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Kommentar

Zum Glück vereint

Ein Kommentar von Reinhard Zweigler, MZ

Die deutsche Einheit geht in ihr 25. Jahr. Sie ist also sozusagen ausgewachsen. In Hannover, wo heuer der offizielle Staatsakt stattfindet, und an vielen anderen Orten wird gefeiert. Es haben sich Routine und Alltag eingestellt. Dabei sollten wir nie vergessen, dass die friedliche Revolution in Ostdeutschland und die folgende Vereinigung von Ost und West unseres Vaterlandes beinahe ein Wunder, zumindest ein wunderbarer Glücksfall der Geschichte war.

Zumal die deutsche Historie übervoll von tragischen Ereignissen, verhängnisvollen Kriegen und Verheerungen ist. Die Ereignisse von 1989 und 1990, die damals allen den Atem verschlugen – „Wahnsinn“ war der meistgebrauchte Ausdruck nach dem Fall der Mauer – lassen auch im Nachhinein noch Stolz aufkommen. Die eher zum Jammern neigenden Deutschen in Ost und West haben etwas fertiggebracht, um das sie von Briten, Spaniern, Ukrainern, Koreanern beneidet werden. Statt Abspaltung haben sie die Einheit. Zwischen der Insel Rügen und der Zugspitze, zwischen Oder und Rhein ist ein größeres Deutschland entstanden, das – trotz aller Probleme – wirtschaftlich stark und sozial sicher ist. Und das die Nachbarn, trotz seiner Größe, nicht ängstigt. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Deutschen sind zu ihrem Glück vereint, sagt die aus der Uckermark in Brandenburg stammende deutsche Bundeskanzlerin. Angela Merkel steht für dieses neue Deutschland wie keine andere Politikerin, kein anderer Politiker. Sie regiert das Land unaufgeregt, manche sagen sogar naturwissenschaftlich unterkühlt, aber dennoch effektiv, nach vorne schauend. Es mag Zufall sein, dass auch Bundespräsident Joachim Gauck, der frühere evangelische Pfarrer und Bürgerrechtler aus Rostock, ein Ostdeutscher ist. Dass Gauck sich öffentlich Gedanken macht über die künftige Rolle Deutschlands in der Welt, in den internationalen Konflikten, hat ihm viel Kritik eingebracht, aber auch viel Anerkennung. Er ist ein Mann, der Anstöße zu geben vermag. Und die braucht das Land auf seinem Weg in die Zukunft, in die fortschreitende Digitalisierung und Globalisierung, angesichts der Herausforderungen durch Klima und Demografie.

Vor 25 Jahren haben Frauen und Männer in Ost und West den Mut und die Kraft gefunden, etwas nicht Vorhergesehenes zu wagen. Der friedliche Sturz der SED-Diktatur, das Eindrücken der Mauer, die Ost und West 28 Jahre lang unmenschlich trennte, die Wiedervereinigung auf vertraglicher Grundlage, wie das die ordnungsliebenden Deutschen nun mal tun – für all das gab es kein Lehrbuch. Nur das Lernen im Ausprobieren. Der gewaltige Einigungsvertrag zwischen der BRD und der sich auflösenden DDR hat die Weichen im Großen und Ganzen gut gestellt.

Freilich hat die Realität hier und da Korrekturen erfordert. Mit den Kosten sowie den Schwierigkeiten der Einheit im Detail hatten sich Kanzler Helmut Kohl und sein Kassenwart Theo Waigel damals zum Teil auch verschätzt. Am Solidaritätszuschlag, der einst nur für den Aufbau der neuen Länder gedacht war, tragen wir heute noch. Obwohl die Infrastruktur im Osten inzwischen teilweise besser ausgebaut ist als in vielen Teilen des Westens. Auf der anderen Seite hängen die Ost-Länder wegen geringerer Wirtschafts-und Steuerkraft noch immer am Tropf des Bundes, sind auf Zuwendungen der reicheren Länder angewiesen. Künftig müssen die Förderungen jedoch rein nach der Bedürftigkeit, nicht mehr nach der Himmelsrichtung ausgerichtet werden. Trotz oder gerade wegen unserer deutsch-deutschen Probleme ist der 3. Oktober ein Tag des Innehaltens, ein Tag der Freude über die Einheit.

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