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Österreichs Irrglauben an ein Wunder

Mit der Kriegserklärung an Serbien suchte Kaiser Franz Joseph I. den „Befreiungsschlag“ für seinen zerstrittenen Vielvölkerstaat. Er verlor alles.
Von Matthias Röder, dpa

Die Kaiservilla in Bad Ischl: Hier unterzeichnete Kaiser Franz Joseph I. am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung an Serbien. Foto: dpa

Bad Ischl.Den Schreibtisch von Franz Joseph I. zieren die Büste der jungen Kaiserin, Uhren, ein Barometer und ein vom Zar geschenkter elektrischer Zigarrenanzünder. An der Wand hängt ein Aquarell, das den Franz-Joseph-Gletscher in Neuseeland zeigt. Des Kaisers Lieblingssessel aus rotem Stoff ist völlig durchgesessen und abgewetzt. Genau hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

Im Biedermeier-Ensemble seines Arbeitszimmers in der kaiserlichen Sommer-Residenz in Bad Ischl unterzeichnet der 84-Jährige am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn an Serbien. Der Erste Weltkrieg nimmt seinen Lauf. „Ich habe alles geprüft und erwogen“, behauptet der Kaiser im Aufruf „An meine Völker.“ Falsch, sagt die Geschichte dazu.

Es sollte ein Signal der Entschlossenheit sein

Dass die weltverändernde Unterschrift im Idyll eines Kurorts geleistet wurde, war nach Überzeugung des Wiener Historikers Oliver Rathkolb gewollt. „Die Entscheidung in der Sommerfrische signalisiert einen Patron, der alles im Griff hat, sie unterstreicht die Hoffnung, dass es bei einer eher lokalen Strafexpedition gegen Serbien bleibt.“ Wenige Tage später hatten Europas Großmächte mobilisiert, steht die Donaumonarchie fast von Anfang an auf verlorenem Posten.

„Das Land war für diesen Krieg in keiner Weise gerüstet“, sagt Rathkolb. Die Militärausgaben Wiens waren vor 1914 deutlich gesunken, ganz im Gegensatz zu denen Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reichs. Bisher hatte der Kaiser dem Drängen der Generalität widerstanden, auf dem Balkan einen Präventivkrieg zu führen. Nach dem Attentat von Sarajevo ist seine Geduld mit den Serben, die nach einem eigenen Großreich streben, und auch seine Räson zu Ende. „Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn ein Präsident in spe von einer in Teheran ausgebildeten Schwadron ermordet wird?“, fragt der Historiker Christopher Clark im Interview mit der Zeitung „Kurier“.

Seit vielen Jahren ist der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn einer Zerreißprobe ausgesetzt. Praktisch alle einzelnen Kronländer streben im Zeichen des Nationalismus nach Unabhängigkeit. Das Reich mit seinen 50 Millionen Bürgern vereint zwölf Völker - von Galizien (heute Ukraine), über Böhmen (Tschechien) bis nach Triest (Italien). Der Krieg und die Hoffnung auf den starken deutschen Verbündeten verheißen angesichts der internen Konflikte einen Befreiungsschlag. „Es ist ein letzter Versuch, auf einem sinkenden Schiff noch einmal die Segel zu setzen und das Ruder herumzureißen“, meint Rathkolb.

Und tatsächlich schweißt auch in Österreich-Ungarn die Kriegsbegeisterung fast alle zusammen. Als 1915 Italien, eigentlich mit dem Deutschen Reich und der Doppelmonarchie verbündet, an der Seite der Gegner in den Krieg eintritt, mobilisiert der Zorn neue Kräfte. „Ein Treuebruch, dessengleichen die Geschichte nicht kennt...“, formuliert der greise Monarch und spricht vielen Untertanen aus dem Herzen. In zwölf äußerst blutigen Schlachten am Fluss Isonzo, in denen auch Giftgas zum Einsatz kommt, fallen an der Alpenfront auf beiden Seiten rund 400 000 Soldaten. #

Der Zerfall war eine schwere Hypothek

An allen Fronten hat die Armee des Vielvölkerstaats ein Problem, das keine andere Nation kennt: Offiziere, die meist Deutsch sprechen, und Mannschaften, die oft kein Deutsch verstehen. „Die Offiziere mussten zwar die Sprache ihrer Truppenkörper lernen, aber in den blutigen ersten Kriegswochen wurden viele von ihnen getötet. Reserveoffiziere, die die Regimentssprachen oft kaum beherrschten, traten an die Stelle der Gefallenen. Das machte die Sache nicht leichter“, sagt der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner. Am Ende waren eine Million Soldaten des Kaisers gefallen, zwei Millionen verwundet und 1,6 Millionen in Kriegsgefangenschaft.

Kaiser Franz Joseph stirbt 1916 nach 68 Regierungsjahren. Sein Großneffe Karl I. besteigt den Thron. Dessen Versuche, einen Separatfrieden auszuhandeln, scheitern. Der Untergang des Reiches ist besiegelt.

Die Bilanz: Durch die Niederlage zerfällt die Monarchie, 90 Prozent des ursprünglichen Territoriums gehen verloren. Aber nicht so sehr der Gebietsverlust hat laut Rathkolb die Stimmung getrübt. Für die Deutsch-Österreicher sei es vielmehr schlimm gewesen, dass die Siegermächte eine Vereinigung mit der Weimarer Republik verboten. Eine Hypothek mit Spätfolgen in der Nazizeit: „Das erklärt den Jubel beim Anschluss 1938“, so Rathkolb.

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