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Mauerfall

SED-Medien schwiegen vieles tot

Reinhard Zweigler berichtet seit mehr als 15 Jahren für die MZ aus Berlin. Vor dem Mauerfall war er Redakteur bei der „Leipziger Volkszeitung“.

Reinhard Zweigler: „Der Mauerfall hat die Isolation der ostdeutschen Kunstszene aufgehoben, neue Künstlerkarrieren begünstigt, alte aber auch marginalisiert.“
Reinhard Zweigler: „Der Mauerfall hat die Isolation der ostdeutschen Kunstszene aufgehoben, neue Künstlerkarrieren begünstigt, alte aber auch marginalisiert.“

Berlin.Den ersten Stein aus der Berliner Mauer gebrochen, haben zweifellos Tausende mutige Leipziger. Mit der ersten Massendemonstration am 9. Oktober 1989 war das Machtmonopol des SED-Staates auf den Straßen gefallen. Noch zwei Tage zuvor waren Demonstranten in Ost-Berlin niedergeknüppelt worden. Mit dem 9. Oktober wurde das anders. Ich arbeitete vor dem Mauerfall als Redakteur bei der „Leipziger Volkszeitung“, die das Aufbegehren der Menschen gegen die SED-Herrschaft anfangs ganz und gar nicht wohlwollend begleitete. Auch im Kreis der Journalisten wurde die Frage heftig diskutiert, die sich damals viele Menschen stellten: Hierbleiben oder gehen? Bei den Recherchen im Land stieß man auf viele Probleme. Man wusste, dass die von der SED gelenkten Medien vieles jedoch totschwiegen und die Lage schönfärbten.

Wenige Tage vor der entscheidenden Montags-Demonstration erschien in der Leipziger Volkszeitung der scharfmacherische Kommentar eines Kampfgruppen-Kommandeurs. Man werde den Sozialismus „notfalls mit der Waffe in der Hand“ gegen die Konterrevolution verteidigen. Viele Kollegen schämten sich für diesen Artikel, der auf Weisung der Leipziger SED-Spitze in die Zeitung kam. Er sollte die Menschen abhalten, zur Nikolaikirche, dem Zentrum der Oppositionsbewegung, in Leipzig zu kommen. Zum Glück kam es anders.

Staunend, überrascht und freudig erregt, sah ich vier Wochen später, am 4. November 89 in Berlin die erste große Massendemonstration, bei der sich Hunderttausende mit witzigen Plakaten von der SED verabschiedeten. Als fünf Tage später die Mauer fiel, öffnete sich für 16 Millionen Menschen in der damaligen DDR der Weg in die Freiheit. „Wahnsinn“ war das meist gebrauchte Wort. Ost und West lagen sich in den Armen. Ich selbst war kurz nach dem Mauerfall mit meiner fünfköpfigen Familie zum ersten Mal in West-Berlin. An den Banken standen lange Schlangen von Ostdeutschen, die sich ihr Begrüßungsgeld von 100 DM abholten. Im Osten brodelte es weiter. Die politischen Ereignisse überschlugen sich. Die SED installierte eine Übergangsregierung unter dem damaligen Hoffnungsträger Hans Modrow. Auf den Leipziger Montagsdemonstrationen herrschte auf einmal Ebbe. Viele Menschen waren in „den Westen“ gefahren. Manche gleich für immer. Die ersten Rufe und Plakate „Wir sind ein Volk“ tauchten auf und die Forderung nach deutscher Einheit wurde immer lauter. Weil Ost-Berlin damals der wahrscheinlich spannendste Ort der Welt war, ging ich kurzentschlossen als erster Korrespondent einer ostdeutschen Zeitung dorthin. Ich suchte mir ein Büro in der Nähe zu Kreuzberg, weil man von den dortigen Telefonzellen Bonn anrufen konnte. Das erste Telefoninterview mit Finanzminister Theo Waigel führte ich aus einer Telefonzelle. Man rechnete mit einer Übergangszeit bis zur deutschen Einheit von vielleicht zwei, drei Jahren. Am 18. März wurde die Volkskammer neu – und erstmals frei – gewählt. Der Wahlsieger Lothar de Maiziere von der Ost-CDU wurde Ministerpräsident. Er dachte damals, 1992 könnte das vereinte Deutschland eine gemeinsame Olympiamannschaft nach Barcelona entsenden. Doch das politische Karussell drehte sich immer schneller. Für viele bedeutete die neugewonnene Freiheit allerdings auch Ungewissheit. Fast täglich gab es Demonstrationen von Belegschaften, die sich gegen die Stilllegung ihrer Betriebe richteten. Bauern kamen mit Traktoren vor die Volkskammer. Fast täglich wurden neue Gesetze beschlossen. Enthüllungen über ehemalige Stasi-Zuträger beschäftigten die Medien. Jene Zeit, die ich hautnah miterleben durfte, war die spannendste meines Lebens. Am 20. September 1990 beschloss die Volkskammer den Beitritt zur Bundesrepublik. Am 3. Oktober 1990 wurde mit Staatsakt und Feuerwerk vor dem Reichstag die deutsche Einheit besiegelt. Ich berichtete für mehrere Zeitungen fortan über Bundespolitik aus Berlin. Am 24. Mai 1999 wurde in Berlin von der Bundesversammlung Johannes Rau zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Zur gleichen Zeit jedoch führte die Donau Hochwasser. Mein Interview mit dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber war sozusagen der „Einstieg“ bei der MZ, für die ich seitdem aus Berlin berichte.

Kommentar

Grenzerfahrungen

Als die Mauer fiel, war ich Teenager. Berlin war weit weg. Nichts war so weit entfernt wie die DDR. Kein Ausland, kein Urlaub, egal wohin, führte mich...

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