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Politik

Wackelkandidaten im Leeren Beutel

Bei der Wahlparty der kleineren Parteien muss Margit Wild bangen. Und für Kerstin Radler eröffnen sich neue Perspektiven.
Von Michael Jaumann

„Alles offen“, hieß es am Sonntagabend plötzlich für Kerstin Radler von den Freien Wählern. Ob sie erstmals in den Landtag einziehen wird, stand lange nicht fest. Foto: altrofoto.de
„Alles offen“, hieß es am Sonntagabend plötzlich für Kerstin Radler von den Freien Wählern. Ob sie erstmals in den Landtag einziehen wird, stand lange nicht fest. Foto: altrofoto.de

Regensburg.In sich ruhend thront Ulrich Lechte am Sonntag kurz nach 18 Uhr an einem Stehtisch vor dem Leeren Beutel. Der Bundestagsabgeordnete der FDP kann das politische Geschehen an diesem Abend gelassen von außen betrachten. „Ich kann somit nun meine Freunde hier alle beruhigen“, sagt der Bezirksvorsitzende angesichts des wackligen Ergebnisses von Plusminus fünf Prozent der Freien Demokraten.

Vor fünf Jahren war Lechte als Direktkandidat im Stimmkreis 305 im Leeren Beutel. Und da wusste er schon kurz nach Schließung der Wahllokale: „Die Schlacht ist gelaufen“. Bei 3,3 Prozent der Stimmen blieb seine FDP hängen und flog aus dem Landtag, während der frühere Koalitionspartner CSU wieder alleine regieren konnte.

Mehrere der „kleinen Parteien“, deren Größenverhältnisse sich an diesem Abend drastisch wandeln, hatten sich nach dem Ausstieg der Stadt auf Initiative der Grünen zusammengeschlossen, und zur Wahlparty geladen. Zu viele Auflagen, erklärt Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, hätten dazu geführt, dass die städtische Pressestelle diesmal keine Wahlparty mehr organisieren wollte.

Hier finden Sie alle Ergebnisse aus dem Stimmkreis Regensburg-Stadt:

Verzicht auf Siegerposen

MdB Stefan Schmidt (rechts) analysiert einen Zwischenstand. Foto: altrofoto.de
MdB Stefan Schmidt (rechts) analysiert einen Zwischenstand. Foto: altrofoto.de

Partystimmung kommt bei dieser Wahlparty aber nicht auf. An diesem Abend, nach dem „in Bayern kein Stein mehr auf dem anderen bleibt“, wie es Bürgermeister Jürgen Huber drastisch formuliert, denken manche der Politiker wohl auch an jene Mitarbeiter von Abgeordneten und die Abgeordneten selbst, die nach diesem Sonntag Mandat und Job verlieren.

Kommentar

Regensburger Eigenheiten bei der Wahl

CSU-Mann Dr. Franz Rieger ist der große Verlierer des Abends. Beinahe wäre er vom Grünen Jürgen Mistol überholt worden.

Margit Wild, die an diesem Abend förmlich durch die Reihen schleicht und immer wieder tröstend in den Arm genommen wird, gehört zu jenen, die angesichts des Desasters der SPD auf der Kippe stehen. Seit 2008 sitzt sie im Landtag, holte bessere Ergebnisse als die Partei, kann sich aber vom Abwärtstrend der Partei nicht freimachen. Den ganzen Abend über wird sie immer wieder zusammen mit Parteifreunden ihr Handy hervorholen und nach neuen Auszählergebnissen Ausschau halten, ob sie den zweiten SPD-Listenplatz in der Oberpfalz holen kann. „Es kann knapp werden für mich“, sagt sie.

Jürgen Mistol, braungebrannt, in Anzug und Krawatte wie aus dem Ei gepellt, der fast Franz Rieger (CSU) sein Direktmandat abgenommen hätte, verkneift sich angesichts des Elends seiner Abgeordnetenkollegin jede Siegerpose.

Jürgen Huber umarmt Jürgen Mistol stürmisch. Foto: altrofoto.de
Jürgen Huber umarmt Jürgen Mistol stürmisch. Foto: altrofoto.de

Plaudernd steht er meist draußen auf der Straße, wirkt aber hochzufrieden, dass seine Grünen inzwischen fast in den Rang einer „Volkspartei“ aufgestiegen sind, wie es Jürgen Huber später voller Genugtuung formuliert. „Die Leute wollten nicht immer nur über Flüchtlinge hören. Es gibt genügend andere Themen in Bayern“, sagt Mistol.

Lesen Sie auch: CSU verteidigt Direktmandat knapp

Wenig glücklich wirkt Stadträtin Irmgard Freihoffer von der Linken. Der Wechsel in Bayern sei notwendig gewesen. Aber dass die linken Parteien dann mit der CSU ebenfalls so abstürzen, hätte sie nicht gedacht. Manche Wähler hätten sich angesichts der Umfragen, die die Linke unter fünf Prozent sahen, wohl taktisch verhalten und ihre Stimme den Grünen gegeben, denkt sie.

Zeit zur Verantwortung

Sebastian Koch nimmt Margit Wild in den Arm. Foto: altrofoto.de
Sebastian Koch nimmt Margit Wild in den Arm. Foto: altrofoto.de

Grund zur Genugtuung hätte Kerstin Radler von den Freien Wählern. Die Direktkandidatin, die gleich mit ihrer Familie in den Leeren Beutel gekommen ist, hat in den vergangenen Tagen in Gesprächen offenbar noch viele Unentschlossene für sich einnehmen können. Ihr Ergebnis ist nun gleich so gut, dass sie nun sogar mit dem Einzug in den Landtag rechnen kann. „Die Chancen waren sehr gering. Aber nun ist alles offen.“

Ob sie über die Liste ein Mandat für das Münchner Maximilianeum geholt hat, wird sich wohl erst spät in der Nacht herausstellen. Einstweilen kann sie sich abends schon mit dem Gedanken vertraut machen, dass sie plötzlich Abgeordnete sein könnte: „Eine Herausforderung für das berufliche und private Leben!“

Radlers Mann, Stadtrat Ludwig Artinger, dem sie im Stimmkreis als Direktkandidatin der Freien Wähler nachgefolgt ist, denkt schon weiter. „Wir haben in der Opposition in zehn Jahren im Landtag viel erreicht. Jetzt ist es an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Artinger, dem 2013 rund 350 Stimmen zum Einzug in den Landtag gefehlt haben.

Unseren Liveticker von der Wahl in Regensburg finden Sie hier zum Nachlesen:

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