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Energie

Erhält Endpunkt Isar den Vorzug?

Was passiert eigentlich hinter den Kulissen in Sachen Stromtrasse nach Ohu? Die MZ Kelheim hat nachgefragt.
Von Beate Weigert

Die spannende Frage: Falls der sogenannte Südost-Link kommt, wie soll er ab Schwandorf gen Süden verlaufen? Trifft’s den Kreis Kelheim?
Die spannende Frage: Falls der sogenannte Südost-Link kommt, wie soll er ab Schwandorf gen Süden verlaufen? Trifft’s den Kreis Kelheim? Fotos: dpa

Kelheim. Vor zwei Monaten ist der Stromtrassen-Kompromiss in Berlin verkündet worden. Die MZ wollte wissen, wie es nun weitergeht und bis wann feststehen könnte, ob die Gleichstrompassage mit Namen „Amprion-Trasse“, der sogenannte „Südost-Link“, von Schwandorf kommend den Landkreis Kelheim auf dem Weg zum im Juli neu verkündeten Endpunkt Isar in Ohu bei Landshut kreuzen wird oder nicht.

Das Landratsamt in Kelheim verweist auf das hoch komplexe Verfahren. Dieses werde einige Planungszeit auf Seiten der Betreiber-Firmen in Anspruch nehmen. Von der Pressestelle des benachbarten Landratsamts in Regensburg heißt es: Man würde auch gerne mehr wissen. Außer einem Treffen mit benachbarten Landräten und Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Pläne gebe es aktuell nichts Neues. Auch bei der Landshuter Kreisbehörde hat man keinen neuen Kenntnisstand. Grundsätzlich brauche man aber Energie für die regionale Wertschöpfung, heißt es aus der dortigen Pressestelle. Und weiter: Dass man deshalb mit der versprochenen Erdverkabelung leben könne und nicht vorhabe, sich dagegen zu wehren. Man vertraue auf das Wort der Landesregierung.

Ein Schritt soll bald abgehakt sein

Die Bundesnetzagentur als „Verfahrensführerin“ teilt auf Nachfrage mit, dass vor konkreten Planungen für den neuen Trassenverlauf zwei Dinge nötig seien. Zum einen sei im Netzentwicklungsplan Strom 2024 festzustellen, ob die Leitung energiewirtschaftlich nötig ist. Dieser Schritt ist nun abgehakt. Die Bonner Behörde bestätigte zum einen die von den Übertragungsnetzbetreibern beantragte Maßnahme mit dem Kürzel „D18“ (Trasse: Womirstedt – Gundremmingen), sie hält aber auch die Route nach Ohu „elektrotechnisch“ für geeignet. Unter der Voraussetzung „einer regionalen Ertüchtigung im Drehstromnetz zwischen Ottenhofen und Oberbachern“ (Anm. d. Red.: liegt im Landkreis Erding bzw. Dachau).

Nun ist der Gesetzgeber, sprich der Bundestag am Zug. Er muss das Vorhaben ins sogenannte Bundesbedarfsplangesetz aufgenehmen, den mutmaßlichen neuen Endpunkt bestätigen und erst einmal auch den versprochenen Vorrang für Erdkabel gesetzlich verankern, ergänzt eine Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Dabei könne der Bundestag auch der alternativen Trasse von Wolmirstedt nach Isar/Landshut – einschließlich der ergänzend nötigen Ertüchtigung im Drehstromnetz – den Vorzug geben.

Erst dann gehe es um den konkreten Trassenverlauf und erst dann werde sich zeigen, inwieweit etwa bestehende „Umverteilungs-“Infrastruktur im Umfeld von Isar/Landshut genutzt werden könne.

Eine zeitliche Prognose, wie lange die Planung des Südost-Links dauern wird, lasse sich frühestens dann tätigen. Grundsätzlich sei von einem mehrjährigen Verfahren auszugehen, so die Bundesnetzagentur. In München geht man davon aus, dass das Bundesfachplanungsverfahren (s. Infokasten), in dem der konkrete Leitungsverlauf festgelegt wird, frühestens 2017 abgeschlossen sein wird.

Wie groß der Platzbedarf für die im Juli von der Politik versprochene Erdverkabelung ausfallen werde, sei derzeit pauschal nicht zu sagen. „Die Breite und Tiefe von Erdkabeln ist sehr stark von regionalen Verhältnissen bestimmt“, sagt ein Pressesprecher der Bundesnetzagentur. In anderen Gleichstromprojekten hätten die Übertragungsnetzbetreiber für masseimprägnierte Kabel eine Tiefe von eineinhalb bis zwei Meter angegeben und für ein 1x2GW(500kV)-System 15 bis 20 Meter Trassenbreite. Die Trasse ist von tiefwurzelnden Gehölzen freizuhalten. Will heißen: Landwirtschaft ist möglich, Forstwirtschaft nicht. In der Bauphase wird eine noch größere Breite genötigt.

Um Ohu viel Struktur vorhanden

Der neue HGÜ, das ist die Abkürzung für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Endpunkt, Isar könne ohne größere zusätzliche Ausbauten über das bestehende Höchstspannungsnetz der Firma Tennet angebunden werden, glaubt man im Wirtschaftsministerium in München. Denn vom Großraum Landshut aus verlaufen bereits jetzt 380 bzw. 220-Kilovolt-Wechselstromleitungen nach Sittling im Landkreis Kelheim, nach Pleinting im Kreis Passau, nach Simbach am Inn im Kreis Rottal-Inn, nach Pirach im Kreis Altötting, nach St. Peter in Oberösterreich sowie nach Ottenhofen im Kreis Erding.

Wie früh in betroffenen Regionen Bürger eingebunden würden, fragte die MZ. Sobald konkrete Vorschläge für Trassenverläufe vorlägen, werde der zuständige Übertragungsnetzbetreiber Infoverstaltungen für die Öffentlichkeit durchführen, so die Auskunft von bayerischen Wirtschaftsministerium. Die Betreiberfirma TenneT verweist auf Nachfrage auf die Unternehmen 50Hertz bzw. Amprion als verantwortliche Übertragungsnetzbetreiber für die Gleichstrompassage Süd-Ost.

Amprion-Pressesprecher Jörg Weber erwartet, dass auch bei der neuen Trasse Bürgerproteste erst dann kommen, wenn der ein Kilometer breite Trassenkorridor vorliegt. Der 15-Kilometer-Grobkorridor störe meist noch keinen, weil das „Vor-der-Haustür“-Problem noch nicht existiert. Nach den bisherigen Erfahrungen mit Bürgerprotesten etwa im Landkreis Neumarkt verspricht Weber ein „gläsernes Planungsbüro“.

Weil man vor einer konkreten Planung keine Region aus- oder eben einschließen dürfe, sei aktuell nicht zu sagen, wie oder ob es den Kreis Kelheim treffen könne. Man fange „bei null“ an, wenn im Bundestag die Entscheidung gefallen sei. Dann werde jedes Naturschutzgebiet, jedes Natura2000-Areal und vieles mehr geprüft.

„Soziale Medien entlarven Lügen“

Vorab – quasi prophylaktisch – den Bürgern im Landkreis Kelheim Tipps zur Gegenwehr geben? Nein, das müsse er nicht, sagt Bergs Bürgermeister Helmut Himmler. Die 8000-Einwohner-Gemeinde im Kreis Neumarkt hat ausreichend Erfahrung mit Protest. Es gebe aber überall schlaue Menschen, die wüssten, was im Ernstfall zu tun ist, sagt Himmler zur MZ. Und über soziale Medien würde heutzutage sowieso „jede Lüge, jeder Trick binnen kurzer Zeit entlarvt“.

Dass seine Region augenscheinlich aus dem Schneider ist, freut ihn nicht und er bleibe misstrauisch gegenüber Versprechen der großen Politik. Auch wenn da oben ein Parteigenosse, SPD-Minister Sigmar Gabriel, sitzt. Überhaupt hält er es mit Experten, die sagen, dass es die Trassen generell nicht braucht. Sondern eine dezentrale Energiewende. Die habe man aber in Berlin total aus dem Auge verloren. Das sieht’s auch Kelheims Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz Peter Forstner.

Wie ist das Prozedere?

  • Im gesetzlich verankerten Prozess

    der Netzentwicklungsplanung wird der Ausbaubedarf zwischen einzelnen Netzknoten von den Übertragungsnetzbetreibern bestimmt, von der Bundesnetzagentur überprüft und abgeändert genehmigt und anschließend vom Bundestag im Bundesbedarfsplangesetz festgelegt, erklärt eine Pressesprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums Schritt 1 im Prozedere.

  • Als Nächstes

    erarbeiten die Übertragungsnetzbetreiber dann „möglichst bürger- und raumverträgliche“ Trassenverläufe zur Verbindung der im Bundesbedarfsplangesetz festgelegten Endpunkte. In diesen Prozess sind die Bürger sowie betroffene Mandatsträger eng einzubinden, heißt es aus Bayerns Wirtschaftsministerium dazu. Dieser Schritt könne bis zu zwei Jahre dauern.

  • In der Folge

    beantragen die Übertragungsnetzbetreiber das Bundesfachplanungsverfahren (entspricht Raumordnungsverfahren) für das jeweilige Projekt. Dieser enthält laut dem bayerischen Wirtschaftsministerium „mehrere geeignet erscheinende Trassenvarianten“. Am Ende des Verfahrens stehe nach Prüfung und Änderungen durch die Bundesnetzagentur ein Kilometer breiter Leitungskorridor fest. Dieser Teil-Schritt nehme etwa sechs Monate Zeit in Anspruch.

  • Es folgt

    das Planfeststellungsverfahren, in dem die Details der Leitungsführung, betroffene Grundstücke, Immissionsschutz, Auflagen für den Bau etc. geprüft bzw. bestimmt werden. Das Planfeststellungsverfahren wird mit einem Planfeststellungsbeschluss abgeschlossen. Dauer laut Ministerium ein bis zwei Jahre.

  • Ist der Planfeststellungsbeschluss

    rechtskräftig kann mit den Bauarbeiten begonnen werden. (re)

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