verhaltensökonomie, schrieben 2008 ein Buch mit dem Titel „Nudge“ oder „Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Ihre Theorie: Der Staat hat größere Erfolge mit Vorgaben und Vorhaben, wenn die Bürger erstens den Sinn und zweitens die eigene Verantwortung, den eigenen Nutzen erkennen. US-Präsident Barack Obama berief Sunstein zum obersten Deregulierer. Der britische Premierminister David Cameron hat ein „Behavioral Insights Team“ mit den Schwerpunkten Bürokratieabbau, Kultur des Gebens, Wachstum, Energie und Konsumenten.

Im Kanzleramt nennt man ein Beispiel: 40 Prozent der Dächer in britischen Häusern haben keine ausreichende Isolierung. In den Kommunen wurde nachgeforscht, warum die Bürger bereit waren, trotz aller Aufklärung auf Dauer mehr Geld für das Heizen auszugeben als für Investitionen in ihr Dach. Die Bewohner räumten ein, dass es auf ihrem Speicher chaotisch aussehe und sie sich scheuten, aufzuräumen.

Die Regierung bot an, für die Isolierungsarbeiten die Dachstühle entrümpeln zu lassen und überflüssige Möbel, Kleider, Bücher an Wohltätigkeitsorganisationen zu geben. Die Zahl der Isolierungen habe sich dadurch verdreifacht.

Wenn in Deutschland ein Informationsblatt zur Energiewende herausgegeben werde, klopften das sieben Juristen tagelang auf mögliche Haftungsansprüche und Missverständnisse ab, sagen Mitarbeiter der Bundesregierung. Danach verstünden viele Bürger aber zum Teil die Welt nicht mehr. Projekte drohten, ins Leere zu laufen.

Einfache Sprache, Symbole, Anreize statt Verbote und Anordnungen seien ein neues Ziel. Je persönlicher das Schreiben, desto größer die Nähe und die Möglichkeit der sanften Lenkung. Dabei müsse die Politik aber strikt darauf achten, dass sie die Menschen nicht manipuliere. Das ist die Hauptkritik von Gegnern dieser Methode. Sie sehen die Gefahr, dass sich die Regierung Musterbürger formt.

Wirksames Vorbild im Urinal

Eines der einfachen und bekanntesten Beispiele für „Nudging“ – zumindest bei Männern – ist eine aufgeklebte Fliege in einem Pissoir. Statt der strengen Aufforderung, die Toilette sauber zu halten, seien die Männer spielerisch aufgefordert, besser zu zielen. Daraus entwickelte sich sogar ein Klo-Kicker mit kleinen Fußballtoren im Urinal. Das Resultat: 80 Prozent weniger Urin auf dem Boden.

In Deutschland enorm erfolgreich ist die Kampagne „Gib Aids keine Chance“, die mit viel Humor erst einmal für Kondome geworben hat. Und Rauchen und übermäßiges Trinken von Jugendlichen wird auf Plakaten als uncool dargestellt, ein klarer Kopf und eine saubere Lunge dagegen als schick. Heute rauchen deutlich weniger junge Menschen als vor zehn Jahren.

Zu den Aufgaben der neuen Projektgruppe im Kanzleramt könnte eine Broschüre gehören, die den Menschen besser erklärt, warum sie privat für ihr Auskommen im Alter vorsorgen müssen. Auf Anhieb erscheint es Kanzlerin Angela Merkel offenbar nicht logisch, wenn sich Bürger, die einen Betrag X aufbringen könnten, nicht der Tatsache stellen, dass ihre Rente einmal nicht reichen wird. Damit verstießen sie gegen ihre eigenen Interessen. Vielleicht seien sie im Alltag überlastet, vielleicht zögen sie aber auch kurzfristigen Konsum vor. Eine Herausforderung für die neuen Mitarbeiter.

Das Interesse sei groß, es gebe bereits eine Reihe von Bewerbungen, heißt es im Kanzleramt. Die Stellen seien nicht hoch dotiert und bis zum Ende der Legislaturperiode befristet. Eine direkte Beratung der Kanzlerin durch die neuen Psychologen und Verhaltensökonomen sei nicht geplant. Es geht um Veränderungen in Apparat und Staat – nicht der Chefin. (dpa)

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