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Am Ende einer Pilgerschaft

Vor fünf Jahren trat Joseph Ratzinger als Papst zurück. Nun liegt eine Biografie des italienischen Autors Elio Guerriero vor.
Von Harald Raab

Ein Theologenpapst als oft Missverstandener: Benedikt XVI. auf einer Aufnahme von 2010, im sechsten Jahr seines Pontifikats Foto: Ettore Ferrari/dpa
Ein Theologenpapst als oft Missverstandener: Benedikt XVI. auf einer Aufnahme von 2010, im sechsten Jahr seines Pontifikats Foto: Ettore Ferrari/dpa

Rom.Vor kurzem schrieb Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“: „Während meine physischen Kräfte langsam schwinden, pilgere ich innerlich nach Hause.“ Die Condicio humana – die naturbedingte Gesetzmäßigkeit des Menschseins – macht auch vor dem Stellvertreter Christi auf Erden nicht Halt: Werden und Vergehen. Man wird unwillkürlich an seine Rücktrittserklärung erinnert. Auch dabei ging es um die Grenzen des Leistbaren. Aber sicher nicht nur darum.

„In einer Krisensituation ist es immer am besten, vor Gott zu treten, mit dem Wunsch, den Glauben wiederzufinden.“

Joseph Ratzinger, meritierter Papst Benedikt XVI.

Der zart gebaute Mann, mehr Wissenschaftler als charismatische Führerfigur, sah wohl auch seine Bemühungen am Ende, der katholischen Kirche im Rückgriff auf Traditionen geistiger, organisatorischer und liturgischer Art, mit Betonung auf der Macht des Glaubens und der Liebe eine neue/alte Identität zu geben. Die Menschen hat der Gelehrte auf dem Stuhl Petri weniger erreicht als sein Vorgänger Johannes Paul II. und sein Nachfolger. Er hat mit seinem dogmatischen Eifer oft gespalten, wo er versöhnen wollte. Hat er doch elitär die kleine gehorsame, im Glauben feste, zentral gelenkte Christengemeinde einer kirchlichen Patchwork-Gesellschaft mit allzu individuellen Ausprägungen vorgezogen.

Franziskus zollt Respekt

Der emeritierte Papst Benedikt (r.) beim Gebet mit seinem Nachfolger Franziskus Foto: Osservatore Romano
Der emeritierte Papst Benedikt (r.) beim Gebet mit seinem Nachfolger Franziskus Foto: Osservatore Romano

Vor fünf Jahren hat der heute 91-Jährige sein Amt als Pontifex niedergelegt. Bei der Abschiedsaudienz für seine Kardinäle am 28. Februar 2013 gelobte er: „Unter euch ist auch der Zukünftige Papst, dem ich schon heute meine bedingungslose Ehrerbietung und meinen bedingungslosen Gehorsam verspreche.“ An dieses Gelöbnis erinnert sich Nachfolger Franziskus im Vorwort der mehr oder weniger offiziellen Biografie über den Menschen, Priester, Kardinal, Hochschullehrer, Theologen, Chef der Glaubenskongregation (vormals Inquisition) und Papst Benedikt XVI. Das Buch stammt von dem italienischen Autor und Theologen Elio Guerriero und liegt in deutscher Übersetzung vor. Franziskus, der Tatmensch, bescheinigt dem exegetisch-moralischen Schöngeist und Glaubensideologen: „Wir alle in der Kirche schulden Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. – großen Dank dafür, dass er sein profundes theologische Denken stets in den Dienst der Kirche gestellt hat.“ Und weiter: „Seine diskrete Präsenz und sein Gebet für die Kirche sind mir in meinem Dienst Trost und Stütze.“ Der amtierende Papst gibt auch eine durchweg freundliche Beurteilung der Biografie ab: „Sie lässt nicht nur seinen gesamten bisherigen Lebensweg Revue passieren, sondern legt uns auch die Entwicklung seiner glaubwürdigen und stringenten Lehre vor.“ Das drückt zwischen den Zeilen wohl aus, dass er Ratzinger weniger als den zupackenden Vorarbeiter im Weinberg des Herrn sieht, sondern als den besorgten Lotsen und Mahner, vom rechten Weg zum Heil nicht abzuweichen.

Wer sich die 653 Seiten starke, mit einem Interview angereicherte Biografie vornimmt, muss christliche Tugenden mitbringen, die der Geduld, die der Konzentration und Kontemplation und auch ein wenig die der Nachsicht. Autor Guerriero ist als ehemaliger Chefredakteur der von Ratzinger gegründeten Zeitschrift „Communio“ ein Bruder im Geiste. In der Publikation kamen die theologischen Parameter, die Welt- und Glaubenssicht des Spiritus Rector stets voll zum Tragen. Guerriero schreibt bewundernd über seine Person der Verehrung, manchmal sogar mit einem Hauch von Hagiographie. Interessant ist die Sicht eines Italieners auf den deutschen Papst und vor allem: Der Autor verbindet die meist bekannte Behandlung der Lebens- und Wirkungsstationen seines Protagonisten ausführlich mit dessen Lehrmeinung und wissenschaftlich-theologischen Erkenntnissen. Diese Zusammenschau ermöglicht es, Ratzinger besser zu verstehen – auch wenn man ihm längst nicht in allen Positionen folgen kann. Ihm hat die einzigartige Struktur der katholischen Kirche Wirkungsmöglichkeiten und Bedeutung für einen exorbitanten Lebensweg gegeben. Die Macht, seine Beziehung zu Gott als gemeinverbindlich erklären zu können, war ihm vergönnt. Dabei demütig zu bleiben und nicht eitler Überheblichkeit zu erliegen, ist eine der Leistungen, die Ratzinger abverlangt wurden.

Emeritierter Papst

  • Benedikt XVI.

    ist emeritierter Papst und war vom 19. April 2005 bis zu seinem Amtsverzicht am 28. Februar 2013 Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates der Vatikanstadt.

  • In einer neuen Biografie

    wird das theologische Schaffen mit dem Leben von Georg Ratzinger verknüpft. Elio Guerriero, „Benedikt XVI. – Die Biografie“, Herder Verlag, 653 Seiten, 38 Euro, ISBN: 978-3-451-37832-4

Verzicht auf kritische Distanz

Vor allem im veröffentlichten Meinungsstreit ist der Kardinal Ratzinger und der Papst Benedikt als Hüter der reinen katholischen Lehre nicht gut weggekommen: zu dogmatisch, zu wenig offen für die Lebenswirklichkeit der Menschen, zu sehr auf den Primat des Katholischen in der Familie der Christen beharrend. All diesen zu Recht oder zu Unrecht erfolgten Zuschreibungen setzt Guerriero ein weites, aber auch gut erklärtes Verständnis für umstrittene Haltungen und Entscheidungen des Kirchenfürsten entgegen.

„Statt konkrete Maßnahmen zu ergreifen, zog er es vor, Mahnungen auszusprechen und den Betroffenen die Freiheit zu lassen, sich den geforderten Verhaltensweisen anzupassen.“

Autor und Theologe Elio Guerriero

Mit seiner Rede an der Regensburger Universität sorgte Benedikt XVI. (2.v.l.) im Jahr 2006 für Irritationen. Foto: Vatican Pool/dpa
Mit seiner Rede an der Regensburger Universität sorgte Benedikt XVI. (2.v.l.) im Jahr 2006 für Irritationen. Foto: Vatican Pool/dpa

Ob es die missverständliche Regensburger Vorlesung 2006 mit dem Hinweis auf das Gewaltproblem des Islams ist oder die wenig nachvollziehbare Behauptung auf seiner Südamerikareise 2007, die indigenen Völker hätten die Erlösung durch das Christentum herbeigesehnt: Guerriero verzichtet auf kritische Distanz. Ebenso bei Ratzingers Verurteilung der Theologie der Befreiung als marxistischen Irrweg oder beim Festhalten an einer längst nicht mehr mit dem Leben der Menschen vereinbaren Sexuallehre. Und dann noch das Unvermögen, die Skandale und Missstände im Vatikan wirksam zu bekämpfen. Guerriero entschuldigt Benedikt: „Statt konkrete Maßnahmen zu ergreifen, zog er es vor, Mahnungen auszusprechen und den Betroffenen die Freiheit zu lassen, sich den geforderten Verhaltensweisen anzupassen.“

Im Interview zeigt sich Benedikt in seinem Austrag, dem Kloster „Mater Ecclesiae“ in den Vatikanischen Gärten, mit sich und seinem Tun im Reinen. Er setzt auf Gott: „In einer Krisensituation ist es immer am besten, vor Gott zu treten, mit dem Wunsch, den Glauben wiederzufinden, damit wir unseren Lebensweg weitergehen können.“

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