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Unglück

Tschernobyl – der Weg in die Dunkelheit


Von Till Mayer, MZ

  • Mittendrin in der tödlichen Strahlung: Eine Bergungsmannschaft im geborstenen Reaktor von Tschernobyl 1986 während einer Nachtschicht. Foto: dpa
  • Petro Wretsch und seine Frau Sofia: „Nimm mich nicht in den Arm, küss mich nicht“, das waren die ersten Worte, welche die gelernte Krankenschwester hörte, als sie ihren Mann nach dem Einsatz wiedersah.
  • Igor Walko vor dem Tschnernobyl-Denkmal in seiner Heimatstadt Lviv. Er musste Jahre dafür kämpfen, dass die gesundheitlichen Folgen seines Einsatzes anerkannt wurden. Fotos: Till Mayer

Der Mann steht im Türrahmen, Sofia Wretsch würde am liebsten auf ihn zufliegen. Ihr Petro wendet sich ab. „Nicht“, sagt er, „nimm mich nicht in den Arm. Küss mich nicht“. Dann verschwindet er im Bad. Sofia Wretsch bleibt stehen, völlig erstarrt. Sie hört das Wasser laufen, hört, wie ihr Mann sich den ganzen Körper mit Seife abschrubbt. Wieder und wieder. Dann kommt er aus der Türe, die verdreckte Uniform in den Händen, packt sie in eine Tüte und verbrennt sie vor dem Wohnblock.

Einen Monat nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl kehrt Petro Wretsch von seinem Einsatz als Liquidator in seine Heimatstadt Lviv (Lemberg) zurück. Später wird er dafür wie die anderen Helfer Medaillen bekommen. An dem Tag, als er seine Frau nach dem Unglück zum ersten Mal wiedersieht, beginnt er seine Sehkraft bereits zu verlieren. Wie andere Liquidatoren der ersten Stunden.

Petro Wretsch sieht heute seine Frau nur noch durch einen grauen Schleier, der Jahr für Jahr undurchlässiger wird: „Als ich ihr nach dem Einsatz wieder gegenüberstand, da hab ich meine Sofia noch einmal klar gesehen. Für einen kurzen Augenblick.“ Er hält das bis heute für sein kleines persönliches Wunder. Ein kleiner Lichtblick, denn mit der Reaktorkatastrophe kam für ihn die Dunkelheit.

Junge Stadt, junge Bewohner

Der 26. April 1986 ist für die Wretschs ein Schicksalstag. Bereits am Tag nach der Reaktorkatastrophe ist Petro Wretsch in Prypjat im Einsatz. Fast 50.000 Menschen leben dort. Eine junge Stadt in Sichtweite zum Kernkraftwerk, erst 1970 gegründet. Mit jungen Bewohnern: im Durchschnitt 26 Jahre alt. Petro Wretsch ist Lasterfahrer bei einer Kraftfahr-Einheit der Nationalgarde, die in Lviv (Lemberg) stationiert ist. An seinem SIL 131 kennt er jede Schraube. Oft genug hat er das olivgrüne Ungetüm reparieren müssen. In Manövern hat er sich mit dem Mehrtonner durch den Schlamm gequält. Bereit für den militärischen Ernstfall.

Auf einen Einsatz, wie er am 27. April 1986 kommt, hatte ihn niemand vorbereitet. Er lenkt seinen SIL 131 durch eine sozialistische Musterstadt mit großem Schwimmbad, einem gerade fertiggestellten Vergnügungspark und vor allem Wohnblocks, die sich an schnurgeraden Straßen aneinanderreihen.

Prypjat gilt bis zum Unglückstag 1986 als eine Stadt mit hoher Lebensqualität, mit mehr Annehmlichkeiten als in anderen Sowjetstädten. Jetzt reihen sich fast 1200 Busse auf den Hauptverkehrsadern, rollen wie am Band gezogen über den mehrspurigen Asphalt. Sie sollen die Bewohner aus der Stadt schaffen.

Wie Perlen an einer Kette müssen die Busse gewirkt haben. Kilometerlang stehen sie Stoßstange an Stoßstange. Doch Petro Wretsch ist nicht nach schmucken Vergleichen zumute. „Meinem Mann war schnell klar, dass etwas Unglaubliches passiert ist. Irgendwo hat er dann die Möglichkeit gefunden, sich in einer Pause zu einem Telefon zu schleichen. ,Bleib möglichst immer im Haus, es ist etwas Schreckliches passiert’. Mehr konnte er nicht sagen“, erzählt Sofia Wretsch.

Lange Sätze fallen ihm schwer

Heute, im Jahr 2013, muss sie oft für ihren Mann sprechen. Petro Wretsch fällt es schwer, lange Sätze zu bilden, sich zu konzentrieren. Als müsste er sich dafür entschuldigen, blickt er seinen Gesprächspartner an. Mit seinen hellen blauen Augen, die kaum noch zu sehen vermögen. Die Decke fällt flach auf das Sofa, wo sein rechtes Bein sein müsste. „Die Folge der Diabetes“, sagt seine Frau. Aber sie ist sich sicher, auch das muss eine Folge von Tschernobyl sein. „Dieser eine Monat in Tschernobyl hat die Lebenskraft aus meinem Petro gezogen. Er war danach ein anderer Mensch“, sagt sie.

Nach der Evakuierung kam für Petro Wretsch die Angst. Seine Einheit blieb in der 30-Kilometer-Zone rund um Tschernobyl. „Es ging darum, in der Stadt nach Eindringlingen zu suchen. Niemanden in die Zone zu lassen“, sagt der 63-Jährige. So geht Rotarmist Wretsch 1986 auf Patrouille durch eine Stadt, die sich in wenigen Stunden völlig entvölkert hat. „Mir hat er immer erzählt, wie bedrückend es für ihn war. Die Stille, die absolute Leere. Zuvor hatte er all die Menschen gesehen, die ihr Heim für immer verloren haben“, berichtet seine Frau. Petro Wretsch nickt schwach. Das Gespräch strengt ihn an, er braucht Ruhe.

Seiner Frau kommen die Tränen, als sie in der benachbarten Küche ihre Geschichte erzählt. Davon, wie sie nach dem Anruf ihre Mannes so viele Menschen wie möglich warnen wollte. Wie sie fassungslos ist, als in Lviv und überall in der Ukraine und Weißrussland die Menschen zu den 1. Mai-Veranstaltungen strömen. „All die Kinder in ihren kurzen Sommersachen. Was für ein Wahnsinn. Da werde ich heute noch wütend“, meint Sofia Wretsch.

In Deutschland beginnt man den Sand in Kinderspielplätzen zu wechseln. Doch in Lviv verstehen viele den Ernst der Lage nicht.

Als es in Fukushima zum GAU kommt, weint Frau Wretsch und ist froh, dass ihrem fast blinden Mann altbekannte Bilder erspart bleiben. In den ukrainischen Medien spielt das japanische Reaktorunglück bei weitem nicht die Rolle wie in Deutschland. „Die Menschen in unserem Land sind gleichgültig geworden. Wer denkt noch an die Folgen, die die Katastrophe von 1986 heute hat? Und die Liquidatoren, die ihre Gesundheit, oft ihr Leben opferten, sie geraten in Vergessenheit“, meint sie leise: „Michael Turtschak, Vitaly Titschenko und all die anderen Kameraden meines Mannes, die schon gestorben sind. Wer denkt noch an sie?“

Als sie hört, dass in Deutschland die Atomkraftwerke Schritt für Schritt stillgelegt werden, lächelt sie. „So etwas ist schön.“ Doch sie hat andere Sorgen zu bewältigen. Die pensionierte Krankenschwester muss ihren Mann pflegen. 110 Euro Rente bekommt sie, 280 Euro Armee-Rente ihr Mann. Sie hätten auch eine Rente für die Strahlenopfer beantragen können. Doch die ist komplizierter zu erhalten, und vermutlich würde es sogar weniger Geld geben. „Wenn uns unsere Tochter und ihr Mann nicht unterstützen würden, könnten wir mit unserem Geld kaum die Medikamente für meinen Mann bezahlen“, erklärt die ehemalige Krankenschwester. Zu sechst lebt das Seniorenpaar mit Tochter, Schwiegersohn und Enkeln in einer Dreizimmerwohnung in einem Block in den Außenbezirken von Lviv.

Zwei, drei Blocks entfernt steht das Ehrenmal für die Opfer und Helfer der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. In der Innenstadt werden in besserer Lage andere geehrt. Dichter und umstrittene Figuren wie Nationalistenführer Stephan Bandera....

Demütigende Bürokratie

Am Tschernobyl-Denkmal wartet Igor Walko. Keine 20 Jahre war er alt, als er als Wehrdienstleister vom 6.August bis 26. Oktober in Tschernobyl zum Einsatz kam. Er wirkt ein wenig klein vor dem gewaltigen und ehernen Liquidator, der in den Himmel ragt.

„Meistens war ich in der Zone zwischen zehn und 20 Kilometer vom Reaktor entfernt. Doch acht Mal kam ich bis zu 40-50 Meter an die Unglücksstelle heran“, berichtet er.

Auch er war meist zu Fahrdiensten eingeteilt. Irgendwann sah er, dass viele Kiefern braune Nadeln bekamen. „Aber keiner von uns Jungs hat sich so richtig Gedanken gemacht“, berichtet Igor Walko.

Als er kurz nach seinem Einsatz auf Folgeschäden durch das Unglück untersucht wird, erleidet er einen allergischen Schock, als ihm eine Spritze verabreicht wird. „Ich wäre damals fast gestorben. Ich hatte nie eine Allergie gegen Medikamente. Plötzlich, nach Tschernobyl, war das anders. Wäre heute eine Operation notwendig, würde das meinen Tod bedeuten. Ich könnte keinerlei Medikamente oder Spritzen erhalten“, sagt der 47-Jährige.

Nach der Untersuchung wurde ihm trotzdem der Status als Strahlenbetroffener nicht zuerkannt. Erst 1992 erhält er monatlich einen kleinen Betrag als „Hilfe für die Verbesserung der Gesundheit“. 2000 wird er wieder aberkannt.

Igor Walko flucht zuerst: „Ich war so wütend.“ Dann kämpft er gegen die Behörden. Immer neue Papiere soll er heranschaffen. Erst 2009 hat er die ukrainische Bürokratie besiegt: „Es war eine demütigende Prozedur. Wenn ich daran denke, wie vielen anderen ehemaligen Liquidatoren es vermutlich genauso ergeht....“

15 Euro erhält der Automechaniker jetzt monatlich vom Staat. „Die Angst, dass mir Tschernobyl noch das Leben kostet, ist geblieben. Aufgrund meiner Allergie habe ich gelernt, jeden Tag als einen geschenkten Tag zu begrüßen. Dankbar zu sein, dass es meiner Gesundheit bessergeht als es bei so vielen anderen Kameraden der Fall ist.“

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