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Eine Kriegserklärung an Weihnachten

Andreas Englisch sprach in Roding über das Amtsende von Gerhard Ludwig Müller —und gewährte Einblicke ins Leben des Papstes.
Von Christoph Klöckner

Bestsellerautor und Journalist Andreas Englisch begeisterte die rund 450 Zuhörer in Roding mit seinem Erzählstil und seinen intimen Kenntnissen aus dem Vatikan.
Bestsellerautor und Journalist Andreas Englisch begeisterte die rund 450 Zuhörer in Roding mit seinem Erzählstil und seinen intimen Kenntnissen aus dem Vatikan. Foto: Klöckner

Roding.450 Zuhörer in der Rodinger Stadthalle – darunter viele Geistliche, in Pfarrgemeinderäten oder anderen kirchlichen Gremien engagierte Christen – alle im Bann der Worte, kein Husten, kein Rascheln. Alle wollen hören, was Andreas Englisch, der auf Einladung des KAB-Kreisverbandes gekommen ist, aus dem Vatikan – aus der nächster Nähe des Papstes – berichten kann. Nur ein einziges Mal kommt Unruhe auf, ein Stöhnen geht aus den Reihen, gar vereinzelte Buhrufe hallen durch den Saal.

Es ist der Moment, als Andreas Englisch auf die Publikumsfrage antwortet, welche Rolle der ehemalige Regensburger Bischof Müller spiele, der heute als Kardinal die Glaubenskongregation in Rom führt. Der sei wohl nicht mehr lange im Amt. Den Gerüchten nach werde er Ende des Jahres vom Wiener Kardinal Schönborn abgelöst und „kehrt zurück“. Das zu hören, dass der einstige Hirte wieder zurückkehrt, macht die Herde im Saal gleich hörbar nervös. Andreas Englisch schmunzelt: „Er geht in den Ruhestand!“

Papst zum Rücktritt gezwungen

Nicht nur für diese Nachricht erntet der profunde Vatikan-Kenner, der seit 1987 in der Ewigen Stadt lebt und den Päpsten seitdem über die Schulter schaut, minutenlangen Beifall am Ende seiner Ausführungen über die drei Päpste, die er bisher erlebt hat. Von der ersten Minute an begeistert er mit einer lebendigen, mit viel Humor gespickten Erzählweise, in dem der Autor – ohne Vorlage – seine Botschaft als rezitierte Gespräche des Papstes wiedergibt.

Zunächst schildert er seinen Werdegang von Hamburg nach Rom – er habe Italienisch lernen wollen, nichts mit Kirche und Papst am Hut gehabt. Als das Geld ausging, suchte er sich einen Job, wurde – nur, weil er einmal Messdiener war – „Vatikanexperte“ eines amerikanischen Nachrichtendienstes.

Der Papst als Torpfosten

Von da an begleitet er den jeweiligen Papst – zunächst den polnischen, dem er bei einer Journalisten-Audienz auf Deutsch gesteht, dass er wenig Italienisch spreche, keine Ahnung von der Kirche und dem Vatikan habe. „Wovon verstehen Sie denn etwas?“, habe Papst Johannes Paul gefragt. „Von Fußball!“, habe er geantwortet. Nie werde er sich mit ihm über Fußball unterhalten, so der Pole – er habe als Kind für seinen Bruder Edmund immer als Torposten dienen müssen, das habe ihm gereicht. Papst Benedikt sei von der Kurie zum Rücktritt gezwungen worden und habe keine Kraft gehabt, dies zu verhindern. Sehe er zurück, sagt Englisch, erkenne er bis heute einen massiven Wandel.

Als Papst Franziskus nach der Wahl in seinen Dienstwagen steigen soll – einen Mercedes 600 SEL – weigert er sich und steigt lieber in den Bus. „Verkaufen sie das Auto!“, weist er den Kardinalstaatssekretär an. Er schafft die Weinkarte und die Auswahlessen ab, ebenso die Kellner in der Mensa des Vatikans. Stattdessen dürfen die Vinzentiner-Nonnen, die hier kochen, nur kaltes Buffet anrichten: „Dort gibt es das schlechteste Essen in Rom!“

„Dort gibt es das schlechteste Essen in Rom!“

Papst Franziskus über das Essen im Vatikan

Der Papst setze sich beim Essen zu irgendeinem an den Tisch, dann komme die Frage an die Tischnachbarn: „Was machen sie eigentlich den ganzen Tag im Vatikan?“ Der Papst habe seine Kammerdiener, den Präfekten und seine Sekretäre weggeschickt, sein ganzer Besitz sei in einem Koffer, beschreibt Englisch. Ostern weigerte sich Franziskus, den roten Hermelinmantel mit Mütze und Schuhen zu tragen – er sei doch nicht der Weihnachtsmann, habe er gesagt. Mit dem Papamobil fuhr er auf die Autobahn in den üblichen Stau, segnete dort die staunenden Stausteher.

In der Schlange mit Wäschesack

Er empfange seine Gäste in seinem Pensionszimmer und stehe dort auch einmal wöchentlich mit einem Wäschesack in der Reihe. Wobei vorbeikommende Touristen immer ungläubig fragen würden: „Der dritte da, das ist aber nicht der echte Papst, oder?“ Ebenso weigerte sich Franziskus, in den Apostolischen Palast mit seinen 17 000 Quadratmetern Wohnfläche und den 1997 Zimmern einzuziehen – auch das sei noch nicht die Kriegserklärung an die Kurie gewesen, betont Englisch.

Lesen Sie hier unser Interview mit Andreas Englisch

Die kam, als eigentlich die Zeit der frohen Botschaft da war. Geladen war zur Weihnachtsfeier 2013 mit den Kurienkardinälen und Papstansprache: „Der langweiligste Termin des Jahres!“ Andreas Englisch beschreibt die Szenerie. Alle hatten gut gefrühstückt, es war warm im Raum – „es nicken immer alle ein!“ Dann habe der Papst plötzlich nicht wie dort üblich vom Frieden, sondern von den Sünden der Kurie gesprochen. „Das war eine Generalattacke, die es so noch nie gegeben hat“, so Englisch.

„Das war eine Generalattacke, die es so noch nie gegeben hat.“

Andreas Englisch

Am Ende appelliert Englisch – auch vor dem Hintergrund des Anschlags in Berlin und anderswo: „Der Papst würde sagen: Ihr Katholiken und Evangelischen solltet euch nicht bei jeder Gelegenheit gegenseitig in die Suppe spucken, sondern das Gemeinsame suchen – ihr seid Brüder und Schwestern, ihr seid Christen!“

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