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Energie

Der Albtraum vom Atomstaat Tschechien plagt Bayern

Die Regierung in Prag will die halbe Republik mit Kernkraftwerken zupflastern. Die Pläne alarmieren Politiker in Deutschland.

Protest vor dem Atommeiler Temelin: Kernkraftgegner projizieren einen Totenkopf auf einen Kühlturm. Foto: dpa

Regensburg. Als das österreichische Fernsehen den Katastrophenfilm „Der erste Tag“ 2008 erstmals ausstrahlte, bekam der tschechische Präsident Václav Klaus einen Wutanfall: Höchstpersönlich griff er zum Telefonhörer und beschwerte sich bei seinem Wiener Amtskollegen Heinz Fischer über die „unglückliche“ Angelegenheit, „die nicht zur Vertrauensbildung zwischen beiden Ländern beiträgt“. In der Sprache der Diplomaten drückt eine solche Wortwahl so ziemlich die größte Verstimmung aus, die zwischen zwei befreundeten Staaten möglich ist.

Die TV-Produktion von Regisseur Andreas Prochaska über einen fiktiven Atomunfall in einem tschechischen Kernkraftwerk hat die Politiker in Prag an einer reizbaren Stelle getroffen. Denn der Film nimmt das Reaktorunglück in Japan mit beklemmenden Bildern vorweg und stellt gleichzeitig die verantwortlichen Politiker und Behörden in Tschechien und Österreich als überfordert und hilflos dar.

Auch heute versteht man in Tschechien keinen Spaß, wenn es um die Atompolitik des Landes und den geplanten Ausbau des Kernkraftwerks Temelin nahe der ostbayerischen Grenze geht. Als vor wenigen Wochen eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten zu politischen Gesprächen in unser Nachbarland reiste, bedeutete man den deutschen Parlamentariern bereits im Vorfeld, dass man sich vonseiten der Prager Regierung keine Fragen zum Thema Atomkraft wünsche. Man verbittet sich Einmischungen in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates, lautet die unmissverständliche Botschaft.

Dabei muss einem Angst und Bange werden, wenn man mit deutschen Experten über die Sicherheitsstandards in Temelin spricht. Der niederbayerische Landtagsabgeordnete Eike Hallitzky konnte das Innenleben des umstrittenen Atomkraftwerks persönlich in Augenschein nehmen und war danach entsetzt: „Ich habe die kritischen Stellen im Verbindungsgang zwischen dem radioaktiven und dem nichtradioaktiven Bereich besichtigt“, sagte der Grünen-Politiker im Gespräch mit der MZ. „Dort sind die Dampfleitungen direkt neben den Stromkabeln verlegt. Wenn eine Dampfleitung platzt, fällt schlimmstenfalls die Elektrizität aus und damit die Anlagen, die das Kraftwerk steuern und überwachen.“ Der Meiler in Temelin stelle ein ähnliches Sicherheitsrisiko dar wie die störanfällige Atomanlage Isar 1 bei Landshut, die der damalige bayerische Umweltminister Markus Söder (CSU) unmittelbar nach Verkündung der Energiewende abschalten ließ.

Mit seiner Kritik an der tschechischen Atompolitik geht Hallitzky aber noch weiter. „Die Sicherheitskultur in Tschechien ist völlig unzureichend“, beklagte er. Im Rahmen des EU-Sicherheitschecks habe nie ein ernsthafter Test der Nuklearanlagen stattgefunden. „Die haben einfach nur einen Fragebogen beantwortet mit dem Tenor: Bei uns ist alles in Ordnung.“

Eine erschreckende Sorglosigkeit

Einen erschreckend sorglosen Umgang mit dem Atomthema seitens der tschechischen Regierung kritisierte auch die Chamer Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder. „Die bewegen sich auf einem Level wie Bayern in den 70-er und 80-er Jahren, als Franz-Josef Strauß die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf als genauso sicher wie eine Fahrradspeichenfa-brik bezeichnete“, sagte die SPD-Politikerin der MZ. Zur Pannenserie in Temelin erklärte Schieder: „Die Betreiber spielen die Störfälle herunter. Aber wenn wirklich etwas passiert, ist es so groß, dass es für die Bevölkerung nicht hinnehmbar ist.“ Sie forderte die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung auf, Druck auf Tschechien auszuüben, um den Ausbau von Temelin zu verhindern. „Die Österreicher legen sich massiver mit Prag an.“

Die bayerische Staatsregierung zeigt sich durchaus alarmiert über die Ausbaupläne in Temelin. Beim jüngsten Treffen von Ministerpräsident Horst Seehofer mit dem tschechischen Regierungschef Petr Necas spielte das Thema eine große Rolle. Necas bot Bayern einen „offenen Dialog auch auf deutscher Seite“ an. Dennoch bekannte er sich klar zu einem Ausbau des Atommeilers. Zumindest die Bevölkerung soll demnächst über die Atompläne informiert werden. Nach Angaben des bayerischen Umweltministers Marcel Huber (CSU) sicherte die Regierung in Prag dem bayerischen Ministerpräsidenten einen Anhörungstermin in Deutschland zu.

Der glühende Atomverfechter

Temelin ist aber nur der Anfang der tschechischen Träume von einem Atomstaat. Möglicherweise wird aus dem strammen Atomkurs in Tschechien ein Dauerstreit zwischen Atomkraftgegnern in Bayern und Kernkraftbefürwortern in Böhmen. Denn nach den Plänen des Industrieministeriums in Prag sollen bis 2060 knapp 80 Prozent des Energiebedarfs mit Nuklearstrom gedeckt werden. Für diese Energiepolitik müssten schätzungsweise zehn neue Reaktoren gebaut werden. Ungeachtet des Gegenwinds, der ihm aus Bayern und Österreich entgegenschlägt, bekräftigte Ministerpräsident Necas: „Ich bin überzeugt, dass die Zivilisation und auch die Tschechische Republik auf die nukleare Energie nicht verzichten kann. Das würde uns an den Rand einer ökonomischen Katastrophe führen.“ Sollte sich nichts Grundsätzliches an der Atompolitik Prags ändern, sind noch viele hitzige Diskussionen vorprogrammiert – auch innerhalb Tschechiens.

Nicht nur der Premier sei ein glühender Verfechter der Kernkraft. Zwei Drittel der Bevölkerung seien für Atomenergie, sagte Hallitzky. Zwar gebe es in Tschechien eine Debatte über Nuklearenergie sowie Bürgerinitiativen wie die „Südböhmischen Mütter gegen Atomkraft“. Gegen die vorherrschende Pro-Atom-Stimmung kommen sie aber nur schwer an, wie politische Beobachter bestätigen. Viele Bürger in Tschechien registrieren die Energiewende in Deutschland nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln.

Inwiefern haben die tschechischen Nuklearträume mit dem Atomausstieg in Deutschland zu tun? Eine naheliegende Vermutung wäre, dass sich unsere Nachbarn gute Geschäfte mit dem Export von Atomstrom erhoffen, wenn bei uns weitere Kernkraftwerke vom Netz gehen. Neben der erstrebten Unabhängigkeit von russischen Energie-Importen könnte die Regierung in Prag in der deutschen Energiewende einen zusätzlichen Anreiz sehen, die ganze Republik mit Kernkraftwerken zuzupflastern.

Dem sei nicht so, erklärte der Energieexperte Hallitzky. Auch nach der Abschaltung der alten Atommeiler habe Deutschland einen Nettostromexport. Es sei zwar richtig, dass wir aus Tschechien Atomstrom beziehen. Das hänge aber vielmehr damit zusammen, dass die dortigen Kernkraftwerke im Gegensatz zu den Deutschen nicht regelbar seien. Das heißt, sie produzieren immer gleich viel Strom, auch wenn er gerade nicht gebraucht wird. Deshalb käme er zu Dumpingpreisen auf den Markt – weit billiger als hiesiger Gas- oder Kohlestrom, sagte Hallitzky. „Wir kaufen ihn, weil wir ihn kaufen müssen“, erklärte er. Das werde sich aber mit einem zunehmenden Ökostromanteil in Deutschland schnell ändern. Dann werde es immer schwieriger, Atomstrom zu verkaufen.

Sparen an der Sicherheit

Das wiederum verstärke aber den Kostendruck auf die Energieerzeuger. „Die Tschechen wollen Billigkraftwerke bauen“, sagte Hallitzky. Dabei werde dann noch mehr an der Sicherheit gespart, befürchtete er. Ein Indiz dafür sei, dass Premier Necas Umweltverträglichkeitsprüfung und Genehmigungsverfahren verkürzen wolle.

Manche Experten sehen in Präsident Klaus einen Hardliner, der einer Öffnung der starren Fronten im Weg steht. Um zu verhindern, dass Tschechien zum atomaren Risikoland wird, sei ein politischer Generationswechsel in Prag nötig. Der wäre im Jahr 2013 möglich. Dann endet die Amtszeit des Atomfreunds Klaus.

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