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Asyl

Minderjährige allein auf der Flucht

Der 17-jährige Sayed ist aus Afghanistan geflüchtet. Er ist einer von Tausenden minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Familie ihre Heimat verlassen.

Der 17-jährige Sayed ist von Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Foto: dpa

Stuttgart.Nachts kommt Sayed Dauod Qaderi nicht zur Ruhe. Die Gedanken an seine Familie rauben dem 17-Jährigen den Schlaf. Gedanken an seine Mutter, seinen Vater, seine Schwestern. Der Jugendliche hat sie zurückgelassen, als er aus Afghanistan geflüchtet ist. „Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, ob sie noch leben“, sagt Sayed. „Ich wache immer auf.“ Nacht für Nacht. Bis nach Stuttgart ist er gekommen, dort lebt er nun in Obhut des Jugendamts.

Eine Narbe am Oberarm erinnert ihn ständig an den Grund für die Flucht. Ein Trupp Unbekannter wollte, dass Sayed im Dorf Zettel verteilt. Mehr möchte Sayed dazu nicht sagen. Nur so viel: Als er sich weigerte, ritzten die Männer mit einem Messer das Warnsignal in seine Haut. „Da hat mein Vater gesagt: „Du kannst hier nicht bleiben“.“ Der organisiert mit einem Schwager auch den Ausweg. Beim Abschied hätte seine Familie viel geweint, erzählt Sayed.

Zu Fuß durch den Iran und die Türkei gekämpf

Von der Provinz Logar im Osten Afghanistans aus kämpft er sich zu Fuß durch den Iran und die Türkei, begleitet von 20 bis 25 Fremden. Immer wieder sind neue dabei. Mit gut zwei Dutzend Flüchtlingen setzt er in einem Boot nach Griechenland über. Hier hört er zum ersten Mal von Deutschland: „Dort ist es gut, die Kinder gehen alle zur Schule.“

In seiner Heimat habe es diese Möglichkeit nicht gegeben, sagt Sayed. Er habe nur einen Ingenieur gebeten, ihm ein paar Brocken Englisch beizubringen. „Das war sehr gefährlich, dass ich Englisch gelernt habe.“ An einer griechischen Tankstelle quetscht er sich mit ein paar Leuten in einen Transporter. Sayed kauert sich zusammen, um zu zeigen, wie eng es war. Nicht wissend, wohin die Reise führt.

Tatsächlich steigt er fast drei Monate nach seinem Aufbruch in Afghanistan irgendwo in Deutschland aus. Er fährt noch eine halbe Stunde Zug zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort holt er sich Hilfe bei der Polizei, die ihn dem Jugendamt übergibt.

Sayed zählt zu den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF), die Jugendämter in Obhut nehmen. 4800 Kinder und Jugendliche ohne mitgekommene Angehörige waren es im vergangenen Jahr, wie aus Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hervorgeht. 2011 zählte die Behörde noch 3500, 2008 sogar nur 1100.

Die Minderjährigen durchlaufen ein sogenanntes Clearingverfahren, bei dem ihr asyl- und ausländerrechtlicher Status geklärt werden soll. „Die Zwangsrekrutierung als Kindersoldat, Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, häusliche oder sexuelle Gewalt sind nur einige Ursachen, die als Fluchtgrund infrage kommen“, sagt BAMF-Präsident Manfred Schmidt. Die mit dem Verfahren betrauten Mitarbeiter verfügten über spezielle Kenntnisse, „um mit den Jugendlichen sensibel und einfühlsam umzugehen und damit dem Gedanken des Kindeswohls Rechnung zu tragen“. Rund 80 speziell geschulte Sonderbeauftragte sind im Einsatz.

Ungewiss, ob Sayed bleiben darf

Sayed war schon bei seiner Anhörung. Ob er bleiben kann, hängt davon ab, ob der Richter ihm seine Geschichte glaubt. Bis eine Entscheidung vorliegt, könne es zwei Jahre dauern, sagt Sayeds Betreuer Ali Zaidi. Der Sozialpädagoge kümmert sich um eine Gruppe UMF, hilft bei Problemen und Arztbesuchen, erklärt Verkehrsregeln und Mülltrennung. „Für die kommt ja alles auf einmal zusammen“, sagt Zaidi. Erst mit der Zeit komme Routine in den Alltag der Flüchtlinge.

Niels Espenhorst vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge sagt: „Gerade bei Minderjährigen sollte man am Anfang den Prozess entschleunigen, damit sie zur Ruhe kommen können.“ Oft müssten die Flüchtlinge schon kurz nach der Ankunft in Deutschland einen Asylantrag stellen. Eine Gefahr, dass die Geflohenen das deutsche Sozialsystem ausnutzen oder gar von terroristischen Gruppen nach Deutschland geschleust werden könnten, sieht er nicht: „Die Jugendlichen, die zu uns kommen aus Afghanistan, Somalia, Syrien, kommen nicht, um sich in die soziale Hängematte zu legen.“

Gut acht Monate ist Sayed nun in Stuttgart. Fünf davon lernte er zunächst in einem Sprachkurs Deutsch: vormittags Unterricht, nachmittags paukte er in der Stadtbibliothek. Seit September besucht er eine Schule, möchte den Hauptschulabschluss machen und danach eine Ausbildung. In welchem Beruf, das weiß der 17-Jährige noch nicht.

Statistisch stehen seine Chancen relativ schlecht: Laut BAMF lag die Schutzquote bei UMF aus Afghanistan im ersten Halbjahr 2013 bei 37 Prozent. Bei Minderjährigen aus Syrien hingegen wurde die Schutzbedürftigkeit bei fast allen Antragstellern festgestellt, bei solchen aus Somalia bei mehr als drei Viertel aller Anträge. Zum Vergleich: Bei UMF aus Pakistan liegt die Quote bei 13 Prozent.

Ein weiteres Problem der Behörden ist die Altersbestimmung. Wie Sayed kommen viele ohne Papiere. In Stuttgart prüfen drei nicht mit dem Fall betraute Mitarbeiter das Alter mit Hilfe einer Befragung, wie Waltraud Stuntebeck, Bereichsleiterin beim Jugendamt der Stadt, erklärt. Das Verfahren wird aber von Stadt zu Stadt unterschiedlich geregelt. Espenhorst sagt: „Es hängt immer von den Menschen ab, die das entscheiden.“ Auch in Stuttgart gebe es eine Prüfer-Gruppe, die das Alter der Flüchtlinge tendenziell eher hoch setze.

Amt bemüht sich um Praktika und Ausbildungsplätze

Afghanistan, Pakistan, Nordafrika und zuletzt immer häufiger Syrien seien die Hauptherkunftsorte der geflohenen Minderjährigen, sagt Stuntebeck. Im Schnitt kamen jüngsten Zahlen zufolge in diesem Jahr allein in Stuttgart zwei bis drei UMF pro Woche an. Gerade mit Blick auf die beschränkten Sprachkenntnisse der Flüchtlinge versucht das Amt, Praktika und Ausbildungsplätze etwa bei Bäckern zu besorgen. „Zum Glück machen da einige Betriebe mit“, sagt Stuntebeck.

Um die Freizeitgestaltung kümmern sich Betreuer wie Zaidi. In den Sommerferien hatte er unter anderem einen Besuch im Europa-Park und einen im Museum, ein Grillfest, einen Kletterausflug und eine Disco organisiert. Wer freiwillig mithilft, bekommt eine Bescheinigung. „Das kann beim Anerkennungsverfahren helfen“, erklärt Zaidi. Gleiches gelte für die Teilnahme beispielsweise bei Sportvereinen oder ehrenamtliches Engagement bei Kulturveranstaltungen.

Allerdings zeigt sich bei dem Ferienprogramm auch ein weiteres Hindernis: Anders als ältere Flüchtlinge in Baden-Württemberg, die sich im ganzen Land bewegen können, dürfen UMF die Stadt Stuttgart nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde verlassen. Das gilt selbst dann, wenn Begleiter vom Jugendamt dabei sind. „Das bedeutet für uns einen immensen bürokratischen Akt“, sagt Stuntebeck. Zeit und Arbeit, die sie gerne anders investieren würde – im Sinne der Flüchtlinge.

Sayed lebt sich langsam aber sicher in Deutschland ein. Was der gelbe Sack ist, weiß er inzwischen. Die deutsche Sprache beherrscht er gut genug, um sich zu verständigen. „Ich finde es schön hier“, sagt der 17-Jährige. Nur nachts, da kann er oft nicht schlafen. (dpa)

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