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Eine Familie, die Grenzen überschreitet

Die Tschechin Radka und ihr Mann Günter aus Cham hätten sich ohne den Fall des Eisernen Vorhangs wohl nie getroffen. Sie leben Völkerverständigung.
Von Maria Gruber, MZ

Regensburg. Prachatice ist von Cham Luftlinie gerade einmal so weit entfernt wie Regensburg von Nürnberg. Doch als Radka Bonacková – damals noch Radka Neužilová – vor 38 Jahren in der südböhmischen Stadt geboren wurde, lagen Welten zwischen ihrer Heimat und der von Günter Bonack – des Mannes, den sie später heiraten würde. Der Eiserne Vorhang teilte den Globus in Ost und West. Plötzlich bestanden keinerlei Berührungspunkte mehr zwischen Ostbayern und Böhmen – Regionen, die eine lange und wechselvolle, aber eben gemeinsame Geschichte verbindet. Die Weltgeschichte trieb einen fast unüberwindbaren Keil zwischen Menschen, die einst Nachbarn waren. Bis die Wende kam – ohne die sich auch Radka und Günter wohl niemals kennengelernt hätten.

Heute, 22 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ist es für die beiden Normalität, sich in ihrer Wahlheimat Regensburg ins Auto zu setzen und die Grenze nach Tschechien zu überqueren, etwa um die Familie von Radka zu besuchen. Seit Tschechien Ende 2007 dem Schengen-Raum beitrat bedeutet das für die Bonacks zwei Stunden freie Fahrt, die weder von Schlagbäumen noch von Passkontrollen behindert wird.

Doch drehen wir die Zeit nochmal zurück. Zurück in die Zeit, als Ost und West nach dem Zerfall der Sowjetunion begannen, sich wieder vorsichtig anzunähern. Der Nachbar war während der 40 Jahre andauernden Zwangstrennung zum Unbekannten geworden. Alles war anders auf der anderen Seite, in der Welt des ehemaligen Klassenfeinds. Das spürte auch Radka, als sie 1990 wie so viele andere zum ersten Mal die Grenze zu Deutschland überquerte. „Es wurde sofort klar, dass ich in ein Land mit einem ganz anderen politischen und wirtschaftlichen System reise. Es war ein richtiger Schock. Es war so bunt, die Städte so farbig“, sagt sie. Das Ausmaß an Werbung und die Fülle an Waren in Supermärkten etwa empfand sie allerdings als unangenehm, erinnert sich die 38-Jährige. Noch heute ist sie überzeugt: „Das braucht der Mensch doch gar nicht.“

Die Tücken des Dialekts

Was sie in Deutschland allerdings dringend benötigte, war ihr perfektes Deutsch, das sie während der Schulzeit und im Studium der Germanistik und Philosophie in Brünn gelernt hatte. „Es gibt kaum Oberpfälzer, die Tschechisch sprechen. Und auch Leute, die sich für Tschechien interessieren, sind bisher eher Ausnahmen“, sagt Radka. An tschechischen Schulen wird Deutsch gelehrt, wenn es auch heute zunehmend von Englisch verdrängt wird. In Deutschland hingegen werde Tschechisch als Schulfach nur äußerst sporadisch angeboten, bedauert Radka. Deutsch spricht sie heute perfekt. Die Tücken des bayerischen Dialekts lernte die Tschechin kennen, als sie 1991 als Au-pair bei zwei dreijährigen Mädchen in Bergmatting war. „Ein Jahr lang in einem bayerischen Dorf war damals schwer für mich: Die alte Nachbarin habe ich mit meinem Schuldeutsch nicht verstanden. Schon mein Großvater hat mir gesagt, dass man in Bayern nicht Deutsch spricht“, schmunzelt sie und fügt hinzu: „Inzwischen weiß ich, dass das ,Bast scho‘ durchaus bedeuten kann, dass man sich jetzt gerade nicht mit meiner Meinung beschäftigen möchte.“

Nach ihrem Studium in Brünn war sie mit ihrem Vater und dem Regensburger Reisebüro „Begegnung mit Böhmen“, das bald nach der Wende Reisen durch den Böhmerwald organisierte, im Grenzland unterwegs. Ebenso wie Günter Bonack aus Cham, damals freier Mitarbeiter der Mittelbayerischen Zeitung. „Ich war schon damals interessiert an Land und Sprache Tschechiens“, sagt der 50-Jährige. Ein Interesse, das ihm nicht nur die Welt des Nachbarn erschloss, sondern auch das Herz von Radka öffnete.

Neue Heimat: Regensburg

Ihre Wege kreuzten sich bei einer Literatur-Reise, bei der die Tschechin Reiseführerin war – eine interkulturelle Begegnung mit Folgen. „Ich fand es unglaublich sympathisch, dass Günther ein wenig Tschechisch sprach“, sagt Radka mit einem Strahlen im Gesicht. Die beiden verliebten sich „ziemlich schnell“, schildert Günter. Dass sie aus unterschiedlichen Ländern stammen, habe dabei keine Rolle gespielt. Im Gegenteil: Beschäftigte man sich einmal mit der Studie „Perfekt geplant, genial improvisiert“, die deutsch-tschechische Verhaltensmuster und kulturelle Unterschiede untersuchte, „ist Radka, die immer alles genau plant, eher die Deutsche und ich der Tscheche“, lacht er. 2001 zog Radka dann zu Günter, der vorher in Berlin, München und Nürnberg gelebt hatte, nach Regensburg.

Vor zehn Jahren war das gar nicht so einfach. Zunächst durfte Radka nur als Touristin 30 Tage in Deutschland bleiben, später erhielt sie eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Tschechin musste in Deutschland bei Null anfangen. „Man muss sehr viel aufgeben in der Heimat, um sich hier zu etablieren und zu integrieren. Nicht nur das Umfeld und die Kontakte in Tschechien.“

Es gebe einige, die mit einem Hochschulabschluss gekommen seien und jahrelang als Hilfskräfte arbeiteten, bevor sie eine Beschäftigung ausüben können, die ihrer Qualifikation entspricht. „Und das liegt nicht nur an der Sprache. Man wird hier schon oft als Ausländer gesehen“, sagt Radka. „Gleichzeitig verlässt man einen Teil seiner Identität, wenn man sich dauerhaft in einem anderen Land aufhält, und den ganzen Tag nicht seine Muttersprache spricht. Die Hälfte meiner Seele gehört einfach weiterhin dem Tschechischen.“ Selbst nach der Hochzeit der beiden im März 2003 – als aus Radka Neužilová Radka Bonacková wurde.

Mehr als Tankstellen

David, das „Produkt dieser grenzüberschreitenden Liebe“, wie Günter den gemeinsamen Sohn mit einem Augenzwinkern nennt, kam vor vier Jahren zur Welt. „Wir wollten für unser Kind einen Namen finden, der in beiden Ländern funktioniert“, erklärt Radka, denn der Sohn der Bonackovi sollte von Anfang an sowohl die Kultur der Mutter als auch die des Vaters kennenlernen. Er soll sich später einmal aussuchen, wo er leben und arbeiten möchte. Und schon heute bringt er dafür die besten Voraussetzungen mit, denn er spricht mit seinen fast fünf Jahren bereits beide Sprachen sehr gut. „Radka spricht Tschechisch mit ihm, ich Deutsch. Und wir versuchen auch, das konsequent durchzuziehen“, erklärt Günter.

Günter und Radka leben die Völkerverständigung und wollen zeigen, dass Tschechien nicht hinter der ersten Tankstelle endet. Günter in der Pressestelle des Bezirks Oberpfalz, wo er auch immer wieder mit dem Nachbarland zu tun hat, und Radka als Projektmitarbeiterin des Koordinierungszentrums Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem sowie als Tschechisch-Lektorin an der Uni. „Ich versuche täglich, die Tschechen und die Deutschen näher zueinander zu bringen – vom Kindergartenalter bis zum Hochschulstudium.“

Die gegenseitigen Verletzungen seit 1938 seien in Deutschland und in Tschechien ja nicht vergessen, vieles werde erst jetzt aufgearbeitet: „Ich denke, dass unsere Kinder und die jungen Leute von heute das anders erleben sollten, und dass die Oberpfalz von einem Miteinander mit dem Nachbarland nur profitieren kann.“

Welten liegen heute nicht mehr zwischen den Ländern. Trotzdem sei der frühere Eiserne Vorhang aber noch in vielen Köpfen, meint Günter: „Für viele Menschen ist unser Nachbarland Tschechien viel weiter weg als Italien oder Frankreich. Aber das ändert sich langsam. In zehn bis 20 Jahren werden Deutschland und Tschechien viel stärker zusammengewachsen sein. Die Zusammenarbeit, die es heute schon im Bereich der Vereine oder der Städtepartnerschaften gibt, sind Steine, die ins Wasser geworfen werden. Und sie ziehen immer weitere Kreise.“

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