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Rebell im Korsett der Unfreiheit

Das Theater Regensburg spielt in der Alten Mälzerei. Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ sind auch heute noch packend.
Von Ulrich Kelber, MZ

Patrick Hellenbrand (Albert), Markus Hamele (Werther) und Sabine Schramm (Lotte) Foto: Zitzlsperger

Regensburg. Eine „Werther“-Welle schwappt durch die Theater. Ausgelöst wurde sie 2006 durch Jan Bosse, dessen Produktion am Berliner Gorki-Theater zu den besten Inszenierungen des Jahres gekürt wurde. Seitdem gibt es „Werther“ allerorten – von Kiel, Bremen bis Zürich, von Darmstadt, Göttingen, Hannover bis Braunschweig. Die Bandbreite reicht dabei von der aufgemotzten Pop-Revue bis zum hochsensiblen Monolog.

Der Respekt vorm Text

Auch das Regensburger Theater mit seiner Jugendsparte „Regenbogen“ schwimmt mit. Bei der Premiere am Samstag in der Alten Mälzerei gab es sehr freundlichen Beifall – aber keine Bravo-Rufe. Warum nicht? Regisseurin Caroline Ghanipour scheint es darauf gar nicht abgesehen zu haben. Ihre Inszenierung ist analytisch und eher kühl angelegt, biedert sich nicht mit Gefühlsüberschwang und Seelenpein an. Sympathisch ist, wie respektvoll Caroline Ghanipour mit der Textvorlage umgeht. Sie hat selbst die Bühnenfassung aus Goethes Briefroman von 1774 erarbeitet. Sie bleibt ganz werkgetreu. Und ihre Textauswahl ist so geschickt, dass die Handlung auch für diejenigen Theaterbesucher verständlich ist, zu deren Lektüre der Goethe-Roman noch nicht gehört hat. Es wird kein Jugendjargon eingestreut, es gibt keine „modernisierenden“ Textzutaten. Die einzige Abweichung: Werthers Ende wird schon als Prolog vorweggenommen. Es fällt kein Schuss – die Regisseurin mag lieber leise, dennoch eindringliche Töne.

Die gefährdete Existenz

Im schwarzen Theatersaal der Mälzerei dienen zwei einfache Podeste als Spielraum (Bühnenbild: Andreas Carben). Eines ist weiß und leicht erhöht, die fest gefügte „bürgerliche“ Ebene. Kinderstühlchen und ein Mini-Klavier sind – als ironische Zitate – die einzigen Requisiten. Werther allerdings agiert fast ausschließlich auf dem zweiten, dem niedrigen Podest. Hier wühlt er mit seinen Händen in der Erde. Der Boden ist nachgiebig, bietet keinen festen Stand – ein schönes Symbol für die gefährdete Existenz.

Irritierend sind dagegen die Kostüme (Janne Gronemeyer). Warum nur steckt Albert, der biedere Durchschnittsmann, in einem dandyhaften weißen Anzug? Warum wirkt Werther von Anfang an so abgerissen, fast wie ein Penner? (So könnte man sich allenfalls den Edgar Wibeau in der Plenzdorf-Version „Die neuen Leiden des jungen Werther“ vorstellen.) Und fast wie eine Gemeinheit mutet an, dass die aparte Lotte mit Gummistiefeln und einem absonderlich grünen Hosenrock ausstaffiert wird.

„Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnehmung an mir und meinem Schicksal“, schwärmt Werther und davon, „wie wert ich mir selbst werde, wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt.“ Doch kein wilder Flirt: Sabine Schramm, die Lotte in Regensburg, kokettiert allenfalls, gibt sich zart und innig. Die Regisseurin will nicht, dass Lotte als selbstbewusste Frau von heute wirkt, die tatsächlich die Wahl hätte. In diesem Rahmen macht Sabine Schramm ihre Sache recht ansprechend.

Und der von Patrick Hellenbrand verkörperte Albert? Er ist nicht in erster Linie der redlich-brave Gegenspieler zu Werther, er tritt in der Aufführung mehr als alerter Conferencier in Erscheinung, demonstriert perfekte Spielfreude und blendendes Können, rückt fast zu stark in den Vordergrund.

Schließlich Markus Hamele als Werther. Er ist durchaus der leidenschaftliche Schwärmer. Er zerbricht nicht nur an der Unmöglichkeit seiner Liebe, seine Verletzungen resultieren auch aus der durch die rigiden gesellschaftlichen Normen bedingten Unfreiheit. So erscheint bei Hamele am Schluss Werther als resignierter Rebell, glaubwürdig gerade durch den Verzicht auf Exaltiertheit. Der Regensburger „Werther“ ist empfehlenswert – und das nicht nur für Jugendliche.

Abendvorstellungen am 29. und 30. Oktober, 19.30 Uhr, in der Alten Mälzerei, Galgenbergstraße 22; ansonsten viele Vormittagsaufführungen. Infos und Karten unter Tel. (0941) 5072424

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