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Zufluchtsserie
Sonntag, 23. September 2018 24° 7

MZ-Serie

Mit roter Pappnase mitten im Elend

Miriam Brenner kann Fröhlichkeit verbreiten, sogar am Rande des Krieges. Als Clown „Falaaafel“ tritt sie in einem syrischen Flüchtlingslager auf.
Von Dagmar Unrecht, MZ

  • Als Clown „Falaaafel“ tritt Miriam Brenner in einem syrischen Flüchtlingslager, nahe der türkischen Grenzstadt Reyhanli, auf. Ihre Bühne ist ein Stück Sandboden.Foto: Thomas Victor

Regensburg.Lustig sieht sie aus mit ihrem rot-weiß geringelten Hut. Dazu pinkfarbene Strümpfe, einen roten Ballonrock und eine dicke Clownsnase. Die Luft ist heiß, es riecht nach Urin und Kot. Miriam Brenner nimmt den Gestank nicht wahr. Sie steht mit viel zu großen Schuhen im Sand und hat nur eines im Kopf: Den Menschen um sie herum ein paar fröhliche Momente schenken. Mitten in einem Flüchtlingslager im Norden Syriens, nahe der türkischen Grenzstadt Reyhanli. Lachnummern aus Deutschland gegen das Grauen des Krieges: Kann das funktionieren, noch dazu in einem arabischen Land?

Kulturelle Unterschiede

„Die Menschen können für kurze Zeit ihr Elend vergessen“, ist die Münchnerin überzeugt. Schon zweimal war sie mit ihrem Clownskollegen Heiko Mielke in dem syrischen Flüchtlingslager mit dem Namen „Atmeh - The Olive Tree Camp“, im Mai und im Oktober dieses Jahres. Organisiert werden die Reisen von dem Verein „Clowns ohne Grenzen“, den es seit gut sechs Jahren in Deutschland gibt. Geboren wurde die Idee in Spanien, mittlerweile zählen elf Nationen zu den „Clowns Without Borders“. Ihr Ziel: Krisen- und Kriegsgebiete. Ihre Hilfsmittel: Pappnase und Akkordeon.

Eine Bühne gibt es nicht, nur Staub. Die zwei Clowns, die sich hier „Falaaafel“ (frittiertes Gemüsebällchen) und „Fuuuhl“ (Bohne) nennen, suchen sich eine freie Fläche zwischen den Zelten und fangen einfach an, von staunenden Gesichtern umringt. „Wir bemühen uns, die kulturellen Grenzen zu beachten, und uns zum Beispiel als Mann und Frau so wenig wie möglich zu berühren“, erzählt Brenner. Beim Oktoberbesuch spielen sie ausgerechnet am wichtigsten religiösen Feiertag, dem Opferfest. „Auch wenn der Impuls groß ist, deinem Clownskollegen einen Tritt in den Hintern zu verpassen, wenn der sich bückt - auf solche Späßchen haben wir verzichtet.“ Die Übergabe eines Herzluftballons an die Clownsfrau wird deshalb „ohne große Romanze, ohne Augenklimpern und Flirterei“ gespielt. „Ich stehe einfach da wie ein braves Mädchen“, beschreibt Brenner die Szene.

Eine andere Nummer bereitet den Clowns ebenfalls Kopfzerbrechen: „Dabei wird ein Ballon so lange aufgepustet, bis er platzt. Da hatten wir Bedenken, ob das nicht schlimme Erinnerungen an Bomben wachruft“, erzählt die gelernte Schauspielerin. Doch die Kinder im Lager sind begeistert, schreien „Akhbar, akhbar!“, also „Größer, größer!“ und johlen, als der Ballon schließlich platzt. „Ein Junge ist allerdings weinend weggerannt“, erinnert sich die 34-Jährige.

Der Grad für die Clowns ist schmal. Doch die Begeisterung, mit der sie bei ihrem zweiten Besuch im Flüchtlingslager empfangen werden, gibt ihnen recht. „Die Kinder haben sich noch an unser Einstiegslied vom Mai erinnert und gleich bei unserem Anblick gesungen.“ Die Begrüßung sei ein einziges Ziehen und Drücken gewesen, Hände überall, die Menschen hätten sie regelrecht umzingelt. „Ich hatte an jedem Finger ein Kind“, so Brenner. Manche machen anfangs noch eine Geldgeste, doch schnell wird klar, dass die Clowns andere Wohltaten spenden: Zuwendung und Streicheleinheiten zum Beispiel. Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann. Fast noch bedürftiger als die Kinder sind nach Brenners Einschätzung allerdings die Erwachsenen: Sie hätten sich mit der Zeit nach vorn gedrängelt und den Kindern bei der Vorstellung sogar die Sicht genommen.

„Die Menschen lechzen danach, abgelenkt zu werden und endlich mal wieder zu lachen“, erzählt sie. Bärtige Männer mit zunächst skeptischem Blick seien am Ende begeistert von ihrer Darbietung gewesen: „Ihr seid das Beste, was uns bisher in diesem Lager passiert ist“, so deren Lob. Drei Stunden verbringen die Clowns bei den Flüchtlingen, zeigen drei Shows vor rund 600 Zuschauern auf „höchstens 30 Quadratmeter Spielfläche“. Drei Stunden, die sich anfühlen wie zwei Tage. „Vor meiner Abreise hätte ich mir nicht in meinen wildesten Träumen ausmalen können, in welche Gesichter ich blicken werde“, sagt die Komikerin nachdenklich.

Rund 30 000 Flüchtlinge leben in dem Camp, in Zelten, aber auch immer häufiger in Lehmhütten. „Die Menschen werden gezwungenermaßen sesshaft“, erzählt die junge Frau. Die Situation im Lager sei schwierig, Medikamente und Nahrungsmittel ungleich verteilt, die hygienischen Verhältnisse katastrophal. „Frauen bringen ihre Kinder unter Olivenbäumen zur Welt.“ Viele Flüchtlinge seien traumatisiert. „Jeder hat etwas Schlimmes erlebt.“ Brenner ist daher ganz froh, dass sie die Sprache der Lagerbewohner nicht versteht. „Sonst wäre ich ganz erschlagen gewesen von den schlimmen Geschichten.“ Ihr sprachkundiger Begleiter berichtet ihr später. Zum Beispiel von Studenten, die gefoltert wurden. Von Eltern, deren Söhne und Töchter umgebracht wurden, nur weil diese demonstriert hatten. Von Kindern, die mit eigenen Augen zusehen mussten, wie ihre Väter erschossen wurden.

Eindrücke voller Widersprüche

Miriam Brenner nimmt viele Eindrücke mit nach Hause: Strahlende Kindergesichter und befreites Lachen gehören dazu. Aber auch Schreckensszenarien voll Tod und Gewalt, Bilder von Schwerstverletzten, Augen mit unendlich leerem Blick. „Nach meiner Rückkehr dauert es ein paar Wochen, bis meine Gedanken wieder im deutschen Alltag ankommen“, sagt Brenner, die Clowns früher völlig unlustig fand. Pausenclown im Zirkus wäre auch heute für sie undenkbar. Stattdessen arbeitet die engagierte Frau für den Verein „KlinikClowns“, besucht krebskranke Kinder im Krankenhaus, geht in Altenheime oder ist als Sterbebegleiterin aktiv. Die Komikerin nimmt ihre Aufgaben ernst, trotz Pappnase und Kostüm: „Jeder Mensch wünscht sich Wertschätzung und echte Anteilnahme.“ Angst habe sie nicht vor einer Reise nach Syrien, aber Respekt. Im kommenden Jahr will sie wieder ihre Koffer packen, um Menschen mitten im Elend ein wenig Glück zu schenken.

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