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Sprit, Sex, Medikamente: Böhmische Grenzdörfer locken West-Kunden

Schilder eines Nachtclubs und eines Casinos nahe dem tschechischen Folmava locken am Straßenrand.

Billiger Sprit und billige Frauen - mit diesem Image müssen viele tschechische Dörfer und Städte im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet leben. Insbesondere an den Wochenenden setzen sich in Deutschland ganze Karawanen in Bewegung, um beim östlichen Nachbarn preiswert zu tanken, auf den so genannten Vietnamesenmärkten einzukaufen oder die Dienste von Prostituierten in Anspruch zu nehmen. In etlichen Grenzorten bestimmt das Gewerbe rund um die Sex-Touristen das Bild. An den Hauptstraßen reihen sich Bordelle mit ihren roten Leuchtschriften aneinander und auf den Landstraßen warten die Frauen auf Kundschaft.

Während die zwielichtigen Geschäfte zunächst als Devisenbringer geduldet wurden, wollen die tschechischen Behörden dem Treiben nun Einhalt gebieten. Denn längst fordern die Kommunen von der Regierung verbindliche Regeln zur Beschränkung des mancherorts ausufernden Straßenstrichs. Nach Behördenangaben aus Prag bescheren die Freier dem Rotlichtmilieu in Tschechien einen Umsatz von durchschnittlich rund 850 000 Euro täglich.

Künftig allerdings dürfen tschechische Kommunen laut einem Grundsatzurteil die Sex-Industrie aus dem öffentlichen Raum verbannen. Die sexuellen Dienste könnten bei Heranwachsenden den falschen Eindruck erwecken, solche Handlungen würden den Normalfall darstellen, entschied das Verfassungsgericht in Brno (Brünn) im März. Sitte und Moral sei wichtiger als die möglichen Nachteile eines Verbots der Straßenprostitution, betonten die Richter.

Um die Frauen und ihre Freier vor Aids und anderen Krankheiten zu schützen, gibt es seit knapp elf Jahren bei der Regierung der Oberpfalz in Regensburg das Projekt „Jana“. Das Präventionsprojekt hat eine Beratungsstelle im grenznahen Domazlice eingerichtet, zwei Streetworkerinnen besuchen in einem 150 Kilometer langen Streifen regelmäßig die Prostituierten. „Zu Beginn betreuten wir dort 20 Clubs, jetzt sind es etwa 70“, macht Projektleiterin Elisabeth Suttner-Langer die Dimension des Sex-Booms klar. Schätzungsweise etwa 400 Prostituierte arbeiteten dort.

Rund 120 davon haben 2006 die Hilfe von „Jana“ in Anspruch genommen. Seit ein paar Monaten fahren die Projektmitarbeiter die Region mit einer mobilen Ambulanz ab, so dass die Frauen für die HIV- oder Hepatitis-Tests nicht mehr in entfernte Praxen kommen müssen. Die Frauen kommen zum großen Teil aus der Ukraine und werden häufig mit falschen Versprechungen in die Bordelle gelockt. Juristisch sei das vielleicht kein Frauenhandel - moralisch aber oftmals sehr wohl, findet Suttner-Langer. Sie weiß, dass einige Prostituierte von einer festen Beziehung und einer Hochzeit in Deutschland träumen - während sie im tristen Alltag gewerblichen Sex anbieten.

Auch die Freier, die mitunter trotz der Risiken ungeschützten Geschlechtsverkehr wollen, würden die „Jana“-Mitarbeiterinnen gerne aufklären. Aber an die sei nur schwer heranzukommen, sagt die Projektleiterin. „Außerhalb der Szene fühlt sich jeder Mann beleidigt, wenn er als Kunde angesprochen wird.“

Die bayerische Grenzpolizei beobachtet unterdessen immer wieder, dass Männer in diesem Milieu ausgeraubt werden. Die Freier würden von den Frauen in Privatwohnungen gelockt, wo ihnen dann Komplizen die Wertsachen abnehmen, berichtet Thomas Plößl vom Regensburger Polizeipräsidium. Auch mit K.O.-Tropfen werde gearbeitet. Plößl glaubt, dass solche Straftaten oft gar nicht angezeigt werden. „Viele verschweigen das aus gutem Grund“, meint der Polizeisprecher. „Es soll ja zu Hause nicht rauskommen.“

Doch in den Grenzdörfern sind nicht nur die Bordelle beliebt. Auch Spielkasinos und Wochenmärkte ziehen zehntausende Bayern und Sachsen an. Auf den Märkten, wo viele Händler asiatischer Herkunft Verkaufsbuden haben, gibt es vom Gartenzwerg über Kleidung bis zu Zigaretten und Schnaps fast alles zu kaufen. Die Waren sind dabei teilweise gefälschte Markenprodukte. Bei ihren Schnäppchen-Einkaufstouren ist den Kunden das egal - es kann aber auch böse Folgen haben.

Denn auf den Märkten ist der Handel mit Arzneien der neueste Trend. Wegen der im Vergleich zu Deutschland oft billigeren Medizin hat sich ein reger „Apotheken-Tourismus“ entwickelt. Die tschechische Ärztekammer CLK warnt allerdings eindringlich vor dem Kauf der Medikamente. Vor allem Schmerzmittel seien oft gefälscht oder nach einer falschen Lagerung gesundheitsschädlich, sagen die Mediziner.

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