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Energiewende

Der Bund Naturschutz stellt sich quer

Netzbetreiber Tennet sorgt mit seinem Trassen-Vorschlag für Diskussionen. Naturschützer stellen das gesamte Projekt infrage.
Von Katrin Wolf, MZ

Der Bund Naturschutz befürchtet durch die Erdkabel, die entlang der Trasse verlegt werden sollen, gravierende Auswirkungen auf Wasserhaushalt und Landwirtschaft.
Der Bund Naturschutz befürchtet durch die Erdkabel, die entlang der Trasse verlegt werden sollen, gravierende Auswirkungen auf Wasserhaushalt und Landwirtschaft. Foto: dpa

Regensburg.Seit der Netzbetreiber Tennet Mitte vergangener Woche seinen Vorschlag für einen Korridor für den geplanten Südost-Link veröffentlicht hat, diskutieren Politiker und Bürger den Entwurf. Der Bund Naturschutz aber bleibt hart: „Wir wollen hier keine Trasse diskutieren, wir wollen die Grundsatzdiskussion“, sagt Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern.

Die Naturschützer haben zur Pressekonferenz in ein Café in Regensburg eingeladen, um ihre Fundamentalkritik an dem Vorhaben zu erklären. Für Weiger ist die Trasse schlicht unnötig, er nennt sie ein „Geldvernichtungsinstrument“, das am Ende die kleinen Verbraucher finanzieren müssten und von dem am Ende nur die großen Konzerne profitierten. Auch habe die Trasse nichts mit dem Atomausstieg zu tun – das sei eine „Lüge, um Akzeptanz bei den Bürgern herbeizuführen“. Als Argument führt er an, dass im Jahr 2025, in dem der erste Strom durch die Tennet-Leitungen fließen soll, das letzte bayerische Atomkraftwerk laut Plan schon drei bis vier Jahre vom Netz gegangen sein soll. Auch Petra Filbeck, Mitglied des Arbeitskreis Energie in der Kreisgruppe Regensburg, sieht in den Plänen faktisch eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke.

Dezentrale Energiewende gefordert

Der Bund will statt großer Stromautobahnen eine „dezentrale Bürgerenergiewende“, die auf die lokale und regionale Erzeugung erneuerbarer Energien setzt. Die Bürger sollen direkt beteiligt werden, auch ökonomisch. Weiger sieht keinen Grund, warum es in Norddeutschland nicht mehr Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern geben sollte, und mehr Windenergieparks im Süden. In Bayern werde deren Planung aber durch die 10H-Regelung blockiert, die besagt, dass Windkraftanlagen nur in einem Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu bebauten Gebieten errichtet werden können.

Unsere Grafik zeigt Tennets Vorschlag für den Südost-Link:

Tennet-Sprecher Markus Lieberknecht argumentiert, diese Art der dezentralen Versorgung eigne sich vielleicht für kleinere Einheiten wie Dörfer, ein Mittel- oder Oberzentrum stoße aber schnell an seine Grenzen. „Wir können unseren Strombedarf nicht zu 100 Prozent aus dezentral in Bayern erzeugten erneuerbaren Energien decken. Das ist weder wirtschaftlich sinnvoll noch können wir so die Versorgungssicherheit für unsere Bürger und die Wirtschaft gewährleisten“, sagt auch der bayerische Staatssekretär Franz Josef Pschierer, politischer Leiter der Taskforce Netzausbau.

Hubert Weiger übt scharfe Kritik an dem Vorhaben. Foto: Wolf
Hubert Weiger übt scharfe Kritik an dem Vorhaben. Foto: Wolf

Wenn das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet ist, werde Bayern 40 Prozent seines Strombedarfs importieren müssen, rechnet Lieberknecht vor. Und warum solle man Strom aus Windkraft in Norddeutschland verschwenden? Aber auch hier ist der Bund Naturschutz skeptisch: Statt Ökostrom aus dem hohen Norden befürchten die Umweltschützer, dass Deutschland als Transitland für Atomstrom aus Tschechien dient oder doch Strom aus Braunkohle in die Netze eingespeist wird.

Lieberknecht hält dagegen: Der Abstand zu Braunkohlewerken in Mitteldeutschland oder Atomkraftwerken in Osteuropa sei schlicht zu groß. Auch Pschierer nennt solche Bedenken „unbegründet“: „Es gilt der uneingeschränkte Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien.“ Diese bildeten den Sockel, je nach Bedarf könne allerdings auch Strom aus anderen Energiequellen dazukommen.

Fließt wirklich nur Ökostrom?

Der Bund Naturschutz bleibt bei seiner Forderung nach einer „strategischen Umweltprüfung“, die die Suche nach Alternativen beinhaltet. Die Entscheidung für die Trasse sei rein politisch motiviert, Transparenz nicht gegeben. Die Frage, ob die von Tennet vorgeschlagene Trasse Naturschutzgebiete oder seltene Tierarten gefährde, kann keiner der anwesenden Naturschützer beantworten. Laut Dr. Herbert Barthel, Referent für Energie und Klimaschutz, ist der Korridor dafür auch noch viel zu breit. Tennet halte sich hier alle Optionen offen und arbeite weiter nach dem Prinzip „täusche und verwirre“. In ein Raumordnungsverfahren werde man sich aber „sehr kritisch“ einbringen.

Auch die Erdkabel, die entlang der Trasse verlegt werden sollen, sind nicht unumstritten:

Diskussion um Erdkabel

  • Der geplante Südost-Link

    zieht sich auf einer Länge von etwa 580 Kilometern von Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt) bis nach Landshut.

  • Der von Netzbetreiber Tennet

    vorgeschlagene Korridor verläuft östlich entlang Tirschenreuth, Neustadt a.d. Waldnaab und Weiden, westlich von Nabburg, Schwandorf und Nittenau. Bei Regensburg quert die Trasse die Donau.

  • Statt Freileitungen sollen

    die Kabel in der Erde verlegt werden. Für den Bund-Vorsitzenden Hubert Weiger ist das der „größte unterirdische Eingriff in die Landschaft, der jemals erfolgt ist“. Auch laut Dr. Josef Stadler, Vorsitzender der Ortsgruppe Wörth-Wiesent, hat es „keinen Sinn, die Heimat umzubuddeln.“

  • Bei oberirdischen Freileitungen

    sehen Naturschützer folgende Nachteile: Sie gefährden Vögel und stören das Landschaftsbild.

  • Die Erdkabel dagegen

    haben laut Weiger große Auswirkungen auf die Böden und den Wasserhaushalt. Und auch nach den Bauarbeiten werde „eine Wunde bleiben“.

  • Tennet-Pressesprecher

    Markus Lieberknecht hält dagegen: Die Wärme, die die Leitungen abgeben, führe zu einer Erwärmung der Oberfläche um maximal 1,5 Grad. Auch eine Schädigung oder großflächige Austrocknung der Böden habe man bisher nicht beobachtet.

  • Der Erdblock

    um die Leitungen dämpft laut Weiger elektrische, nicht aber magnetische Felder. Zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen gibt es laut Bund Naturschutz noch keine gesicherten Erkenntnisse.

Alles über die geplanten Stromtrassen durch Bayern lesen Sie in unserem Spezial!

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