MyMz

angeschaut

Das ZDF auf den Spuren Zschäpes

Ein Dokudrama versucht, ein Bild der mutmaßlichen NSU-Terroristin zu zeichnen. Das Team begibt sich auf schwieriges Terrain.
Von Christoph Lemmer und Julia Kilian, dpa

Eine Szene aus dem Dokudrama „Letzte Ausfahrt Gera“: Beate Zschäpe (Lisa Wagner, M) wird von zwei BKA-Beamten begleitet (Joachim Krol und Christina Große)  Foto: Janett Kartelmeyer/ZDF/dpa
Eine Szene aus dem Dokudrama „Letzte Ausfahrt Gera“: Beate Zschäpe (Lisa Wagner, M) wird von zwei BKA-Beamten begleitet (Joachim Krol und Christina Große) Foto: Janett Kartelmeyer/ZDF/dpa

Berlin.Der echte Kommissar heißt Rainer B., ein jovialer Rheinländer Ende 50, Beamter beim Bundeskriminalamt in Meckenheim. Am 25. Juni 2012 begleitete er die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe auf einer langen Autofahrt von der Haftanstalt Köln nach Gera, wo sie ihre Mutter und ihre Großmutter sehen durfte. In dem ZDF-Film „Letzte Ausfahrt Gera“ (Sendetermin: Dienstag, 26. Januar, 20.15 Uhr) spielt Joachim Król den Kommissar B. Darin geht es um genau diese Fahrt und darum, was Zschäpe (gespielt von Lisa Wagner) und der Kommissar im Auto gesprochen haben könnten.

Ein jedenfalls offizielles Protokoll gibt es darüber nicht, denn der Kommissar durfte Zschäpe unterwegs nicht vernehmen. Darauf hatte Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer extra vor der Fahrt schriftlich gedrungen. Es war die Zeit, als Zschäpe noch eisern schwieg. Im Auto wurde dann aber doch geplaudert, und offenbar sehr viel.

Smalltalk mit Zschäpe

Gefragt, wie er den Dialog mit Zschäpe bezeichnen würde, der doch keine Vernehmung sein durfte, sagte der echte Kommissar B. als Zeuge im Münchner NSU-Prozess: „Es ging um die Brille, die Katzen, und darüber hinaus hat sich noch ein bisschen Gespräch entwickelt, das aber Smalltalk-Qualität hatte.“

Diesen Smalltalk hat Regisseur und Grimme-Preisträger Raymond Ley teils nacherzählt, teils mit eigenen Ideen angereichert. Eingefügt in die Rahmenhandlung der langen Autofahrt hat er etliche Szenen, die die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion endgültig verwischen.

Da gibt es Zeugenaussagen aus dem NSU-Prozess (nachgespielt), Interview-Fragmente mit Familienangehörigen von Mordopfern des NSU (echt), Statements des Thüringer NPD-Funktionärs Patrick Wieschke (echt), der Linken-Politikerin Katharina König aus Jena (echt), Szenen aus dem Leben Zschäpes mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt (erfunden) und ein unangenehmes Gespräch des Kommissars mit seinem Chef (erfunden).

Der Film versucht, Zschäpe greifbarer zu machen. Die 41-Jährige muss sich im NSU-Prozess in München als mutmaßliche Mittäterin für alle Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ verantworten. Der Gruppe werden zehn Morde zur Last gelegt, Zschäpe ist die einzige Überlebende des Trios. Ihre Stimme hat in der Öffentlichkeit noch nie jemand gehört. Auch ihre Aussage im Prozess hat sie ja nicht selber vorgetragen, sondern verlesen lassen.

Zwischen Interpretation und Realität

Schauspielerin Wagner sagt, sie frage sich, ob da nicht ein Geheimnis um jemanden gemacht werde, der bei näherer Betrachtung gar nicht so geheimnisvoll sei. „Wenn sich jemand so einer Situation entzieht, macht er sich sehr spannend.“ Das ZDF will einige der Lücken schließen und sich der Figur annähern. Das birgt auch Gefahren: Ist die Macht eines Films zu groß, wenn man noch so wenig über jemanden weiß? Was ist Interpretation, was Realität?

Regisseur Ley sagt dazu: „Das empfinde ich nicht als Schwierigkeit.“ Sein Dokudrama habe eine starke authentische, dokumentarische Basis. Die Notizen zur Fahrt, Gerichtsprotokolle und Interviews bildeten einen klaren Kern. Ein Dokudrama müsse aber auch das Leben vor dem Protokoll, zwischen dem Protokoll und nach dem Protokoll ausdrücken.

Zur Vorbereitung besuchte Ley mehrmals den NSU-Prozess, auch Wagner war dort. Zschäpe habe gewirkt, als sei sie fast nicht anwesend. „Also man hatte ein sehr starkes Gefühl von Abwesenheit, wie sie da so saß“, sagt sie. Daraus könne man als Schauspieler aber auch etwas für die eigene Rolle ableiten. „Eine Unterlassung ist ja auch eine Reaktion.“ Sie habe zur Vorbereitung auch viel gelesen. Die 36-Jährige spielt Zschäpe mit schwarzer Perücke, kühl und möglicherweise abgebrühter, als sie wirklich ist.

Auch die ARD plant einen Film

Parallel zum ZDF plant derzeit auch das Erste einen Film über den NSU. Einen Dreiteiler, in dem Anna Maria Mühe die Beate Zschäpe spielen soll. Die Ausstrahlung ist im ersten Halbjahr 2016 geplant. Parallel läuft der Prozess weiter, der einiges durcheinander schmeißen kann. Diese Sorge gab es auch beim ZDF-Team.

Denn genau zur Fertigstellung, da gab es einen gewissen Schockmoment, als die Realität den Film zu stoppen drohte. Zschäpe kündigte plötzlich an, nach all den Jahren ihr Schweigen zu brechen. „Wir waren exakt an dem Tag fertig, als sie diese Aussage hat verlesen lassen“, sagte Wagner. Da hätten sie befürchtet, dass der Film sich selbst abschafft. Das sei aber nicht passiert.

Gut so. Der Film dürfte einigen Beteiligten nicht gefallen, aber er ist sehenswert.

„Letzte Ausfahrt Gera“ ist am Dienstag, 26. Januar, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

Alle Berichte zum NSU-Prozess in München finden Sie in unserem Spezial.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht