MyMz

Energiewende

Neue Details zur Mega-Stromtrasse

Die Bundesnetzagentur verspricht bei Südostpassage viel Transparenz. Die wichtigsten Fakten auf einen Blick.
Von Christine Schröpf, MZ

Die geplante Südostpassage wird die Oberpfalz massiv betreffen – auch wenn fast vollständige Erdverkabelung geplant ist. Die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde verspricht Transparenz.
Die geplante Südostpassage wird die Oberpfalz massiv betreffen – auch wenn fast vollständige Erdverkabelung geplant ist. Die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde verspricht Transparenz.Foto: Archiv

Wann steht der Trassenverlauf definitiv fest?

Netzbetreiber Tennet plant und baut die Südost-Passage. Das Unternehmen hat angekündigt, dass sich bis Herbst herauskristallisiert, ob die Gleichstromtrasse über Weiden, Schwandorf und Regensburg oder über Neumarkt nach Landshut geführt wird. Die Bundesnetzagentur rechnet damit, dass Tennet Anfang 2017 den Antrag mit dem bevorzugten Korridor und möglicher Alternativen einreicht. Es wird noch ein vergleichsweise grober Plan für die insgesamt 400 Kilometer lange Trasse von Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt) nach Landshut sein. Man kann sich Schlangenlinien vorstellen, vorbei an Gebieten, in denen Erdkabel aus den unterschiedlichsten Gründen schwer machbar sind. Der exakte Trassenverlauf steht damit allerdings längst nicht fest. „Was Tennet vorschlägt, bindet uns nicht“, sagt Bundesnetzagentur-Sprecherin Carolin Bongartz. „Wir prüfen das sehr genau und beziehen dabei auch Stellungnahmen aus der Öffentlichkeit mit ein.“ Genauere Aussagen macht sich nicht. Experten gehen allerdings davon aus, dass viel für einen Trassenverlauf über Weiden und Regensburg spricht. Es ist schlicht und einfach der kürzeste Weg. Die Bundesnetzagentur rechnet damit, dass die Trasse allerfrühestens 2025 fertiggestellt sein könnte. Tennets Prognose: frühestens 2027.

Wird die Süd-Ost-Passage komplett erdverkabelt?

Erdverkabelung hat auf der Süd-Ost-Passage Vorrang. Das hat die CSU im Bund nach massiven Protesten durchgesetzt. Die Bundesnetzagentur rechnet damit, dass die Trasse „nahezu vollständig“ erdverkabelt wird. Ausnahmen sind dort möglich, wo es eine Kommune ausdrücklich fordert, weil sie etwa eine Freileitung als geringeren Eingriff in die Umwelt betrachtet. Auch die Natur schiebt da und dort einen Riegel vor. Erdkabel können zum Beispiel nicht durch ein Biotop oder ein Moor geführt werden. „Die Erdverkabelung von Gleichstromtrassen ist für Deutschland Neuland“, sagt Bundesnetzagentur-Sprecherin, Carolin Bongartz. „Testläufe gibt es bei uns aktuell nur bei der Anbindung von Offshore-Windparks – hier handelt es sich aber um eine niedrigere Spannungsebene.“

Was sagen die Landwirte?

Liefern in den Redaktionen zurzeit erste Informationen ab: die Bundesnetzagentursprecher Fiete Wulff und Carolin Bongartz.
Liefern in den Redaktionen zurzeit erste Informationen ab: die Bundesnetzagentursprecher Fiete Wulff und Carolin Bongartz. Foto: Schröpf

Landwirte zählen nach Erfahrung der Bundesnetzagentur zu den großen Skeptikern. Das liege zum einen an der Baumaßnahme selbst: Der Korridor der während der Bauarbeiten nicht nutzbar ist, ist rund 40 Meter breit – nach Bauende bleibt eine Schneise mit einer Breite von 15 bis 20 Meter, die nur eingeschränkt genutzt werden kann, weil die Kabel bei Bedarf immer frei zugänglich sein müssen. Dort können nur noch flachwurzelnde Pflanzen angebaut werden. Nebeneffekt der Erdkabel: Der Boden erwärmt sich durch die Abstrahlung der Leitungen dauerhaft. „Wir rechnen mit ein bis drei Grad“, sagt Bundesnetzagentur-Sprecher Fiete Wulff. „Die Belastungen für die Landwirtschaft steigen.“ Es wird gerade untersucht, ob die Entschädigungszahlen deswegen angepasst werden müssen. Bisher gibt es Einmalzahlungen in Höhe von 10 bis 20 Prozent des Verkehrswerts der Grundstücksfläche.

Wo in Deutschland sind die Proteste der Stromtrassengegner am größten?

Der Netzausbau trifft bundesweit auf Gegenwind. „Es gibt Regionen, wo sich der Widerstand stark formiert hatte, bevor ein Vorrang für Erdkabel beschlossen wurde. Die Oberpfalz gehörte auch dazu“, sagt Sprecher Fiete Wulff. Grundsätzlich sei bei den Bürgern in den vergangenen Jahren der Wunsch nach Transparenz und Mitsprache stark gewachsen – und auch der Wille, sich gegen unliebsame Projekte aufzulehnen. „Wir verstehen das “, sagt er. Vorbehalte dürften aber nicht zu einer kompletten Blockade von unbedingt notwendigen Maßnahmen führen. Was er beschreibt, bekommen übrigens auch Parteien zu spüren – der Stromtrassenausbau stellt die Grünen in Bayern vor innere Zerreißproben. Die Landespartei ist pro Stromtrassen, die Nordoberpfälzer Parteifreunde klettern deswegen auf Barrikaden. In einer Woche findet dazu ein Bezirksparteitag statt.

Was kostet die Süd-Ost-Passage?

Die Energie von Offshore-Windparks aus Norddeutschland soll mit neuen Leitungen in den Süden transportiert werden.
Die Energie von Offshore-Windparks aus Norddeutschland soll mit neuen Leitungen in den Süden transportiert werden. Foto: dpa

Das kann die Bundesnetzagentur aktuell nicht exakt beziffern, weil es ohne sicheren Trassenverlauf noch viele zu viele Unwägbarkeiten gibt. Es gibt allerdings eine Schätzung zu den Gesamtkosten aller 43 geplanten neuen Wechsel- und Gleichstromtrassen in Deutschland. Dort ist von 18 bis 20 Milliarden Euro die Rede – noch ohne Erdverkabelung. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass die Mehrkosten für eine komplette Erdverkabelung der insgesamt drei geplanten Gleichstromtrassen zwischen sechs und neun Milliarden Euro betragen werden. In Planung sind neben der Südostpassage, auch die Süd-Link-Trasse von Wilster nach Grafenrheinfeld bzw. Brunsbüttel nach Großgartach bei Stuttgart sowie eine weitere Leitung von Emden in Niedersachsen bis ins baden-württembergische Philippsburg. Die Kosten für den Stromnetzausbau zahlen die Stromkunden, allerdings nicht auf einen Schlag, sondern aufgeteilt auf die nächsten 40 Jahren. „Das taucht auf der Stromrechnung im Posten ,Netzentgelte‘ auf“, sagt Bundesnetz-Agentur Sprecherin Carolin Bongartz.

Was Tennet kürzlich zu den Stromtrassenplänen sagte, lesen Sie hier!

Warum ist der Netzausbau wichtig?

Der Stromnetzausbau ist Konsequenz des Atomausstiegs, der nach der Katastrophe in Fukushima beschlossen worden ist. Das Unglück war Startsignal für den zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien mit viel Offshore Windkraft in Norden Deutschlands. Strom der dort im Übermaß produziert wird, soll nach Süddeutschland geleitet werden, wo er gebraucht wird. 2022 soll der letzte deutsche Atommeiler abgeschaltet werden. Eine Prognose der Bundesnetzagentur für 2024 besagt, dass Bayern auf den Import von etwa 30 Terawattstunden Strom angewiesen sein wird – etwa zehn Terawatt sollen über die Süd-Ost-Passage fließen. Bundesnetzagentur-Sprecher Fiete Wulff nennt die Energiewende „einer führenden Industrienation unter Volllastbetrieb“ weltweit einzigartig und eine große Herausforderung. „Bei BMW und Audi soll ja jeden Tag weiter unvermindert produziert werden können.“ Ohne neue Stromnetze werde das nicht funktionieren.

Wie schaut die Bürgerbeteiligung aus?

Wütende Proteste von Anwohnern in der Vergangenheit zeigen Wirkung. Die Bundesnetzagentur und Netzbetreiber wie Tennet versprechen größtmögliche Bürgerbeteiligung bereits im Vorfeld. Schon Mitte des Jahres soll es erste Dialogveranstaltungen von Tennet geben. Die eigentlichen Anhörungen beginnen, sobald Tennet wohl Anfang 2017 bei der Bundesnetzagentur den Antrag für einen Vorschlagskorridor samt Alternativen eingereicht hat. Der komplette Antrag wird übrigens kurz darauf von der Bundesnetzagentur im Internet veröffentlich. Es folgen öffentliche Antragskonferenzen für Behörden, Verbände und interessierte Bürger, im späteren Verfahren eine Auslegung konkretisierter Planungen und ein Erörterungstermin. Steht der Planfeststellungsbeschluss, können Betroffene im Zweifelsfall die Gerichte anrufen.

Wer ist die Bundesnetzagentur?

Die Bundesnetzagentur ist eine eigenständige Behörde, die beim Bundeswirtschaftsministerium angesiedelt ist. Die 2900 Mitarbeiter sind nicht nur für den Stromnetzausbau zuständig – sie sind auch Taktgeber, Kontrolleur und Aufsicht für den Ausbau in den Bereichen Telekommunikation, Post, Bahn und Gas.

Weitere Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht