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Asyl

„Lieber bin ich hier tot als dort lebendig“

Maria ist zweimal aus Serbien geflüchtet: erst vor dem Elend im Roma-Viertel, dann vor ihrem Mann. In Regensburg hätte sie ihre Angst fast umgebracht.
von Sebastian Heinrich, MZ

  • Alle Besitztümer auf 9,3 Quadratmeter: Maria Banovic in ihrem Zimmer in der Regensburger Asylbewerberunterkunft GrunewaldstraßeFoto: Gabi Schönberger
  • Maria Banovic vor der Asylbewerberunterkunft Foto: Gabi Schönberger
  • Verbindung zu draußen: Die Briefkästen in der Unterkunft Grunewaldstraße Foto: Gabi Schönberger
  • Eine der Etagenküchen.Foto: Gabi Schönberger

Regensburg.Wenn die Angst ihr die Kehle zuschnürt, geht Maria los. Panisch steht sie auf, geht aus der Tür hinaus. Sie stapft den Gang entlang, vorbei an den weißen Türen. Die Tabletten sind ihr wieder in den Sinn gekommen. Das Lächeln ihres Mannes. Und der Schmerz. Spazierengehen, das hat ihr ihre Therapeutin für solche Monmente ans Herz gelegt.

Maria geht hinunter durch das Treppenhaus mit den weißen Wände mit schwarzen Schmutzspuren und Bleistiftgekritzel – raus an die Luft, in eine Welt, in der sie niemanden kennt: Regensburg. Stundenlang spaziert sie durch die Stadt, kilometerweit, von ihrem Zimmer weit im Stadtosten bis zum Hauptbahnhof und zurück. Bis die Gedanken weg sind.

Verkauft wegen 13 000 Euro

Maria Banovic (Name geändert) lebt in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Grunewaldstraße in Regensburg. 46 Jahre alt ist sie, zierlich, gepflegt, schwarze, lange Haare und schwarze Augen, die nach unten blicken, wenn sie von sich erzählt. Seit September 2012 lebt Maria hier. Ihre Heimat ist Nis, drittgrößte Stadt Serbiens, 250 Kilometer südöstlich von Belgrad. Maria ist Romni, weibliche Angehörige des Volks der Roma.

Es ist das zweite Mal, dass Maria in Ostbayern wohnt. Sie beginnt zu erzählen, wovor sie diesmal geflohen ist, dann stockt sie. „Ich kann das nicht sagen“, meint sie, dreht den Kopf nach rechts, schaut ins Leere.

Vor Wochen hat sie es zu Protokoll gegeben: Eines Tages seien Männer in ihre Wohnung gestürmt. Sie hätten 13 000 Euro von Marias Mann gewollt, die er sich geliehen und verprasst hatte. In sieben Tagen würden sie Maria holen, sie würde „blutig bezahlen“. „Das ist nicht mein Problem“, soll Marias Mann gesagt haben. Er lächelte. Die Zuhälter gingen wieder.

Ein paar Tage später, es war im September 2012, stieg Maria mit Demir, dem jüngeren ihrer zwei Söhne, in den Kleinbus eines Nachbarn. 28 Stunden später und 1800 Kilometer weiter nordwestlich stiegen sie in Mönchengladbach aus. Dort holte sie ein Freund von Marias Cousin ab. Maria und ihr Sohn übernachteten bei ihm. Maria beantragte Asyl in Düsseldorf, dort schickte die Behörde sie nach Bayern. 2011 hatte sie schon dort gelebt.

Damals war sie vor dem Elend geflohen. In Nis wohnte Maria mit ihrer Familie in einer einfachen Mietwohnung. Zwei-Zimmer-Küche-Bad im Roma-Viertel „Stocni Trg“. 120 Euro im Monat hatte sie, um sich, ihren Mann und ihre Söhne Demir und Dema durchzubringen. Strom und Wasser kosteten bis zu 80 Euro, oft wurde ihnen beides abgedreht. Zum Heizen sammelten sie Holz in den Parks rund um das Haus. Aber warm war es im Winter selten.

„Aha, ein Roma-Name“

Immer wieder erfuhr Maria im Fernsehen von freien Jobs, immer wieder bewarb sie sich. Im Arbeitsamt wurde sie manchmal freundlich empfangen, es wurden ihr Jobs in Aussicht gestellt – bis sie ihren Personalausweis vorzeigte. Aha, ein Roma-Name. Ihr Mann fand einmal Arbeit bei der Müllabfuhr, ihre Söhne sammelten Altpapier in den Straßen, für ein paar Euro am Tag. Dema, der ältere Sohn, schuftete einmal den ganzen Tag auf dem Bau, doch sein Chef verweigerte ihm den Lohn. Maria putzte das Treppenhaus in einem Mietshaus – die Leute schmissen ihr Tierkadaver und Kot vor die Füße. Die Zigeunerin macht ja alles weg. Maria sagte nichts. Doch sie beschloss, ihr Glück in Deutschland zu versuchen. In einem Land, in dem so viele Türken, Asiaten, Afrikaner leben, würde auch sie ihre Chance bekommen, dachte sie.

2011 war Maria noch mit ihren beiden Söhnen losgefahren: Mit Demir und Dema hatte sie in der berüchtigten Flüchtlingsunterkunft im mittelfränkischen Zirndorf gelebt, dann in Wörth an der Donau. Nach sechs Monaten kehrte Maria nach Serbien zurück. Ihre Schwiegermutter war krank geworden. Als sie nach Hause kam, sagt sie, hatte sich ihr Mann „hundert Prozent“ verändert. Er prügelte auf sie ein, vergewaltigte sie, schlug ihr bei einem Streit zwei Zähne am Oberkiefer aus. Dann verkaufte er sie.

„Ich war dumm damals“, meint Maria heute. Dann schaut sie wieder ins Leere und sagt: „Lieber bin ich tot in Deutschland als lebendig in Serbien.“

Im Herbst 2012 kam sie, nur mit Demir, schließlich nach Regensburg. Erst verbrachten sie eine Nacht in der Unterkunft in der Landshuter Straße, dann kamen sie in ein Doppelzimmer in der Grunewaldstraße.

Marias Alltag: Aufstehen, Kaffeetrinken, putzen. Vielleicht kochen, fernsehen, ein Plausch mit Nachbarn. Und warten auf Neuigkeiten zu ihrem Asylantrag. Im Dezember ging Demir zurück nach Serbien. Er kam seiner Abschiebung zuvor.

Die Gedanken in Marias Kopf wurden dunkler: Das Gefühl, selbst schuld zu sein an ihrer Lage. Die Schande, als Romni geschieden zu sein, alleine in einem fremden Land zu leben. Und über allem die Angst. Vor der Abschiebung, vor der Gefahr in Serbien, die sie nicht aussprechen mag. Die Angst trieb sie dazu, „die Tabletten zu nehmen“, wie sie sagt. Zweimal.

Mittlerweile ist Maria im Bezirksklinikum in Behandlung. Eine posttraumatische Belastungsstörung haben ihr die Psychiater diagnostiziert. Sie kann dieses Wortungetüm kaum aussprechen.

Sie lächelt, wenn sie von ihrer Therapeutin spricht, die versucht, ihr die Schuldgefühle auszureden. „Deine Söhne brauchen dich“, sagt sie ihr immer wieder.

Hab und Gut in zwei Schränken

Heute ist Maria nur kurz spazieren gegangen. Sie steht schon wieder vor ihrer Zimmertür. Sie sperrt auf, tritt ein. Es ist wohlig warm, die Luft riecht nach kaltem Rauch. Auf diesen 9,3 Quadratmetern hat alles Platz, was sie besitzt. Im schmalen Kleiderschrank an der Wand ihre Kleider, in der Kommode unter dem Fernseher ihr Geschirr. Den Tisch und das Schlafsofa hat sie vom Sperrmüll.

Manchmal, wenn sie hier spätabends auf dem Sofa liegt und mit sich alleine ist, geht ihr ein Wunsch durch den Kopf: Dass alles gut wird. Dass sie hier in Deutschland bleiben kann, einen Job findet – „ich bin Hausfrau, ich kann alles putzen, auch Klos im Bahnhof“ – und eine kleine Wohnung, am besten mit ihren Söhnen. „Das ist mein Traum.“ Ein Leben ohne Angst. Wenn sie das haben kann, ist sie sicher, verschwinden ihre psychischen Probleme.

Auf das Sozialamt will sie verzichten. „Ich will kein Parassit sein“, sagt Maria und schlägt mit der rechten Handkante auf die linke Handfläche. Sie hat sich für Deutschland entschieden. Ob das Land Menschen wie sie will, ist eine andere Frage. Einmal, erzählt Maria, sei sie im „Strohhalm“ gewesen, dem Anlaufpunkt für Menschen in Not in Regensburg. Sie habe mit einer Bekannten nach Kleidern gefragt. Die Frau dort habe die Nase gerümpft. „Sie stinken nach Alkohol“, habe sie gesagt und „Ich weiß ja, sie sind Asylbewerber.“

Flüchtlingsforum plant Petition

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat Marias Antrag abgelehnt, jetzt muss das Verwaltungsgericht entscheiden. Dem Regensburger Flüchtlingsforum ist bisher kein einziger Fall bekannt, in dem ein Roma aus Serbien Asyl erhalten hat. Dessen Vorsitzende Marion Puhle hat Marias Fall derart beeindruckt, dass sie notfalls eine Petition im Landtag einreichen will, um sie vor der Rückkehr nach Serbien zu bewahren.

Maria geht wieder aus ihrem Zimmer. Ein Dutzend Schritte durch den Gang, dann links: die Etagenküche. Weiße, saubere Kacheln an den Wänden, weiße Fliesen am Boden, Hinten rechts drei Edelstahlspülen, die seltsam in der Luft zu hängen scheinen. Links, auf dem Herd, ein kleiner Topf, aus dem Dampf steigt. Drei Putzlumpen brodeln darin.

Manchmal, wenn die Essenspakate und die 137 Eur0 monatliches Taschengeld es hergeben, kocht Maria hier: mit Reis und Rinderhack gefüllte Paprika, Moussaka, Hähnchen-Gulasch. „Unsere Roma-Küche“, sagt sie, „wie in Serbien“. Dann grinst sie kurz. So, dass ihre Oberlippe kurz die Zahnlücke offenbart.

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