MyMz

Justiz

NSU: Zschäpe nennt erstmals Namen

Die Hauptangeklagte im Prozess um die Neonazi-Morde spricht über Details – wäscht ihre Hände aber weiter in Unschuld.

Unschuldsmiene: Beate Zschäpe im Gespräch mit ihrem Verteidiger Mathias Grasel.
Unschuldsmiene: Beate Zschäpe im Gespräch mit ihrem Verteidiger Mathias Grasel. Foto: dpa

München.Im NSU-Prozess hat Beate Zschäpe am Donnerstag erstmals Namen genannt. Der Mitangeklagte André E., der im NSU-Prozess bisher schweigt, habe für sie, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach ihrem Untertauchen eine Wohnung angemietet, ihnen beim Einkaufen geholfen, eine Krankenkassenkarte zur Verfügung gestellt und die Bahncards besorgt, die den Untergetauchten als Ausweisersatz dienten. Regelmäßig habe man sich getroffen, mit E.s Frau sei sie gut befreundet gewesen, ins Kino oder auf den Spielplatz gegangen.

André E. sei es auch gewesen, der ihr die Kleidung gegeben habe, die sie trug, als sie sich der Polizei stellte, ihn habe sie angerufen, weil ihre eigenen Kleider nach dem Inbrandsetzen der Wohnung „nach Benzin stanken.“ Auch die Namen von weiteren Unterstützern nannte sie, die Wohnungen für die Untergetauchten angemietet, ihnen ein Konto, Ausweise und Reisepässe besorgt haben sollen, sowie zwei Männer, die ihr die Uwes als Waffenquelle angegeben haben sollen.

Rund eine Stunde dauerte die lang erwartete Verlesung der Antworten Beate Zschäpes auf die Fragen, die der Vorsitzende Richter Manfred Götzl im Anschluss an ihre Einlassung im Dezember gestellt hatte. Zschäpes Wahlverteidiger Hermann Borchert verlas die Sätze, die die Angeklagte gemeinsam mit ihm und Pflichtverteidiger Mathias Grasel ausgearbeitet hatte. Zschäpe saß still daneben und las aufmerksam mit. Als Götzl sie am Ende der Verlesung fragte, ob das ihre Antworten seien, nickte sie.

Dutzende Antworten, wenig Neues

Da waren auf jede der mehr als 50 Fragen des Richters Antworten gefolgt, doch nur aus wenigen hatte man wirklich Neues erfahren. Zschäpes Alkoholkonsum war ein Thema: Regelmäßig habe sie getrunken, zwei, drei Flaschen Discounter-Sekt an zwei oder drei Tagen die Woche. Anders, sagte sie, hätte sie die Tage nicht ertragen können. Vor den beiden Uwes allerdings habe sie dies verheimlicht. Die beiden hätten nur selten getrunken.

Erstmals sprach Zschäpe auch über die politische Gesinnung ihrer beiden Freunde. Böhnhardt, in den sie verliebt war, war Zschäpe zufolge zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens „dagegen, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben und eine Überfremdung eintritt“. Das Dritte Reich habe er verherrlicht, allerdings nicht Hitler, sondern die Leistung der Soldaten bewundert. In den letzten Jahren habe man aber kaum noch darüber gesprochen. Im Gefängnis habe er körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt, weswegen er lieber sterben wollte, als sich zu stellen. Und aufbrausend sei er gewesen: wenn er sich „verarscht“ gefühlt habe, habe er sein Gegenüber auf den Boden geschmissen, auch ihr selbst gegenüber sei er handgreiflich geworden.

Uwe Mundlos, der für sie wie ein Bruder gewesen sei, habe die selbe politische Einstellung gehabt. Er sei aber nicht so gewaltbereit gewesen, „weil ihm nicht so schnell die Worte ausgingen“. In den Erzählungen von den Morden sei schon mal vom Kanaken oder Dreckstürke die Rede gewesen, auch den Satz „ein Ali weniger“ zitierte Zschäpe.

Zschäpe bestätigt damit das Bild, das der bisherige Prozessverlauf von den beiden gezeichnet hat. Ihre eigene Rolle hält sie weiterhin klein: Sie sehe „einen deutlichen Unterschied“ zwischen dem Grölen von (Nazi-)Liedern im Jugendalter und dem Töten von Menschen. Finanziell sei sie von den beiden abhängig gewesen, sie habe schließlich nicht selber Raubüberfälle begehen können, um die für das tägliche Leben notwendigen Mittel zu beschaffen. Und emotional, denn nach dem Untertauchen habe sie isoliert gelebt. Wobei die emotionale Abhängigkeit wohl auch ihre Grenzen hatte: Nach Südafrika ausgewandert, wie es die zwei Uwes planten, wäre sie nicht. Die fremde Sprache und das Klima hätten sie abgeschreckt: „Ich hätte den Winter vermisst.“ Und noch etwas Persönliches erfuhr man in ihren Ausführungen, die sie einmal mehr als abhängige, einsame und hilflose Frau dastehen lassen: Weil sie selbst keine Kinder habe, habe ihr der Kontakt zu den Kindern von André E. und seiner Frau gut getan.

Zermürbende Stunden des Wartens

Der Aussage vorangegangen waren zermürbende Stunden des Wartens im Saal A101 des Gerichtsgebäudes. Denn als Rechtsanwalt Hermann Borchert den Stapel Papier mit Zschäpes Aussage vor sich ordnete und zu lesen begann, waren bereits sechs Stunden des Verhandlungstages vergangenen: Nach einem Wortgefecht mit dem Vorsitzenden Richter Götzl während einer Zeugenbefragung hatten die Verteidiger von Ralf Wohlleben einen Befangenheitsantrag gegen Götzl und die Beisitzende Richterin Michaela Odersky gestellt. Sie warfen Götzl vor, er sei „persönlich über die Verteidigung verärgert“, dem Angeklagten Wohlleben und seiner Sache nicht mehr unvoreingenommen und habe „zumindest versucht, die Verteidigung zu behindern“. Richterin Odersky habe während der Verlesung des Befangenheitsantrags gegen Götzl „den linken Mundwinkel hochgezogen und abschätzig gelächelt“.

Alles rund um den NSU-Prozess in München lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht