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Symbol für den grausamen Stellungskrieg

In Verdun sind die Spuren des Krieges noch überall zu finden. Mit dem Pilgerstrom der Touristen verbindet die Stadt die Hoffnung auf Aufschwung.
von Christine Strasser, MZ

Verdun.Hélène Roland hat noch 28 Kreuze vor sich – für heute. Dann hat sie zwei Parzellen auf dem Friedhof von Douaumont geschafft. Sie gehört zu den Gärtnern, die sich um die 15 000 Grabstellen französischer Soldaten kümmern. Ihre Aufgabe: Unkraut vernichten und die Rosenstöcke vor den weißen Kreuzen düngen. Aus ihrem iPod trällert Instant Crush von Daft Punk. Es wird noch Tage dauern, bis Helene mit ihrer monotonen Arbeit fertig ist.

Verdun lebt mit den Toten des Ersten Weltkriegs – und von ihnen. Das Schlachtfeld rund zwölf Kilometer vor der Stadt ist eine Pilgerstädte. Die Frontsoldaten, die „poilu“, sind ein Maskottchen der nationalen Identität. Zum „Centainaire“ – dem 100-Jahr-Jubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs – wird mit einem Besucheransturm gerechnet. Die Osterferien waren ein Vorgeschmack. Wenn die Tour de France im Juli Verdun durchquert, sollen die Rosenstöcke blühen. Bis zu 200 000 Besucher werden im Gedenkjahr erwartet.

Das Land um Verdun hat ein gutes Gedächtnis, auch nach 100 Jahren. Fünf Kilometer die Straße Richtung Norden fängt das an. Ruinen, Bunker, bemooste Flächen, Trichter, in denen sich das Wasser sammelt, Metallstangen, die aus dem Boden ragen. Wohin man schaut Hügel und Senken. Die Landschaft war mal schön. Dann kam der Krieg. Seitdem ist die Landschaft in Unordnung. In den 1920ern hat die französische Regierung die verwüsteten, aufgewühlten Flächen aufgeforstet. Jetzt ist der Schrecken von einer grünen Decke überzogen. Die Bäume und die vielen kleinen Mulden gaukeln das Bild einer lieblichen Landschaft vor. Doch darunter lauert noch immer der Tod. Auf Tafeln wird davor gewarnt, die Wege durch die Wälder zu verlassen. Lebensgefahr. Den Boden mit einem Metalldetektor abzusuchen ist verboten, doch das hält nicht alle ab. Jedes Jahr sterben Trophäenjäger, weil auf der Suche nach Überresten des Krieges Blindgänger explodieren.

Um Verdun herum lagen 39 Forts. Sie waren das Ziel. Das Fort Douaumont war die größte und stärkste Festung des äußeren Verteidigungsrings der Stadt, die zum Symbol des massenhaften, sinnlosen Sterbens wurde. Von hier aus ist das gesamte Umfeld zu überblicken. Die Deutschen eroberten das Fort rasch. Später wurde die völlig überfüllte Festung durch heftige französische Angriffe zum Massengrab für deutsche Soldaten. Der hinter den Linien der deutschen Armee stationierte Werner Baumelberg überlieferte eine Momentaufnahme des Gebiets um Douaumont von Mai 1916: „Der Berg trägt eine Krone, eine Krone aus gelben Feuerstrahlen und schwarzen Schleiern. Der Berg brüllt unter seiner Krone, Nacht für Nacht (...). Die Krone hat sich auf ihm festgesetzt wie ein Geschwür und wird ihn nicht mehr loslassen, bis er tot ist.“ Heute wehen auf dem zerstörten Fort die deutsche, französische und europäische Fahne nebeneinander. Schulklassen durchstreifen das Gelände. Sie bestaunen die Überreste, den verrosteten Stacheldraht und die alten Kanonen.

Angélique, Marie und Thomas gehen in Verdun zur Schule. Der „Grande Guerre“ ist fester Bestandteil ihres Lehrplans. Schon die Grundschüler lernen Fakten über die großen Schlachten. Die drei Teenager – 15, 16 und 17 Jahre alt – erzählen, dass sie sich ausführlich mit dem Ersten Weltkrieg befasst haben. In wenigen Wochen kämen Austauschschüler aus Deutschland, mit denen wollen sie das Schlachtfeld besuchen.

Verdun ist eine unauffällige kleine Provinzstadt, wie sie zahllos in Frankreich zu finden sind. Die gut 18000 Einwohner kommen an vielen Straßenkreuzungen ohne Verkehrsampel aus. Mit ihrem Privileg der Respektlosigkeit sagen junge Menschen: „Es gibt hier mehr Tote als Überlebende.“ Abseits vom rauen Klima und wenig Sonne hat die Region nicht viel zu bieten: Kaum Industrie, viel Landwirtschaft prägen die Gegend. Der Tourismus ist nicht so entwickelt, wie sich das mancher Verantwortliche hier wünscht. Entlang der Voie sacrée, der im Krieg so wichtigen Straße für den Nachschub, reihen sich die leerstehenden Häuser, das „Zu verkaufen“-Schild im Fenster. An der Promenade in Verdun sind etliche Bars geschlossen. Abends bringen nur die sanften Schläge der Ruderer, die über die Maas ziehen, Bewegung in die Stadt.

Zu sehen gibt es manches. Gleich am Ausgang der Stadt die Zitadelle. In den Fels gehauen, hat sie die Form eines zerbrochenen Sterns mit acht Zacken. Ein schmaler Raum mit Etagenbetten ist hier zu sehen. An den Wänden laufen Wassertropfen herunter, sammeln sich in Pfützen. An dem Blechschirm der elektrischen Lampe kleben ein paar rotbraune Flecken. Blut, denkt man. Aber wahrscheinlich ist es nur Rost. Ein paar Meter weiter ein großer Saal, vielleicht für die Mahlzeiten oder ein Lazarett. Hier haben erst Franzosen, dann Deutsche ihre Suppe gegessen, hier wurden ihnen Arme und Beine amputiert. Dann schossen sie wieder aufeinander.

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