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Zeugnisse der Kriegsjahre

Leser haben Bilder, Postkarten und Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern mit der MZ geteilt. Es sind kleine Schätze darunter.
Von Christine Strasser, MZ

Regensburg.Jahrelang hatte niemand mehr durch die Bücher und Fotoalben geblättert. Die Urkunden blieben unbeachtet, die Schachtel mit dem Verdienstkreuz darin verschlossen. „Das interessiert doch niemanden mehr“, hätten viele Verwandte und Freunde zu ihr gesagt, erzählt Christa Gebert. Wegwerfen wollte die Wackersdorferin das alles dennoch nicht. Zu viele Erinnerungen an ihren Vater hängen daran. Als die MZ im Verlauf ihrer Serie über den Ersten Weltkrieg ihre Leser bat, der Redaktion Briefe, Fotos und andere Erinnerungsstücke zu zeigen, meldete sich Gebert sofort. „Jetzt kann ich sagen, doch seht her, es interessiert sich jemand dafür“, freut sich Gebert.

Weihnachten an der Front

Das Fotoalbum des Unteroffiziers Josef Zierl ist ein kleiner Schatz. Zwischen den zwei unauffälligen Pappdeckeln hat Hierl seine Eindrücke vom Ersten Weltkrieg festgehalten. Zierl war an der Westfront in Frankreich. Er hatte seine eigene Kamera dabei und hielt fest, was er erlebte: die Kriegsweihnacht im Unterstand, den Besuch des preußischen Kronprinzen Rupprecht oder die Schrecken nach einer Schlacht.

Einige Bilder sind grauenvoll, Leichen mit zerschmetterten Gesichtern und abgerissenen Gliedmaßen sind darauf zu sehen. Auf einem anderen steht Zierl im Schlamm eines Schützengrabens. Auch die Kriegschronik ihres Vaters hat Christa Gebert aufbewahrt. Dort ist nachzulesen, dass Josef Zierl bei Ausbruch des Krieges am 4.August 1914 einrückte und sofort ins Feld zog. Über den Krieg habe ihr Vater nicht gerne gesprochen, erinnert sich Gebert. „Wahrscheinlich weil es so schlimm war“, deutet sie sein Schweigen. Sie als Nesthäkchen der Familie habe immerhin die blaue Schachtel mit dem „Militär-Verdienstkreuz 3. Klasse mit der Krone und mit Schwertern“ öffnen dürfen. „Als Kind hat mich das Kreuz geradezu fasziniert“, sagt Gebert. Noch heute ist sie gerührt, wenn sie das Kreuz betrachtet, weil es sie an ihren Vater erinnert. Auch die Verleihungsurkunde hat sie aufbewahrt.

Nur von einem Ereignis aus dem Krieg hat Josef Zierl immer wieder erzählt: der Eisenbahnkatastrophe Nannhofen am 18. April 1917. Zierl war auf dem Weg nach Hause, als auf der Fahrt von Augsburg nach München zwei Züge zusammenstießen. Anscheinend hatte ein Lokführer ein Haltesignal übersehen. Ein Waggon schob sich bis zur Hälfte in einen Personenwagen auf dem mit Kreide „Militär“ geschrieben war. 21Reisende, darunter 16 Soldaten, wurden sofort getötet. So steht es im Bericht der Eisenbahndirektion Augsburg. Josef Zierl wurde schwer verwundet. Mit Quetschungen an Bauch und Becken kam er ins Lazarett. Am 5.Dezember 1917 wurde Zierl aus dem Waffendienst zurückgestellt und entlassen. Christa Gebert weiß noch, dass ihr Vater immer erzählt hat, dass er der einzige Überlebende aus seinem Waggon war.

Ob der Soldat, der seiner Mutter, „der Bäuerin“, im August 1916 eine Feldpostkarte aus dem französischen Givenchy schickte, überlebt hat, weiß Johann Dummer aus Samberg nicht. Auf dem Bild ist eine Gruppe Soldaten zu sehen, die vor einem vollends zerstörten Haus steht. Ein Soldat hat seinen Rucksack geschultert und läuft in eine nicht näher zu bestimmende Landschaft davon. Givenchy liegt in der Nähe der Stadt Arras in der Region Nord-Pas-de-Calais, unweit zu Flandern. In dieser Gegend tobte 1917 die „Frühjahrsschlacht bei Arras“. Der Schreiber erinnert sich an die Arbeit auf dem Hof der Dummers und fragt, wie es dem Bauern geht. Und er gratuliert zum Namenstag. Dummer vermutet, dass der Mann ein Knecht war.

Ein hochrangiger Vorfahr

Die Familie von Wolfgang von Seiche stammt aus Österreich-Ungarn. Von Seiche betreibt Ahnenforschung. Er hat herausgefunden, dass die Schwester seiner Urgroßmutter mit Leon Ritter von Bilinski verheiratet war. Bilinski war in der Donaumonarchie ein hochrangiger Politiker. Stolz bewahrt von Seiche einen handschriftlichen Brief auf, den Kaiser Franz Josef an Ritter von Bilinski geschrieben hat. Von 1912 bis 1915 war Bilinski Finanzminister des k. u. k. Reichs. Der österreichische Autor Hellmut Andics geht in seinem Buch „Der Untergang der Donaumonarchie“ auf Bilinski ein. Andics schreibt von einem Besuch des serbischen Gesandten Joca Jovanovic beim Reichsminister Bilinski. Schon bald darauf hieß es, Jovanovic habe vor einem Attenat in Sarajevo gewarnt.

Der Besuchstag war Andic zufolge entweder der 4. oder der 5. Juni 1914. Jovanovic soll häufig in das gemeinsame österreichisch-ungarische Finanzministerium gekommen sein. Er war für die Verwaltung von Bosnien und der Herzegowina zuständig, und Jovanovic besprach mit Bilinski Wirtschaftsfragen der Grenzgebiete.

Warnung vor dem Attentat

Beide Männer sollen eine gemeinsame Abneigung geteilt haben: die gegen den Außenminister Graf Berchtold. Oft genug erörterten sie ressortwidrig die österreichisch-ungarische Balkanpolitik. Anfang Juni jedenfalls soll Jovanvic gegenüber dem Finanzminister seine Besorgnisse über den bevorstehenden Thronfolger-Besuch geäußert haben. Die Rede war von eventuellen Unmutsäußerungen der nationalen bosnischen Jugend die Rede. Und es war auch die Rede davon, dass ein bosnischer Soldat statt Manövermunition eine scharfe Patrone laden und in die umgekehrte Richtung schießen könnte. Die Warnung war gewunden und noch dazu inoffiziell. Bilinski soll den Außenminister brieflich über das Gespräch informiert haben. Eine Reaktion erfolgte nicht. Zum Kaiser ging Bilinski nicht. Später wurde ihm das angekreidet. Von Seiche würde gerne mehr über diesen Vorgang in Erfahrung bringen. Aber die Quellenlage ist dünn. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird von Seiche noch lange beschäftigen.

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