MyMz

Erfahrungsbericht

Wollen Sie Tschechisch sprechen?

Unser Autor erzählt vom Lernen der tschechischen Sprache und Professor Marek Nekula bestätigt: Es ist gar nicht so schwer.
Von Harald Raab, MZ

„Wer Wurscht sagen kann, kommt auch mit dem rsch im Tschechischen zurecht“, ermuntert Professor Marek Nekula. Foto: dpa

REGENSBURG. Wer lernfaul und obendrein kundig ist, hat eine simple Ausrede, warum er die Sprache unserer tschechischen Nachbarn nicht lernen könne. Er zitiert einen Satz, der ganz ohne Vokale auskommt: „Strc prst skrz krk.“ Zu Deutsch: „Steck den Finger durch den Hals.“ Das macht zwar wenig Sinn. Mit etwas Übung kann man die Aussprache dennoch bewältigen. Denn das Tschechische spricht man, wie man es schreibt – mit einigen Ausnahmen, versteht sich. Deshalb haben die Tschechen auch 31Buchstaben statt der 26 im Deutschen. CH gilt als eigener Buchstabe sowie mit einem Häkchen, dem hácek, versehen C, R, S und Z. Dieses umgekehrte Dacherl ist in der MZ-Schrifttype nur beim š und ž möglich.

Ich wollte es mit meinen nicht mehr ganz jungen Jahren wissen, wie das mit dem Tschechischlernen ist. Schließlich will man in Prag nicht nur sein Bier, pivo, und Lendenbraten mit böhmischem Knödel, svícková s knedlíkem, bestellen können. Auch, wenn in einem Restaurant, restaurace, eine mehrsprachige Speisekarte, lístek, vorhanden ist. Man will ja mit Tschechen ins Gespräch kommen und einfache Texte lesen können.

Der Kurs macht „Iiibungen“

Zwar kam meine Großmutter aus einer tschechischen Familie – sie war sogar Lehrerin der „böhmischen Sprache“, wie das in der österreichischen Monarchie hieß. Aber man hat es versäumt, mich mit dieser Sprache unserer Heimat vertraut zu machen. Jetzt hole ich es im dritten Jahr in einem Volkshochschulkurs nach.

Zwölf Teilnehmer waren wir zu Beginn. Jetzt sind wir noch drei. Hana aus Pilsen ist unsere Lehrerin. Geduldig führt sie uns einmal zwei Stunden pro Woche durch die Fährnisse der tschechischen Grammatik. In ihrem perfekten Deutsch mit böhmischer Färbung legt sie die Betonung auf die erste Silbe eines Wortes und weist uns damit den Weg, es im Tschechischen ebenso zu tun. Denn ein Akzent, ein cárka, auf einem Vokal heißt nämlich nicht, dass er betont wird, sondern, dass er gedehnt wiederzugeben ist.

Mit dem Umlaut Ü hat Hana so ihre Schwierigkeiten. So machen wir mit ihr halt fleißig „Iiibungen“. Dafür sieht sie uns nach, dass uns nicht so leicht die Aussprache des R mit hácek gelingen will, nämlich ein rollendes R mit einem gleichzeitigen Sch. C mit hácek ist ein Tsch und E mit hácek ein Je. Dass die Tschechen ohne bestimmte und unbestimmte Artikel auskommen, nimmt man erleichtert zur Kenntnis. Dass eine Frau Meier eine paní Meierova ist, also die Frau, die zum Herrn Meier gehört, das ist halt so, wenn auch wenig emanzipiert. Das alles sind Peanuts und man hat derlei sprachliche Besonderheiten des Tschechischen rasch drauf.

Schwieriger wird es beim Substantiv. Es gibt nicht nur die drei Geschlechter, männlich, weiblich, sächlich, sondern noch beim Maskulinum die Unterscheidung zwischen unbelebt und belebt. Außerdem teilt man Hauptwörter in harte und weiche ein. Der Teufel steckt in den Endungen, in denen die sieben Fälle zum Ausdruck kommen. Sieben und nicht vier wie im Deutschen. Es gibt noch den Vokativ der einen Herrn, pán, den man anspricht, zum pane macht, dann den Präpositiv, der auf die Fragen wo/worüber Auskunft gibt und schließlich den 7. Fall, den Instrumentalis, der uns über das Wo, das Womit und das Mit-wem in Kenntnis setzt.

Der Aspekt macht Kopfzerbrechen

Bei den Verben sieht es zuerst einfach aus. Es gibt nur die drei Zeiten, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, aber je nach Endung drei unterschiedliche Konjunktionen – und dazu natürlich eine ganze Reihe unregelmäßige Verben. Aber erst so recht zum Stöhnen sind wir gekommen, als wir mit dem in slawischen Sprachen üblichen Aspekt konfrontiert wurden. Das heißt, fast jedes Verb tritt als Aspektpaar auf, imperfektiv, wenn es sich um eine wiederholte Handlung handelt und perfektiv, wenn die Tätigkeit einmalig ist. Beispiel: Wenn ich etwas immer wieder kaufe, dann muss ich das Verb kupovat verwenden, wenn ich es einmal tun will, ist koupit richtig und nur futurisch zu gebrauchen.

Wenn dann noch bei Hörübungen Texte in einem relativ weichen und gleich bleibenden Tonfall vorgetragen werden, steigt man schnell aus, zumal einem vorkommt, dass die Tschechen viel schneller sprechen als wir.

Als älterer Mensch lernt man, in dem man an Bekanntem anknüpft. Mit dem tschechischen Wortschatz ist das so eine Sache. Die in der Umgangssprache weitverbreiteten Germanismen haben die tschechischen Spracherneuerer entfernt. So muss man fleißig Vokabeln pauken und das Regelwerk der tschechischen Grammatik dazu. Wenn wir klagen, ist die stereotype Antwort unserer Lehrerin: „Das müsst ihr halt auswendig lernen.“

Zu unserem Glück gibt es noch einige Lehnwörter aus dem Deutschen in der Hochsprache: taska ist unschwer als Tasche auszumachen, brýle als Brille, sunka als Schinken oder knoflík als Knopf. In der Umgangssprache ist die Flasche noch als flaska vorhanden, obwohl man sie gewählter als láhev bezeichnen müsste. Im übrigen ist der Worttransfer nicht einseitig: Die Pistole hat die tschechische pístola zum Urahn und der Roboter erklärt sich aus robota, der Fronarbeit.

„Ohne Arbeit gibt es keinen Kuchen“

Professor Marek Nekula, Leiter des Bohemicums an den Universitäten Regensburg und Passau, bedauert die Vorurteile, die es „leider auch in Bayern“ gegen das Erlernen der tschechischen Sprache gibt. „Tschechisch ist keine schwierige Sprache, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Das Problem ist, Tschechisch wird viel zu wenig in den Schulen gelehrt, in einem Alter, in dem der Erwerb einer Fremdsprache bedeutend leichter ist.“ Lobenswerte Ausnahmen seien die Realschulen der Oberpfalz. Da kümmere sich der Ministerialbeauftragte, Ludwig Meier, vorbildlich, dass Schüler im regulären Sprachunterricht Tschechisch lernen können.“

Zudem beweise das Bohemicum, dass Studenten in einem Jahr passable Tschechischkenntnisse erwerben können. Wichtig sei jedoch, den gesteuerten Spracherwerb mit Kommunikationserfahrungen in Tschechien zu verbinden. Mit Intensivkursen im Land und entsprechenden Exkursionen sei man nach einem Jahr in der Lage, fließend Tschechisch zu sprechen. Vorteilhaft sei es auch, sich einen Konversationspartner zu suchen, um möglichst viel Praxis zu haben.

„Wer Wurscht sagen kann, kommt auch mit dem rsch im Tschechischen zurecht“, ermuntert Nekula. Ausspracheschwierigkeiten müssten keinen abhalten, gleichermaßen nicht die Grammatik. Einige ihrer Teile seien schwieriger, andere dagegen leichter als im Deutschen. „Wir haben ein absolut simples Konjugationssystem, auch wenn es den Aspekt gibt.“

Dass es gerade in Bayern von Vorteil sein kann, Tschechisch zu lernen, stellen die Absolventen des Bohemicums unter Beweis. Nekula: „Mit guten Tschechischkenntnissen haben junge Leute erweiterte Karrieremöglichkeiten. Sie können nach Tschechien gehen und dort qualifizierte Stellen annehmen, bei denen deutsche und tschechische Sprachkenntnisse erforderlich sind.“ Nicht zuletzt könne Tschechisch als Brückensprache zu den anderen slawischen sprachen genutzt werden, Russisch etwa oder Polnisch, zum Slowakischen sowieso.

Ob als Schüler, Student oder Oldie in der Vhs: Es gilt die tschechische Spruchweisheit für das Erlernen aller Sprachen: „Bez práce nejsou koláce.“ Ist ja auch ein deutsches Tugendspruch: Ohne Fleiß kein Preis. Die Tschechen sagen es nur bildkräftiger: Ohne Arbeit gibt es keinen Kuchen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht