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Jenseits der Mitte

Was wäre, wenn es die Überfälle auf unschuldige Menschen in der Münchner U-Bahn nicht gegeben hätte?` Die Union wäre um ein Wahlkampfthema ärmer. Mehr wäre leider nicht passiert. CDU/CSU sind Hessens Landesvater Roland Koch (CDU) sicher dankbar, dass er mit seinem Vorstoß für härtere Strafen für gewalttätige jugendliche Ausländer den Schwesterparteien ein publikumswirksames Thema präsentiert hat, das gut ins beginnende Wahljahr passt. Sonst hätten sich die Unionsparteien am Ende noch mit dem Thema Mindestlöhne weiter befassen müssen, mit dem sie so gar nicht gegen die SPD punkten können. Das Tragische allerdings ist, dass ein viel zu lange verschlafenes Thema jetzt zwar diskutiert wird, die wahren Ursachen allerdings im lauten Getöse der Wahlkämpfe wohl nicht wahrgenommen werden.

Gewalt gegen Unbeteiligte gibt es nicht erst seit München. Allerdings war sie wohl selten so plakativ zu sehen wie auf den Überwachungsvideos. Die Dimension der Gewalt, von der seit den Tritten gegen die Köpfe der ohnehin schon wehrlos am Boden liegenden Opfer gesprochen wird, ist so neu auch nicht. Sie gehört seit Jahren zum erschreckenden Repertoire der rechten Schläger bei Überfällen, auf Volksfesten und Demonstrationen. Das Wichtigste wird in der aktuellen Diskussion übersehen: Die Gewalt ist kein Migrantenkind. Sie lebt als Kind von Deutschen ebenso, wie als Kind von türkischen, iranischen oder sonstigen Einwanderern in Haushalten des Prekariats, über das vor nicht allzu langer Zeit heftigst diskutiert wurde.

Sicher, die Häufung von brutalen Überfällen auf Deutsche durch Jugendliche mit Migrationshintergrund ist auffällig. Nicht bedacht wird, dass die Täter ein zweites Merkmal haben: Sie kommen aus Familien der Unterschicht, haben Benachteiligung und Ausgrenzung erlebt, kommen aus schlechten familiären Hintergründen. In ihnen schlummert eine aggressive Mischung: Frustration und Langeweile. Das klingt bekannt: Das „Rohmaterial“, aus dem Neonazi-Funktionäre ihre rechten Schläger formen, ist ähnlich gestrickt.

Es ist bezeichnend, dass die Fachleute mahnen, eine Verschärfung der bestehenden Gesetze oder die Drohgemälde von Erziehungslagern und Ausweisungen seien nicht sinnvoll, dass aber die Politiker glauben, es besser zu wissen. Und warum? Weil es leichter ist, sich mit populären Forderungen zu profilieren, als lange nach Erklärungen zu suchen – die am Ende sogar noch eigene Fehler ans Tageslicht fördern. Roland Koch selbst, der sich jetzt als Law-and-Order-Mann präsentiert, hat in seiner Amtszeit den Polizeiapparat in Hessen massiv reduziert. Wobei die Folgerung, dass das Problem der Gewalt mit höherer Polizeipräsenz alleine in den Griff zu bekommen, auch zu einfach ist.

Bezeichnend für die grundverkehrte Instrumentalisierung der Jugendgewalt ist die Haltung der Kanzlerin: Mahnte Angela Merkel noch zu Anfang der Debatte zur Zurückhaltung und ließ verlauten, dass sie erst einmal den Verlauf der Diskussion abwarten wolle, tritt sie nun, wo ihre Partei auf Kochs Zug aufgesprungen ist, ebenfalls für härtere Strafen ein. An der Wahlurne ist so etwas sicher wirksam.

Interessanterweise hatte die Kanzler-in aber erst wenige Tage zuvor in ihrer Neujahrsansprache eine „Kultur des Hinsehens“ angemahnt. Zwar bezog sie sich auf die erschreckende Zahl vernachlässigter und getöteter Kinder im vergangenen Jahr. Allerdings gilt das von Merkel ausgegebene Motto auch für die Politik: Wer genau hinsieht, sollte erkennen, dass in Deutschland auch am unteren Rand der Gesellschaft, jenseits der Mitte, die derzeit von allen Seiten umgarnt wird, Menschen leben. Welches Frustpotenzial dort schlummert, ist seit München einmal mehr deutlich geworden. Es ist höchste Zeit, diese tickende Bombe zu entschärfen.

von Christian Kucznierz, MZ

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