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Terrorismus

Der letzte Mord des NSU an Migranten

Halit Yozgat war mutmaßlich das letzte Opfer der NSU-Morde gegen Migranten. Zehn Jahre später ist der Mord nicht aufgeklärt.
Von Timo Lindemann, dpa

Stadtimker Victor Hernandéz steht vor seinem Bienen- und Honigladen in Kassel. In den Räumen befand sich früher das Internet-Café, in dem Halit Yozgat vor zehn Jahren Opfer der NSU-Mordserie wurde. Foto: dpa
Stadtimker Victor Hernandéz steht vor seinem Bienen- und Honigladen in Kassel. In den Räumen befand sich früher das Internet-Café, in dem Halit Yozgat vor zehn Jahren Opfer der NSU-Mordserie wurde. Foto: dpa

Kassel.Holländische Straße 82 in Kassel, zehn Jahre nach dem Mord am Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat: Die verblichene Leuchtreklame fehlt, der Zigarettenautomat ist abgehängt, die Wand neu gestrichen und über dem Eingang prangt nun eine große gemalte Biene. „Bienen sind ein Symbol fürs Leben. Das zeigt, dass an einem Ort des Schreckens auch etwas Schönes wiedererstehen kann“, sagt Victor Hernandez. Der Hobbyimker hat das Geschäft gekauft und eröffnet dort in Kürze einen Laden für Honig und Wissenswertes über Bienen und Imkern – seine „Bienothek“.

Die Adresse hat eine bewegte Geschichte: Hier wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat in seinem Internetcafé erschossen. Zunächst gingen die Behörden von Drogengeschäften als Hintergrund aus, auch die Familie stand unter Verdacht. Seit 2011 aber steht fest, dass er von den Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) getötet wurde.

Zwei Schüsse in den Kopf

„Gegen 17 Uhr wurde er mit zwei Schüssen aus einer schallgedämpften Pistole in den Kopf erschossen“, sagt Anwalt Alexander Kienzle, einer der Rechtsbeistände, die Halits Vater Ismail Yozgat im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München vertreten. Zunächst habe Halit Yozgat noch gelebt, sei aber später gestorben. „Ich war der erste, dem der Vater in die Arme lief, nachdem er seinen Sohn gefunden hatte. Er schrie nur „Mein Sohn!““, erzählt Hernandez, der schon lange in dem Haus lebt.

Es war der neunte und letzte Akt einer Mordserie an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft in Deutschland seit 2000. Sie wird den Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugerechnet. Hauptangeklagte im NSU-Prozess ist Beate Zschäpe. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr Mittäterschaft an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des NSU vor. Bis auf den Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter 2007 gelten die Taten durchweg als rassistisch motiviert.

Was aus den Tatorten der NSU-Morde wurde zeigt Ihnen unsere Bildergalerie:

Das wurde aus den Tatorten der NSU-Morde

Doch für die Kasseler Tat gibt es eine Besonderheit: Zum Tatzeitpunkt war ein Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz in dem Internetcafé. „Er will nichts mitbekommen haben und verschwand und hat sich nicht bei der Polizei gemeldet“, sagt Kienzle. Anschließend gab das Landesamt seinem Mitarbeiter vor, wie er sich gegenüber der Polizei verhalten sollte. Die Ermittler sollten keinen Einblick in die Arbeit des Mitarbeiters bekommen, der Spitzel unter Islamisten, den türkischen Grauen Wölfen und Neonazis führte.

Schockierende Aussage des Geheimschutzleiters

Der Gedenkstein für die Opfer der NSU-Mordserie auf dem Halitplatz in Kassel. Foto: dpa
Der Gedenkstein für die Opfer der NSU-Mordserie auf dem Halitplatz in Kassel. Foto: dpa

Schockierend klingt ein Satz des Geheimschutzleiters der Behörde an den Mitarbeiter Andreas T. vom 9. Mai 2006: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.“ Dies lässt sich so lesen, als habe T. gewusst, dass etwas passieren würde in dem Internetcafé. Der Verfassungsschützer war nach eigenen Angaben zufällig in dem Café, weil er privat im Internet surfte.

„Wir stehen vor dem Problem, dass uns nicht alle Akten bekannt sind und nicht alle Zeugen vernommen werden dürfen. Es deutet in die Richtung, dass das Landesamt Einfluss genommen hat auf die Ermittlungen“, betont Anwalt Kienzle. Dies sei besonders für die Hinterbliebenen des getöteten Halit Yozgat schwer zu verstehen und erschüttere ihr Vertrauen in den Rechtsstaat.

Unsere Bildergalerie zeigt eine Chronologie der NSU-Morde:

Chronologie der NSU-Verbrechen

„Die Ungewissheit ist noch nicht beseitigt. Die Familie erwartet, dass die Umstände der Straftat aufgeklärt werden.“ Auch die Rolle des Verfassungsschutzes gehöre zum Aufklärungsinteresse und zur Aufarbeitung des Falls. „Auf ewig wird das Landesamt die Zusammenhänge nicht verschlossen halten können“, sagt Kienzle. Bislang kämpfe er noch gegen zurückgehaltene und geschwärzte Akten.

Auch ein Landtagsausschuss in Wiesbaden will die Hintergründe der Kasseler Tat untersuchen. Den hessischen Behörden werden bei den Ermittlungen erhebliche Fehler angelastet.

Eine Timeline zu den Geschehnissen finden Sie hier:

Internetcafé wurde geschlossen

Nach dem rassistischen Verbrechen wurde das Internetcafé geschlossen. Es folgte ein Geschäft für An- und Verkauf, lange stand der Laden auch leer und drohte zu verfallen. Der 38 Jahre alte Hernandez kaufte im April 2015 das Geschäft und sanierte es. Auf dem Dach des Hauses stehen nun zwei Bienenstöcke, insgesamt hat er bald 70 Völker in verschiedenen Stadtteilen Kassels. „Ich ernte pro Stadtteil. Jeder schmeckt da einen Unterschied.“

NSU und RAF sind grundverschieden. Ein Vergleich hilft trotzdem, um Behördenfehler zu analysieren. Ein Kommentar unserer Autorin Christine Straßer:

Kommentar

Nicht nur Dummheit

Die Verbrechen der Roten Armee Fraktion (RAF) nutzten Law-and-Order-Politiker, um Freiheitsrechte einzuschränken. Zwei Stunden nachdem sich Beate Zschäpe...

An die Tat vor zehn Jahren erinnert in der Holländischen Straße 82 derzeit nichts mehr. „Irgendwas werden wir machen, und wir werden es benennen, draußen auf der Straße, wo es öffentlich zugänglich ist. Man darf das nicht verschweigen“, sagt Hernandez. Es soll aber keine Gedenkstätte werden. Die gibt es bereits am Halitplatz, der nach dem Opfer benannt wurde. Dort, unweit des Tatortes, ist für den 6. April eine Gedenkfeier geplant.

Alles rund um den NSU-Prozess in München lesen Sie hier.

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